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Zukunft von Karstadt:Gedankenspiele zum Schluss-Verkauf

Was passiert mit Karstadt: Der Warenhausbetreiber Maurizio Borletti will sein Kaufangebot nachbessern. Chancen hat er nur, wenn der Vertrag mit dem Investor Nicolas Berggruen platzt. Denkbar sind fünf Szenarien.

Die Zeit des Verhandelns, Verzögerns und Verhinderns geht zu Ende. Knapp 15 Monate nach Anmeldung der Insolvenz soll in Kürze klar sein, wie es bei Karstadt weitergeht. Kurz vor der Entscheidung wird aber noch einmal kräftig gerangelt. Der italienische Warenhausbetreiber Maurizio Borletti will seine Offerte noch einmal nachbessern. Chancen hat er aber nur, wenn der Kaufvertrag mit Investor Nicolas Berggruen platzt.

Karstadt - Verhandlungspoker geht weiter

Die Beschäftigten von Karstadt, im Bild eine Filiale in Dortmund, brauchen viel Geduld.

(Foto: dpa)

Auf den Start der Fußballbundesliga an diesem Wochenende hat sich die Warenhauskette Karstadt wie üblich gut vorbereitet. Vom Heimtrikot des FC Bayern bis zur Eieruhr mit dem Emblem des Zweitligisten Hertha BSC ist alles im Angebot, was Fans interessieren könnte.

Gut möglich aber, dass es die letzte Spielzeit ist, die die seit Sommer vergangenen Jahres insolvente Warenhauskette, die auch der größte Sportartikelhändler in Deutschland ist, begleitet. Denn schon am 3. September könnte das Spiel aus sein für Karstadt. An diesem Tag will das Amtsgericht Essen über die Annahme des Insolvenzplans entscheiden - nachdem die Frist bereits dreimal verlängert worden ist.

Die Richter können dem Plan nur zustimmen, wenn der bereits vor zwei Monaten mit dem Investor Nicolas Berggruen unter Vorbehalt geschlossene Kaufvertrag vollzogen ist. Dafür müssen Berggruen und das Vermieterkonsortium Highstreet ihren Streit über Änderungen des Mietverhältnisses beilegen. Fünf Szenarien sind denkbar:

Berggruen einigt sich mit Highstreet

Berggruen hat den Vermietern bereits erhebliche Zugeständnisse abgetrotzt, über die aber noch die Gläubiger von Highstreet auf einem Treffen am 2. September entscheiden müssen. Denn neue Mietkonditionen für die einst zum Preis von mehreren Milliarden Euro erworbenen Warenhäuser erfordern auch neue Darlehensvereinbarungen. Allerdings sind die Reihen im Vermieterkonsortium, dessen Hauptakteure Goldman Sachs und die Deutsche Bank sind, dem Vernehmen nach nicht geschlossen. Goldman Sachs soll die Lösung mit Berggruen favorisieren. Der Deutschen Bank, die Geschäftsbeziehungen zu Borletti unterhält, wird Sympathie für die Offerte des Italieners nachgesagt.

Wird der Kaufvertrag, den Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mit Berggruen geschlossen hat, rechtskräftig, wird sich der neue Eigentümer an seinen Versprechungen messen lassen müssen. "Keine Entlassungen, keine Häuserschließungen" - mit dieser Zusage hatte er früh vor allem die Vertreter der Arbeitnehmer auf seine Seite gezogen. Allerdings hat er sich eine Aufteilung der Häuser in Premium-, Sport- und Standardstandorte genehmigen lassen. Das ist für manche Beobachter ein Indiz dafür, dass er auf mittlere Sicht zumindest mit der Veräußerung von Teilen liebäugelt. Weil Berggruen sich aus Sicht der Vermieter bisher wenig bewegt hat, ist nicht auszuschließen, dass der Kaufvertrag mit Berggruen platzt.

Kaufvertrag mit Berggruen platzt

Das könnte die Chance sein für einen Akteur, der das Geschehen bisher nur als Beobachter verfolgt und zu seinem großen Verdruss nicht eingreifen kann: Maurizio Borletti. Der italienische Warenhausbetreiber hat lange nach Schalterschluss ein Kaufangebot vorgelegt und findet deshalb bei Insolvenzverwalter Görg kein Gehör. Denn der sieht sich an den Vertrag mit Berggruen gebunden. Aber anders als der deutsch-amerikanische Milliardär ist sich Borletti mit Highstreet über die Mietkonditionen einig. In den nächsten Tagen will er seine Offerte für Karstadt in einigen Punkten noch einmal nachbessern und einen aus seiner Sicht unterschriftsreifen Vertrag vorlegen. Görg lässt sich davon nicht beeindrucken: "Im Moment habe ich einen Vertrag mit Berggruen. Und an einen Vertrag muss man sich halten." Kommt der nicht zustande, wird es nicht unmittelbar zur Liquidation kommen. Zunächst dürfte sich der Gläubigerausschuss dann das vermeintlich unterschriftsreife Vertragsangebot von Borletti ansehen. Für dessen Prüfung und mögliche Nachverhandlungen bleibt allerdings nicht viel Zeit, denn ohne Kaufvertrag wird das Gericht den Insolvenzplan am 3. September ablehnen. Nicht ausgeschlossen ist deshalb folgende Variante:

Das Verfahren beginnt bei null

In diesem Fall könnte der Gläubigerausschuss ein neues, möglicherweise verkürztes Bieterverfahren in Gang setzen. Auch auf diese Weise könnte Borletti - aber auch ein anderer Interessent - wieder ins Spiel kommen. Allerdings ist es fraglich, ob Karstadt so viel Zeit bleibt. Denn ein anderer Termin ist für die Beteiligten wichtig: Im September beginnen die Gespräche mit Modeherstellern über die Bestellungen für die Frühjahrs- und Sommerware. Ohne zu wissen, wohin die Reise bei Karstadt geht, wird Görg keine Bestellungen abzeichnen. Denn dann müsste er später persönlich für mögliche offene Rechnungen haften. Bei der Karstadt-Schwester Quelle hatte die Bestellfrist für Frühjahrs- und Sommerware einst am 28. Oktober geendet. "So viel Zeit ist diesmal nicht", heißt es aus dem Büro Görg. Viele Beobachter halten es deshalb für wahrscheinlich, dass sich die Beteiligten im Fall eines Scheiterns der Verhandlungen mit Berggruen sehr zügig einigen werden:

Borletti erhält den Zuschlag

Auch der italienische Unternehmer hat zugesagt, Karstadt ohne Entlassungen und Standortschließungen voranzubringen. Zwar verdient das Unternehmen derzeit trotz eines kräftigen Umsatzeinbruchs Geld. Aber möglich ist das nur mit kräftigen, teilweise befristeten Sparmaßnahmen. Zu erwarten ist deshalb, dass Borletti bald mit Metro-Chef Eckhard Cordes über Allianzen im Warenhausgeschäft sprechen würde.

Der Konzern wird liquidiert

Unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen ist, dass Karstadt wie Quelle am Ende doch in Einzelteilen verkauft wird. Für einen Großteil der 25 000 Mitarbeiter gäbe es aber auch dann eine Perspektive. Denn für zahlreiche Warenhäuser gibt es Interessenten. Allein Metro würde wohl etwa 50 Standorte übernehmen, um das Netz seiner Warenhaustochter Kaufhof zu ergänzen.

© SZ vom 21.08.2010/pak
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