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Rinderhaltung:Masse statt Klasse in deutschen Ställen

Kühe im Stall

Die umstrittene Anbindehaltung von Kühen ist besonders in Bayern und Baden-Württemberg verbreitet.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Zwölf Millionen Rinder leben auf Bauernhöfen in Deutschland. Viele davon stehen auf Böden, die Entzündungen verursachen. Ein Überblick über die Haltungsbedingungen in deutschen Ställen - mit Grafiken.

Und dann stirbt auch noch Deutschlands angeblich schönste Kuh. "Lady Gaga", in vielen tierischen Schönheitskonkurrenzen preisgekröntes Holstein-Rind aus Essen im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg, wurde 13 Jahre alt. Ihr Tod fällt in eine Woche, in der die Landwirtschaft - und ganz besonders die Großviehhaltung - sogar die Kanzlerin beschäftigten.

Angela Merkel empfing am Montag etwa 40 Landwirte und Vertreter landwirtschaftlicher Verbände zu einem sogenannten Agrargipfel. Zuvor waren Tausende Bäuerinnen und Bauern auf ihren Traktoren durch das Zentrum Berlins gezogen. Sie protestierten gegen ein Paket von strengeren Umweltauflagen, mit dem die Bundesregierung gegen das Artensterben auf den Feldern und - auf massiven Druck der EU - auch gegen die Nitratbelastung des Grundwassers in vielen ländlichen Teilen Deutschlands vorgehen will.

Die Bauern stehen vielfach unter Druck: Der Handel zahlt immer geringere Preise für Fleisch und Milch, in Folge sinkt die Zahl der Höfe seit Jahren. Den größten Teil der rund 12 Millionen Rinder in Deutschland machen mit vier Millionen die Milchkühe aus. Deutschland produzierte 2018 mehr Milch als jedes andere EU-Land: 32,5 Millionen Tonnen lieferten deutsche Bauern an Molkereien. Die fast 2,5 Millionen Kälber und Jungrinder sind der zweitgrößte Teil des Bestands, Kühe bringen in Deutschland jedes Jahr ein neues Kalb auf die Welt.

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Die Haltung ist vor allem auf Milchkühe ausgerichtet. Bauern ziehen ihre weiblichen Rinder groß, damit sie bald selber ein Kalb bekommen und Milch geben. Männliche Rinder haben in dem System auf Dauer keinen Platz - wenige mit besonders guten Werten werden als Zuchtbullen gehalten, der Rest landet recht früh auf dem Schlachthof. Die ein- bis zweijährigen weiblichen Tiere (Färsen) sind deshalb doppelt so stark vertreten wie die Bullen und Ochsen in diesem Alter. Bei den über zweijährigen Rindern ist der Anteil von Bullen und Ochsen nur noch verschwindend gering.

Bayern führt das Rinder-Ranking an

Ein Blick auf die Bundesländer zeigt, dass manche davon stark von der Viehwirtschaft geprägt sind, während andere vergleichsweise wenige Rinder haben. Mit Abstand am meisten Rinder und auch Milchkühe hat das Bundesland Bayern, hier leben mehr als drei Millionen Rinder und fast 1,2 Millionen Milchkühe.

Auch in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es ausgesprochen viele Rinder und Milchkühe. Ungewöhnlich ist auch Schleswig-Holstein, denn obwohl das Bundesland von der Fläche her ziemlich klein ist und an zwölfter Stelle rangiert, steht es in den Bundesländer-Rankings der Rinder und Milchkühe jeweils auf Platz vier.

Bio-Milchkühe sind nur eine Minderheit

Den Großteil der Milch in Deutschland produzieren konventionelle Betriebe. Ihr Anteil an den Milchkühen insgesamt betrug der Agrarstrukturerhebung 2016 zufolge nur vier Prozent. Das Bundesland mit den meisten Öko-Milchkühen ist Baden-Württemberg mit mehr als acht Prozent, am wenigsten haben Schleswig-Holstein und Niedersachsen mit etwa einem Prozent.

Bei der ökologischen Haltung zeigt sich auch, dass die Herden deutlich kleiner sind als bei der konventionellen Haltung. So gab es der Agrarstrukturerhebung 2016 zufolge besonders viele Öko-Milchkühe in Betrieben, die bis zu 50 Tiere halten, während der Anteil in größeren Herden deutlich kleiner ist. Dagegen steht die Hälfte aller deutschen Milchkühe in konventionellen Betrieben mit Herdengrößen zwischen 50 und 200 Tieren. Mehr als ein Zehntel der Milchkühe lebt sogar in Herden von 500 und mehr Tieren.

Wie Rinder gehalten werden

Sechs von zehn deutschen Rindern leben in Ställen mit sogenannter Güllehaltung. Das bedeutet, sie stehen auf so genannten Spaltenböden. Diese Art der Haltung ist für Bauern besonders günstig. Für Rinder sind die Betonböden mit Abflussspalten für Gülle nicht optimal, sie leiden oft unter entzündeten Klauen und Gelenken. In der Haltung von Milchkühen ist der Anteil von Spaltenböden sogar noch größer, acht von zehn Milchkühen stehen auf solch harten Böden. Eine Alternative ist die Festmisthaltung, bei der eine dicke Lage aus Stroh auf dem Stallboden die Gülle auffängt und durchsickern lässt. Diese Schicht wird regelmäßig ausgewechselt. Doch nur jede fünfte Milchkuh in Deutschland steht in solch einem Stall.

Neben der Bodenbeschaffenheit spielt es auch eine Rolle, wie die Tiere sich im Stall bewegen können. Laufställe sind inzwischen recht weit verbreitet, Rinder können sich darin frei bewegen. Doch speziell im Süden Deutschlands setzen viele kleinere Landwirte noch immer auf die umstrittene Anbindehaltung, bei der Rinder teils das ganze Jahr über ohne Auslauf an einer Stelle fixiert sind. In Bayern steht mehr als die Hälfte der Milchkühe in Anbindeställen, doch bayerische Molkereien wollen ab 2021 für Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung weniger bezahlen. Sie haben mit den Bauern aber einen Kompromiss für den Übergang ausgehandelt, der bei schrittweisen Verbesserungen keine Abzüge vorsieht. Eine klare gesetzliche Vorgabe für ein Ende der Anbindeställe fehlt bislang.

Regionale Kuhrassen in Süddeutschland

Bei Milchkühen spielt auch die Rasse eine Rolle. So ist zum Beispiel in Bayern Fleckvieh besonders stark verbreitet, mehr als drei Viertel aller bayerischen Kühe gehören zu dieser Rasse, die auf eine Doppelnutzung als Milch- und Fleischvieh gezüchtet ist. Laut der Bayerischen Milchleistungsprüfung 2018 produzierte die durchschnittliche Fleckvieh-Kuh im Jahr 7930 Kilogramm Milch.

Stark auf die Milchnutzung dagegen ist die Schwarzbunte Kuh gezüchtet. In Schleswig-Holstein ist sie die am weitesten verbreitete Sorte, sieben von zehn Kühen gehören zu dieser Rasse. 2018 gab eine Schwarzbunte im hohen Norden im Durchschnitt mehr als 9000 Kilo Milch. Doch auch in anderen Bundesländern findet sich diese Kuh mit Durchschnittswerten von mehr als 9000 Kilo je Jahr, in Nordrhein-Westfalen waren es 2018 sogar mehr als 9500 Kilo Milch.

Die Leistung der Kühe stieg nicht innerhalb weniger Jahre so stark an, sondern wuchs kontinuierlich über einen langen Zeitraum. So waren im Jahr 1970 mehr als ein Fünftel der Milchkühe acht Jahre oder älter. 1995 hatte sich dieser Wert halbiert und sank in den Folgejahren noch ein Stück weiter. In den letzten Jahren ist der Anteil der alten Kühe bei etwas über acht Prozent stehen geblieben. Dagegen wuchs über die Jahre der Anteil der Kühe unter vier Jahren.

Bauern müssen entscheiden, welche Kuh im Stall Platz machen muss, wenn ein neues Kalb geboren wurde. Dazu verwenden sie Daten aus der Milchüberprüfung, die in bestimmtem Umfang für jedes einzelne Tier vorliegen. Eine Folge davon: Der Gesamtbestand der Tiere wird immer jünger.

Tierschutz: Wenig aussagekräftige Zahlen

Tierschutz bei der Nutztierhaltung ist in Deutschland ein komplexes Thema. Zuständig dafür sind die Amtstierärzte, sie kontrollieren auf Kreisebene, ob Betriebe die Lebensmittelsicherheit und das Wohl der Tiere beachten. Oft bemängeln die Ärzte, dass sie mit viel zu wenig Personal ausgestattet seien, um systematisch erfassen zu können, welche Betriebe gegen gesetzliche Auflagen verstoßen.

Insgesamt lässt sich aus der Anzahl von gemeldeten Verstößen oder dem Anteil von Betrieben mit Verstößen nicht direkt herauslesen, ob zum einen besonders viele Betriebe Tiere schlecht behandeln, und wie zum anderen die Behörden arbeiten. Eine hohe Beanstandungsquote kann auch einfach bedeuten, dass Kontrolleure einen guten Job machen, während sie anderswo nicht so engagiert sind.

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