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Riester-Rente:Wette auf ein langes Leben

Geld: Seniorin hält Geldscheine in der Hand

Ist das alles? Ruheständler sind oft überrascht, wenn sie ihren ersten Rentenbescheid in der Hand halten.

(Foto: imago/photothek)

Viele Riester-Sparer bekom­men im Ruhestand monatlich nur sehr wenig Geld ausgezahlt. Den wenigsten ist das vorher klar.

Fragt man Klaus Hermann nach der Höhe seiner Riester-Rente, muss er erst einmal grübeln. So genau wisse er das gar nicht, gibt der 65-Jährige zu. Nach einem Blick in seine Akten hat der ehemalige Staatsbedienstete aus dem Nordbadischen dann doch die Zahl parat: 55,69 Euro zahlt ihm sein Riester-Anbieter seit Herbst 2019 jeden Monat aus. Das sei keine Riesensumme: "Aber ich habe auch nicht viel erwartet", sagt Hermann. Deutlich mehr geärgert habe ihn, dass bei der Auszahlung der Mini-Rente vieles undurchsichtig gewesen sei: "Ich habe Tage gebraucht, um zu durchschauen, wie das funktioniert."

Zwischen 300 000 und 400 000 Bezieher einer Riester-Rente gibt es derzeit geschätzt in Deutschland. Etlichen von ihnen dürfte es vor der Auszahlung ihrer privaten Zusatzrente ähnlich ergangen sein wie dem Pensionär Hermann, der seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. "Für viele ist Riester eine Blackbox", sagt Thomas Hentschel, Altersvorsorgeexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Riester-Sparern sei oft nicht bewusst, dass für das angesparte Vermögen meist nur geringe Renten gezahlt werden. "Erst jüngst kam ein Verbraucher zu mir, der hatte 30 000 Euro Kapital angespart und bekam eine Riester-Rente von 85 Euro monatlich. Der hat sich doch sehr gewundert", berichtet Hentschel.

Aber nicht nur die Rentenhöhe birgt Überraschungen. Auch über die verschiedenen Arten der Auszahlung wissen viele nicht Bescheid - und darüber, dass sie die Riester-Rente voll versteuern müssen.

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Die Rentenhöhe

Wie hoch genau der Betrag ist, den sie als Rente bekommen, erfahren Riester-Sparer oft erst kurz vor Rentenbeginn. Bis drei Monate vor Auszahlung können sich Versicherer, Fondsgesellschaften oder Banken Zeit lassen, um den Kunden ein Angebot zu machen. Die Rentenhöhe hängt dabei unter anderem davon ab, wie lange und wie viel man in seinen Riester-Vertrag eingezahlt hat, wie hoch die Zulagen waren - und wie das Kapital verzinst wurde.

Einen Hinweis darauf, wie hoch die Riester-Rente ausfällt, gibt der jüngste Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung. Wer 2020 in Rente geht, bekommt demnach im Durchschnitt eine monatliche Riester-Rente von 113 Euro. Bis zum Jahr 2033 soll dieser Betrag auf 324 Euro steigen. Den Zahlen liegt allerdings von 2017 an eine Verzinsung des Riester-Kapitals von 2,5 Prozent zugrunde. Ab 2021 soll die Rendite steigen und ab 2024 bei vier Prozent liegen. Angesichts anhaltender Null- und Negativzinsen sind diese Werte eher unrealistisch.

Außerdem gelten die Beträge nur für Riester-Sparer, die stets den Höchstbetrag von vier Prozent ihres Bruttoeinkommens im Jahr angespart und damit die volle Förderung bekommen haben. "Das sind aber die wenigsten", sagt Merten Larisch, Altersvorsorgeexperte bei der Verbraucherzentrale Bayern. Alleine jeder fünfte der gut 16,5 Millionen Riester-Verträge ruht derzeit. Von den übrigen zahlen viele Sparer nicht die vollen Beträge ein und erhalten daher auch keine volle Förderung. Sehr häufig dürfte daher die Riester-Rente geringer sein, als im Rentenversicherungsbericht prognostiziert. Die Folge: "Die Riester-Rente reicht nicht aus, um eine Rentenlücke zu schließen", sagt Experte Hentschel.

Die Auszahlungsart

Riester-Sparer erhalten im Ruhestand eine lebenslange Rente. Bei Riester-Rentenversicherungen ist das automatisch der Fall. Bei Bank- oder Fondssparplänen kann man auch eine zweite Variante wählen. Dabei fließt aus einem Auszahlplan eine monatliche Mindestrente bis zum Alter von 85 Jahren. Danach übernimmt ein Versicherer die Auszahlung. Dafür wird zu Beginn der Rente ein Betrag vom angesparten Vermögen abgezweigt. Bei Klaus Hermann etwa zog der Anbieter 20 Prozent von den 25 000 Euro ab, die er mit einem Fondssparplan angesammelt hatte.

"Damit hatte ich nicht gerechnet", sagt Hermann: "Das stand im Vertrag nur im Kleingedruckten." Ähnlich wie Hermann seien auch andere Verbraucher überrascht davon, dass die Anbieter einen Teil des Kapitals entnehmen, um es erst später zu verrenten, berichtet Thomas Hentschel. Dass sie ein Wahlrecht haben, ist dabei vielen nicht bewusst. Hentschel rät daher dazu, frühzeitig vor dem Ruhestand vom Anbieter ein Angebot über die voraussichtliche Rentenhöhe und die Art der Auszahlung einzuholen. "Man sollte sich damit schon zwei, drei Jahre vor Rentenbeginn beschäftigen", sagt er: "Dann hat man noch die Möglichkeit, Alternativen zu finden." Denn auch das ist bei Riester möglich: Passt einem das Angebot nicht, das der eigene Anbieter macht, kann man wechseln.

Achten sollte man dabei auf den Rentenfaktor. Das ist der Betrag, den man als monatliche Rente für ein bestimmtes Vermögen bekommt. Er fällt je nach Anbieter unterschiedlich aus. So weist eine Untersuchung der Stiftung Warentest von 2017 für 15 Anbieter fondsgebundener Riester-Rentenversicherungen garantierte Rentenfaktoren zwischen 15 und 30 Euro je 10 000 Euro Kapital aus. Wer also 30 000 Euro angespart hat, erhält im schlechtesten Fall 45 Euro, im besten 90 Euro monatliche Rente. Und: Bei einem schlechten Rentenfaktor dauert es viel länger, bis man das angesparte Kapital über die monatliche Rente wieder rausbekommt. Im 15-Euro-Fall etwa sind es mehr als 50 Jahre. "Die Riester-Rente", sagt Merten Larisch deshalb, "ist eine Wette auf ein langes Leben, die man meistens nicht gewinnen kann."

Die Steuer

Die Beträge, die man in eine Riester-Rente einzahlt, sind steuerfrei. Die Auszahlungen dagegen müssen Ruheständler voll versteuern. Je nach Steuersatz schmälert das die Rente zusätzlich. Und es verlängert die Zeit, bis man das eingesetzte Kapital rausbekommt. Merten Larisch rät Riester-Sparern daher, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, sich 30 Prozent des Riester-Kapitals sofort auszahlen zu lassen - und nur das Restkapital zu verrenten. "Damit entzieht man dieses Geld dieser Wette auf das lange Leben ", sagt Larisch.

Gesetzlich ist das möglich. Man muss dabei aber ebenfalls auf die Steuer achten. Denn der auf einen Schlag ausgezahlte Betrag erhöht das Einkommen und damit den persönlichen Steuersatz. "Man sollte die Auszahlung daher möglichst ins erste vollständige Jahr des Rentenbezugs verschieben", sagt Larisch. Dann ist der Steuersatz in der Regel geringer. Eine solche Verschiebung kann man mit dem Anbieter vereinbaren.

Auch Klaus Hermann hat sich die 30 Prozent sofort auszahlen lassen. Was ihn das an Steuer gekostet hat? Auf die Frage hin muss er erneut grübeln. "Das kann ich nicht sagen", meint er dann: "Ich hoffe aber, dass die Steuer nicht alle Zulagen auffrisst."

© SZ vom 04.02.2020/hgn
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