Rheinau "Mini-Schweiz" testet das Grundeinkommen

Blick auf die Ortschaft Rheinau in der Schweiz: ein Durchschnittsort, eine "Mini-Schweiz".

(Foto: REUTERS)
  • Von 2019 an sollen die Bürger im schweizerischen Rheinau ein Grundeinkommen erhalten.
  • Es soll 2500 Franken betragen, also etwa 2200 Euro - wer mehr verdient, muss den Betrag wieder zurückzahlen.
  • Das Experiment soll also vor allem Geringverdienern helfen - quasi ohne Risiko.
Von Charlotte Theile, Rheinau

Es braucht nicht viel, damit ein Freitagabend zu etwas Besonderem wird. Zumindest nicht in Rheinau, einer Ortschaft mit 1300 Einwohnern in den Ausläufern des Kantons Zürich. Das Blues-Konzert unten im Kloster beschäftigt die Gemeinde seit Wochen. Noch wichtiger allerdings ist das, was an diesem Abend in der Mehrzweckhalle in der Mitte des Dorfes stattfindet.

Einige Hundert Menschen sitzen dicht an dicht, den Blick auf eine Powerpointpräsentation gerichtet. "Guete Obig Rheinau", guten Abend Rheinau, ist dort zu lesen. Gemeindepräsident Andreas Jenni steht im Foyer und begrüßt jeden Gast mit Handschlag. 360 Stühle haben sie aufgestellt, auf jedem liegen Kugelschreiber und Anmeldeformular bereit. Schon zehn Minuten vor Beginn sind alle Plätze belegt.

Wer die Schweiz kennt, weiß: Es geht um Geld.

Die Bürger von Rheinau haben sich an diesem Abend Ende August versammelt, weil sie hoffen, von 2019 an finanzielle Vorteile zu genießen. Normalerweise spreche er hier vor ein paar Dutzend Menschen, scherzt Andreas Jenni, heute richten sich Kameras und Mikrofone aus der ganzen Schweiz auf Rheinau. Ein Team von Wissenschaftlern ist angereist, um die Einwohner zu beobachten, eine ziemlich aufgeregte Regisseurin appelliert an Pioniergeist und Idealismus - es handle sich schließlich um eines der wichtigsten Themen unserer Zeit: das bedingungslose Grundeinkommen.

Das Grundeinkommen ist nicht egalitär, sondern elitär

Seine Einführung würde das Ende des Sozialstaats bedeuten. Denn konstruiert ist es nicht für einen Minimalverdiener - sondern für einen Lottogewinner. Gastbeitrag von Christoph Butterwegge mehr ...

Alle hier im Saal, junge Familien, Gymnasiasten, Rentner, Gutverdiener sollen Teil eines groß angelegten Experiments werden, ein Jahr lang 2500 Franken (etwa 2220 Euro) als bedingungslosen Grundstock erhalten. Das lohnt sich besonders für all jene mit kleinem Einkommen: Wer mehr als 2500 Franken verdient, muss das Grundeinkommen am Ende des Monats wieder zurückzahlen.

Die Idee dazu stammt von Regisseurin Rebecca Panian. "Irgendwann habe ich beschlossen, dass ich mein Leben nicht mehr nach einem Job ausrichten möchte, nicht mehr einfach Geld verdienen und sparen will. Stattdessen wollte ich das tun, was mich begeistert." In der Mehrzweckhalle ist es jetzt so still, dass man die Anmeldeformulare knistern hört.

Panian erzählt von der Abstimmung im Juni 2016, als die ganze Schweiz über demokratische Teilhabe, gute und schlechte Arbeit und die Frage, was man eigentlich zum Leben brauche, diskutierte. Spannend sei das gewesen, sagt die 39-Jährige. Aber auch sehr theoretisch. "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Warum probieren wir das nicht einfach mal aus?" Die Idee für das Projekt "Dorf testet Zukunft" und den Dokumentarfilm darüber war geboren.