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Konjunktur:Der stärkste Einbruch seit der Wiedervereinigung

Coronavirus · Dresden

Das Einkaufszentrums Altmarkt-Galerie in Dresden durfte bereits wieder öffnen. Doch die Deutschen halten sich mit Neuanschaffungen noch zurück.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Erstmals seit der Finanzkrise sinkt das deutsche Bruttoinlandsprodukt in einem Quartal um mehr zwei Prozent. Es ist ein Auftakt einer Rezession.

Zehn Jahre kannte die deutsche Konjunktur nur eine Richtung: nach oben. Auch das Jahr 2020 begann vielversprechend; dann erreichte die Corona-Pandemie Deutschland. Der März wurde abrupt zum Krisenmonat - Geschäfte mussten schließen, die Produktion wurde gedrosselt. Die Auswirkungen der Pandemie werden nun auch in Zahlen sichtbar. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im ersten Vierteljahr gegenüber dem vorangegangenen Quartal um 2,2 Prozent.

Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag in Berlin mit und kündigte damit die erste Rezession seit der Finanzkrise an. Nur im ersten Vierteljahr 2009 sei das BIP einmal stärker als jetzt eingebrochen, damals um 4,7 Prozent. Im Vergleich zu Rückgängen von um die fünf Prozent in Frankreich, Spanien und Italien sei Deutschland aber "noch moderat" betroffen, sagte Albert Braakmann vom Statistischen Bundesamt.

Die Konjunkturzahlen des ersten Vierteljahrs stehen noch unter dem Einfluss zweier unbeschadeter Monate Januar und Februar. Die Mehrheit deutscher Wirtschaftswissenschaftler befürchten für das aktuelle Quartal einen zweistelligen Rückgang. "Wir rechnen mit einem Wachstumseinbruch in einer Größenordnung von zehn Prozent", sagt Claus Michelsen, Leiter Konjunkturpolitik beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Deutschland stehe vor der schärfsten Rezession der Nachkriegszeit. Im Unterschied zur Finanzkrise sei neben der Industrie auch der Dienstleistungssektor schwer betroffen und die private Nachfrage nicht nur gedämpft, sondern zeitweise eingefroren gewesen.

Hinter den 2,2 Prozent BIP-Rückgang stehen Einbrüche in Außenhandel, in der Produktion und im Konsum. Das produzierende Gewerbe erlebte bereits im März 2020 den größten Einbruch seit 1991. Mit einem Produktionsrückgang von einem Drittel war die Automobilindustrie davon am stärksten betroffen. Aber auch im Maschinenbau und der Elektroindustrie wurden rund zehn Prozent weniger produziert als noch im Vormonat.

Die Industrie erlebt den stärksten Einbruch seit der Wiedervereinigung

"Der wirtschaftliche Einbruch ist breit", sagt Claus Michelsen vom DIW, "es gibt quasi keine Gewinner". Absolute Ausnahme seien die Hersteller von Desinfektionsmittel, die laut Statistischem Bundesamt ihre Produktion im Vergleich zum Vorjahr deutlich mehr als verdoppeln konnten. Der März wird auch als Monat leerer Toilettenpapierregale in Erinnerung bleiben. Die Hersteller haben ihre Produktion in diesem Monat im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gesteigert. Die deutschen Nudelhersteller haben sogar 80 Prozent mehr Ware produziert als im März 2019.

Nie in der Nachkriegszeit mussten landesweit Geschäfte ihre Kunden für viele Wochen aussperren. Besonders litt darunter die Bekleidungsindustrie mit einem Umsatzrückgang von über 50 Prozent im März 2020. Buch- und Schreibwarenhändler konnten wohl durch kreative Ideen wie Lieferservice noch einen Teil des Geschäfts retten, aber auch hier brach der Umsatz um 20 Prozent ein.

Wo sonst an Dienstagen um die 550000 Fluggäste in Deutschland eincheckten, waren es am letzten Dienstag im März nur noch 16 000 Passagiere. Während Restaurant-, Friseur- und Boutiquebesucher sich mit Hygieneabstand langsam wieder ihrem früheren Geschäft annähern, ist noch unklar, wann es Reisenden wieder erlaubt sein wird, Auslandsflüge anzutreten.

10,1 Millionen

Anträge auf Kurzarbeit lagen bis Ende April vor. Damit übersteigt der Anteil an Arbeitnehmern in Kurzarbeit die Zahl der Anträge in der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 um ein Vielfaches. Insgesamt lagen 751 000 Anzeigen auf Kurzarbeit für mehr als zehn Millionen Beschäftigte vor. 2009 waren nur 3,3 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Zugleich stieg die Arbeitslosigkeit im April 2020 um 308 000 auf 2 644 000 Personen. "Das ist der größte Anstieg seit der Wiedervereinigung", sagt Claus Michelsen vom Deutschen Wirtschaftsinstitut.

Einen Abbruch ähnlich der Steilkante der Zugspitze verzeichnen die deutschen Warenexporte seit Ende Februar. Mit einem Minus von fast zwölf Prozent im Vergleich zum Vormonat stürzten sie ebenfalls heftiger ab als während der Finanzkrise. Die gegenwärtigen Umwälzungen spürt der Verbraucher auch am privaten Geldbeutel. Autofahrer haben vor allem im April von Kraftstoffpreisen profitiert, die so niedrig waren wie zuletzt im Jahr 2016. Wegen der erschwerten Erntebedingungen in Ländern wie Italien und Spanien sind in diesem Frühjahr aber die Preise für Obst und Gemüse gestiegen. Exemplarisch zeigt das Statistische Bundesamt eine Preissteigerung bei Paprika um 30 Prozent und 20 Prozent bei Zitrusfrüchten. Trotz der zeitweise aggressiven Nachfrage an Toilettenpapier stieg dessen Preis im April nur um ein Prozent.

Beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln rechnet man ebenfalls damit, dass das zweite Quartal sich wesentlich verlustreicher auswirken wird. "Selbst wenn beispielsweise die Automobilindustrie ihre Produktion jetzt wieder hochfährt, dann fehlt ihr aktuell immer noch der Käufer", sagt Hubertus Bardt, Geschäftsführer der Wissenschaftsabteilung. Ein Konjunkturprogramm hält Bardt erst gegen Sommer für sinnvoll, aktuell gäbe es noch zu viele Auflagen in Einzelhandel und Produktion, die Investitionen und privaten Konsum hemmen. "Wir sehen jetzt, dass das Stoppen viel einfacher war, als die Wirtschaft jetzt mühselig wieder anzufahren", sagt Bardt.

© SZ vom 16.05.2020/mxh
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