In Fernsehserien nennt man das einen Plot-Twist. Und zu einem Krimi mit überraschender Wendung ist der Bieterwettkampf um die insolvente Allgäuer Supermarktkette Feneberg tatsächlich geworden. Edeka schien der sichere Kandidat zu sein, um die verbliebenen gut 70 Filialen der Allgäuer zu übernehmen. Jahrelang waren beide in einer Einkaufspartnerschaft verbunden; 2018 hatte Edeka Südbayern Feneberg sogar ein Nachrangdarlehen über 20 Millionen Euro gewährt, denn schon damals strauchelte das Familienunternehmen.
Doch jetzt teilte Feneberg mit, ins Rewe-Lager zu wechseln, also direkt in die Arme des anderen großen sogenannten Vollsortimenters im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Der Markt wird zu mehr als 85 Prozent von vier großen Konzernen dominiert. Dazu kommen noch die beiden Discounter Lidl/Kaufland und Aldi. Weil die Konzentration so hoch ist und sich das Oligopol direkt auf den Wettbewerb und die Preise im Regal auswirken kann, ist der Wechsel so bemerkenswert.
Alle 72 Standorte des Mittelständlers mit einem Umsatz von gut 500 Millionen Euro gehen an die Rewe Group, zu der auch der Discounter Penny gehört, und an die neue Leh-Allgäu GmbH. Diese wurde im März gegründet und hat ihren Sitz in Memmingen. Hinter ihr steht der Investor Alexander Pade. Eine weitgehend unbekannte Figur, die laut Allgäuer Zeitung zunächst anonym bleiben wollte. Pade selbst beschreibt sich in einer Pressemitteilung als „Unternehmer mit jahrzehntelanger Erfahrung im Lebensmittelhandel“, er stammt selbst aus dem Allgäu. Seine Rolle ist fortan die des geschäftsführenden Gesellschafters der Leh-Allgäu GmbH. Unter seiner Führung sollen die Zentrale in Kempten und etwa die Hälfte aller Märkte unter der Marke „Feneberg“ weiterbetrieben werden. Zudem werde die bisherige Geschäftsführerin Amelie Feneberg Teil der Leitung.
Kein Standort soll also geschlossen werden. Die Arbeitsverträge der Beschäftigten sollen laut Rewe-Vorstand Peter Maly unverändert fortgelten. Auch die Zentrale in Kempten bleibe erhalten und die „überwiegende Zahl“ der dortigen Arbeitsplätze seien gesichert. Das Gleiche gilt für das Logistikzentrum in Kempten. Für die etwa 3000 Beschäftigten ist die Übernahme durch Rewe soweit erst einmal eine gute Nachricht.
Ein Restrisiko bleibt allerdings. Die Regelung basiert auf der Entscheidung des Gläubigerausschusses. Nun muss der Insolvenzplan noch vom Amtsgericht Kempten genehmigt, von der Gläubigerversammlung gebilligt und vom Bundeskartellamt freigegeben werden. Der Übergang soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein, weitere Plot-Twists sind also nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich.
Die Übernahme verschiebt die Kräfteverhältnisse in der Region merklich. Edeka ist in Südbayern bereits stark vertreten und verpasst die Chance auf eine weitere Expansion. Rewe stärkt seine Präsenz im Allgäu, allerdings auf Kosten des regionalen Anbieters. Dafür bleibt ein Teil der Marke Feneberg erhalten. Die regionale Verankerung aufrechtzuerhalten, könnte ein Grund sein, warum Rewe den Zuschlag erhalten hat.

