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Rewe:"Deutschland braucht mich"

Der langjährige Chef Alain Caparros verlässt Rewe just in dem Augenblick, in dem der amerikanische Internethändler Amazon ins Lebensmittel-Geschäft drängt - ein Abschied, der schwerfällt.

Von Michael Kläsgen, Köln

Dass er früher aufhören muss als geplant, wurmt Alain Caparros schon. Das ist auf seiner letzten Bilanzpressekonferenz nach elf Jahren deutlich zu spüren. Das vorzeitige Ende Mitte dieses Jahres sei für ihn "überraschend" gekommen, gesteht der 60-jährige Chef der Rewe Group. Und woran hat's gelegen? Nun, aus seiner Sicht war er einfach mal wieder zu gut. Anfang 2014 habe er seine Vertragsverlängerung ausgehandelt, erzählt Caparros. Bis Ende 2018 sollte es eigentlich gehen. Dann die Überraschung: "Anfang 2017 hatte ich alle meine Aufgaben schon erledigt. Mein Job ist jetzt beendet." Er wolle lieber scheiden, ehe er schlechter werde, und keinesfalls einen Beraterposten im Haus annehmen. Er hasse Chefs, die nicht loslassen könnten.

Caparros gab sich wie gewohnt erfrischend selbstbewusst. Er wolle "keine falsche Bescheidenheit" an den Tag legen. Er und auch die europaweit 326 000 Mitarbeiter, hätten einfach "einen guten Job gemacht". Tatsächlich verabschiedet sich der Franzose mit dem deutschen Pass beim Lebensmittel-, Touristik- und Baumarktkonzern mit einem "Rekordergebnis". Der Konzernumsatz stieg im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 45,6 Milliarden Euro; der Gewinn kletterte um gut 20 Prozent auf 463 Millionen Euro. Rechnet man die Erlöse der selbständigen Rewe-Einzelhändler hinzu, summierte sich der Umsatz sogar auf 54,14 (Vorjahr: 51,59) Milliarden Euro. Also Job erledigt und adieu? Wenn da nicht dieser Online-Handel und namentlich der US-Konzern Amazon wären, der dieses Jahr noch in Berlin und München mit dem Angebot Fresh den Supermärkten Marktanteile abjagen will. Für jemanden, der damit von Amts wegen nichts mehr zu tun haben wird, ließ sich Caparros sehr ausführlich darüber aus. "Wir werden da noch einiges erleben", prophezeite er. "Ich weiß nicht, wohin die Reise geht und wie schnell der Zug fährt, aber wir sind ganz vorne mit dabei."

Rewe-Filiale in Essen

"Die Unterwegsversorgung zählt zu den Bereichen mit den größten Wachstumsperspektiven im Lebensmittelhandel", begründet der Handelskonzern Rewe seine Übernahmepläne von Lekkerland.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Ganz offen sprach Caparros von den Ungewissheiten, die der Aufbruch des Lebensmittelhandels in die Online-Welt mit sich bringen wird. "Wir sind noch in einem Lernprozess und der wird dauern." Im Online-Bereich sei es nicht die Priorität, hohe Gewinne zu erwirtschaften. Das tut Rewe auch nicht, wie sein Nachfolger Lionel Souque einräumte: "Wir verdienen kein Geld mit Online", sagte er. Offenbar hat sich Rewe damit abgefunden, dass dies vorerst auch so bleiben wird. Man müsse den Online-Handel als Teil des gesamten Supermarktgeschäfts betrachten und nicht isoliert, betonte Vorstandsmitglied Jan Kunath, der seit Anfang 2017 das Online-Geschäft verantwortet. "Uns fragt auch keiner, ob eine Wurst- und Fleischtheke separat Verluste schreibt", sagte Kunath.

Andererseits zeigt die Tatsache, dass Rewe die Verantwortung für den Online-Handel separat ausgegliedert hat, welchen Stellenwert der Konzern dem Ganzen beimisst. Kunath prophezeite Online weiter steigende Umsätze. Allein 2016 gingen sie um 60 Prozent nach oben und lagen bei gut 100 Millionen Euro, und das mit 2300 Digital-Mitarbeitern. Doch obwohl der Umsatz steigt, rechnet Rewe zwischen den Zeilen mit weiter steigenden Online-Verlusten. Es ist klar: Mit Amazon Fresh beginnt ein Verdrängungswettbewerb.

Rewe Jahres-Pk

Alain Caparros, 60, leitet die Rewe Group seit 2006. Er hinterlässt seinem Nachfolger gute Zahlen, aber auch einige Baustellen. Zum Beispiel den Online-Handel mit Lebensmitteln

(Foto: dpa)

Caparros sieht einen Vorteil von Rewe darin, stationär stark vertreten zu sein und Online mit Offline verknüpfen zu können. Eine Antwort könne laut Caparros eine "Hybrid-Lösung" sein: Online bestellen und die Einkäufe mit den Auto abholen. In Frankreich und Belgien funktionierten diese Drive-in-Supermärkte gut. Der Konzern spart sich so die Lieferkosten. Sie sind es, die das Online-Geschäft mit frischen Lebensmitteln für Händler so teuer machen. Zu dem Lernprozess, von dem Caparros spricht, wird es gehören, die Kosten für die Lieferung in den Griff zu bekommen. "Das wird ein ganz schwieriges Format werden, um davon leben zu können", sagt Caparros voraus. Aber ums Geldverdienen gehe es dem Versandhändler Amazon ohnehin nicht, deutete der Noch-Rewe-Chef an. Sondern vielmehr darum, an Kundendaten zu kommen, die der US-Konzern über den Handel mit den Dingen jenseits von Lebensmitteln nicht erhält. Rewe verfügt hingegen über das Treueprogramm Payback - wie viele andere Händler - über reichlich Kundendaten. Wie diese sich nutzen lassen, ist nur eine von mehreren offenen Fragen bei Rewe. Der Discounter Penny bleibt eine Baustelle, die Toom- und B 1-Discount-Baumärkte leiden unter dem Preiswettbewerb und die Sparte DER Touristik spürt die Auswirkungen der Terrorangst. Trotzdem ist Caparros' Job bald zu Ende. Und dann? Er führe gerade Gespräche. Extern und außerhalb des Lebensmittelhandels, verrät Caparros und raunt einem später noch zu: "Deutschland braucht mich."

© SZ vom 29.03.2017
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