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Restaurantkette:"Gutes zu tun ist ein gutes Geschäft"

Die Arbeitsteilung war von Anfang an klar: Während sich Eduardo Macía um das Geschäftliche und Strategische kümmert, ist Beatríz Fernández die Kreative. Nicht nur in kulinarischer Hinsicht. Sie ist das Gesicht von "Crepes", spricht auf Wirtschaftskongressen und sagt, dass sie das Leben schon immer mit Botschaften verstanden habe, die von jenseits des Physischen kommen. In den Büroräumen im Nachbargebäude der Filiale am Park an der Straße 93 in Bogotá stehen stapelweise Kisten mit ihrem neuesten Buch: "Como una danza" (Wie ein Tanz). Auf dem Umschlag ein Schwarz-weiß-Foto der Firmenchefin, barfuß tanzend in einem weißen Gewand und fliegender Stoffbahn. Hinter der echten Beatríz hängen an der Wand zwei lebensgroße Fotos, ebenfalls Buchcover. Auf dem einen ist sie gehüllt in ein Kleid aus Pfannkuchen und trägt eine Handtasche aus Waffeln. Sozusagen eine mehllastige Version von Lady Gagas Fleischkleid.

Wenn Beatríz Fernández über ihre Firma spricht, verwendet sie Wörter, die auf Deutsch ungewohnt blumig klingen. Die Firmenstrategie: Liebe. "Ich habe schon immer zu allen Unternehmern der Welt gesagt, dass ich nur das Gesetz der Liebe anwende", sagt Fernández. Die Menschen hätten das als romantische Liebe missverstanden. "Liebe ist für mich aber die Fähigkeit, das Potenzial zu entwickeln, das wir in uns tragen, diese ganze innere Kraft, die voller Licht ist, herauszuholen, uns alle weiterzuentwickeln und zu glänzen", sagt Fernández. "Damit wir handeln, ohne uns mit dem Gedanken aufzuhalten, dass wir nur etwas wert sind, wenn wir Geld verdienen."

In Kolumbien war Crepes & Waffles im Gastronomie-Sektor im Jahr 2017 die erfolgreichste Unternehmensgruppe des Landes mit einem Umsatz von 495,3 Milliarden kolumbianischen Pesos (etwa 141,5 Millionen Euro). "Gutes zu tun ist ein gutes Geschäft", sagt Fernández. Crepes & Waffles ist im Gastro-Sektor das Unternehmen mit dem zufriedensten Personal, so das Ergebnis der Studie Merco Talento aus dem Jahr 2018. Männer sind bei Stellenausschreibungen nicht ausgeschlossen. Trotzdem sind 90 Prozent des Personals Frauen, 75 Prozent Alleinerziehende.

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Crepes & Waffles zahlt nach eigenen Angaben fünf Prozent mehr als den gesetzlichen kolumbianischen Mindestlohn von umgerechnet 236,60 Euro im Monat. Das sind 120,54 Euro weniger als der kolumbianische Durchschnittslohn. Dazu kommen Trinkgeld und Überstunden. Um die Kinder kümmern sich meistens die Großeltern oder andere Verwandte. Die Arbeitszeit entspricht mit 48 Stunden dem Gesetz, ein Tag ist frei. Teilzeitmodelle gibt es nicht, dafür ist Sonntagsarbeit beliebt - wegen des dreifachen Verdienstes. Die Arbeit ist anstrengend, die Frauen legen oft weite Wege zurück, sehen ihre Kinder kaum, bestätigt Vinciane Servantie von der Fakultät für Management an der Universidad de los Andes in Bogotá. "Aber so sind die normalen Arbeitsbedingungen in Kolumbien." Servantie hat mit Aktuellen und Ehemaligen der Crepes-Führung gesprochen. Sie sagt: Der Gedanke, aus dem Herzen und aus Liebe zu handeln, sei tatsächlich tief in der Unternehmenskultur verankert und keine Marketingstrategie.

"Wir müssen voranschreiten und dürfen nicht gebeugt leben, geknechtet von Furcht, traurig, nervös und auf der Flucht von einem Land, das ein immenses Potenzial besitzt, aber das man uns vor lauter Gewalt und Korruption nicht entdecken lässt", sagt Fernández. Seit Jahren wendet sie sich jeden Vormittag kurz vor elf Uhr morgens per Funkgerät an die Mitarbeiter mit einer Botschaft: "Für ein friedliches Kolumbien." Es geht dabei um alles, was sie gerade beschäftigt. Nachrichten, Philosophisches, Berichte über Konzerte oder eins ihrer Gedichte. Es sind Botschaften von Liebe, Leben, Hoffnung, Vergebung, Versöhnung, Zusammenhalt.

Wenn man unter Unternehmerin jemanden verstehe, der eine strenge Struktur habe, dann sei sie das nicht", sagt sie. Ihren Führungsstil bezeichnet sie als "emotionale Führung mit künstlerischem Schwerpunkt". Frau zu sein habe ihr die Freiheit geschenkt, sich auszudrücken, wie es ihrem Wesen entspreche: "Männer fühlen sich manchmal lächerlich, wenn sie in dieser Macho-Welt über Liebe reden."

Mit dem sozialen Anliegen bei den Frauen sei Crepes & Waffles in Kolumbien Vorreiter gewesen, als noch niemand von sozialer Verantwortung sprach, sagt Nathalia Franco vom Interdisziplinären Zentrum für Entwicklungsstudien (CIDER) an der Universidad de los Andes in Bogotá. Sie sagt aber auch, das Unternehmen habe sich beim Personalthema nicht weiter entwickelt. Es habe "keine Gremiumsarbeit geleistet, um die Gastro-Branche zu verändern", sagt Franco. Außerdem habe Crepes lange nichts getan, um Konsumenten zu erziehen. "Dabei wäre das sehr wichtig, weil wir in Kolumbien keine verantwortungsvollen Konsumenten haben. Sie schauen auf die Qualität - und vor allem auf den Preis." Ob Lokale sozial oder nachhaltig für die Umwelt arbeiten, spielt oft keine Rolle.

Bei Crepes & Waffles wurde das Thema Nachhaltigkeit erst 2012 groß, als Sohn Felipe Macía als Direktor für Nachhaltigkeit ins Familienunternehmen einstieg. Er baute ein direktes Einkaufsmodell auf, bei dem das Unternehmen Kleinbauernfamilien auf dem Land bei biologischer Landwirtschaft unterstützt. Die Mutter sieht es mit Wohlgefallen. "Klar muss man Geld mit dem Geschäft verdienen, das ist die erste soziale Verpflichtung", sagt Beatríz Fernández. "Aber man muss wissen, wie man das macht und wofür man das Geld benutzt. Crepes muss ein Mittel zur Entwicklung sein."

© SZ vom 19.03.2019/swen
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