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Report:Zwei Zimmer, Küche, gratis

Wer will schon in das neblige Schweizer Mittelland umziehen? Die Kleinstadt Olten wirbt daher aktiv um neue Bürger - mit kostenlosem Probewohnen und Restaurant-Gutscheinen.

Von Charlotte Theile, Olten

Andrea Martinelli atmet tief ein. Dann stützt er die Hände auf einen schlichten Esstisch aus Holz und setzt ein strahlendes Lächeln auf: "Ja, ich werde nach Olten ziehen." Es klingt wie ein Versprechen vor dem Traualtar, allerdings keines dieser frisch verliebten. Es ist das "Ja, ich will" einer sauber geplanten Vernunftehe.

Eine Stadt im Schweizer Mittelland. 18 000 Einwohner, prägendes Merkmal: eine bunte Rutsche im zentral gelegenen Stadtbad. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die Holzbrücke aus dem Mittelalter, die kurz vor der Rutsche über die Aare führt. Dazu ein paar Kirchen - und der Bahnhof, der vielleicht wichtigste Ort der Stadt. Vor fünfzig Jahren noch hatte Olten mehr als 20 000 Einwohner, dann ging es lange abwärts, seit Kurzem steigen die Zahlen wieder leicht. Die Neue Zürcher Zeitung nannte Olten kürzlich eine "neblige Kleinstadt mit dem Charme des Kleinbürgerlichen" - und das war nicht einmal böse gemeint.

Eine Woche lang lebt Andrea Martinelli, ein italienisch-österreichischer Doppelbürger, der seine besten Jahre um die Jahrtausendwende in New York verbracht hat, in dieser nebligen Kleinstadt irgendwo zwischen Basel und Bern.

Das Esszimmer mit dem modernen Holztisch hat die städtische Wohnförderung eingerichtet. Andrea Martinelli, schwarzer Rollkragen-Pullover, perfekt geölte Kopfhaut, fühlt sich sehr wohl. "Schauen Sie auf das Sofa: Ein schwarzes Kissen, ein rotes Kissen, ein schwarzes Kissen, ein rotes Kissen. Alles hat seine Ordnung! Wunderbar. Habe ich Ihnen schon die Besteckschublade gezeigt?"

Es ist Freitagabend. Aus der Besteckschublade hat Martinelli in den vergangenen Tagen nicht einmal einen Löffel entnommen. Tagsüber war er bei der Arbeit, in Basel, abends hat er die Restaurantgutscheine der Wohnförderung eingelöst. Bezahlen musste Martinelli, 50, Chef der Produktentwicklung bei einem Lifestyle-Konzern, in Olten also so gut wie gar nichts. Er ist von einem gigantischen Werbeprojekt angelockt worden, es findet in diesen Wochen schon zum dritten Mal statt.

"Olten gilt nicht als schön. Immerhin ist es billig. Das Ruhrgebiet der Schweiz."

Spätestens jetzt wundert man sich. Warum muss eine Stadt, die perfekt positioniert ist, alle wichtigen Zentren der Deutschschweiz abdeckt, potenzielle Einwohner mit Gratisaufenthalten ködern?

"Olten hat ein Image-Problem" sagt Alex Capus. Der Schriftsteller zieht nachdenklich an seiner Zigarette. "Olten gilt bei den Schweizern weder als besonders schön, noch als besonders lebenswert. Immerhin ist es billig. Das Ruhrgebiet der Schweiz."

Der 54-jährige ist einer der bekanntesten Autoren des Landes - und der vielleicht wichtigste Werbe-Botschafter von Olten. Gerade kommt er von einer Lesereise durch Deutschland, sein Roman "Leon und Louise" wurde vor einigen Jahren für den Deutschen Buchpreis nominiert.

In Olten ist er zu Hause. Die Galicia Bar, die er gerade zum Rauchen verlassen hat, gehört ihm, an diesem Wochenende findet eine Lesung statt, auf dem Programm: er und ein paar befreundete Autoren. Capus hat Kurzgeschichten und Kolumnen über den Alltag in Olten geschrieben, war jahrelang Präsident der örtlichen Sozialdemokraten. Capus findet: Die kleine Arbeiter-Stadt im Zentrum der Schweiz sei unterschätzt, gerade junge Leute könnten hier viel bewegen. Wenn sie nur wollten.

Die Kampagne der Stadt beobachtet er dennoch mit Skepsis. "So wie ich das sehe, richtet man sich explizit an Pendler. Das birgt die Gefahr, dass Olten zur Schlafstadt von Zürich, Basel und Bern wird. Für das Leben hier kann das fatal sein."

Die Stadt im Kanton Solothurn ist geprägt von dem Industriewerk der Schweizer Bundesbahnen, von Energieunternehmen und dem Baustoffhersteller Holcim. Lange graue Straßenzüge ziehen sich an endlosen Schienen entlang. Wer sich als Fußgänger auf den Routenplaner im Smartphone verlässt, landet immer wieder vor vielspurigen Schnellstraßen oder vor einem gigantischen Schienennetz.

Der Routenplaner rät, über die Schienen zu laufen, ein leises Zittern kündigt einen heranrollenden Gütertransport an. Also: Umkehren, Unterführung suchen. So geht das dauernd. Die Stadt mag verkehrsgünstig sein, für alle, die mit dem Auto zum Park & Ride fahren. Für Fußgänger ist sie es eher nicht.

Der Slogan, mit dem die Wohnförderung wirbt, lautet: "Clevere Leute wohnen hier". Olten, das ist etwas für Menschen, die sich Dinge genau ausrechnen. So wie Andrea Martinelli: Bus zum Bahnhof sechs Minuten, Fahrt nach Basel 24 Minuten, Fußweg ins Büro sieben Minuten.

Eine Hoffnung der Stadt ist die erst im Jahr 2013 eröffnete Fachhochschule. Hier kann man Soziale Arbeit, Psychologie, Technik oder Wirtschaft studieren. Doch die meisten Studenten verlassen das Städtchen direkt nach den Seminaren wieder. Oltens Lage wird zum Bumerang: Wer hier studiert, kann problemlos im Ausgeh-Viertel von Zürich oder bei seinen Eltern in einem Vorort von Luzern wohnen.

Martin Wey, Bürgermeister von Olten, hat in diesem Jahr auf zehn Prozent seines Gehalts verzichtet. Freiwillig, wie er betont. Die Stadt hat Schulden. Der größte Steuerzahler, das Energieunternehmen Alpiq ist vor einigen Jahren in die Krise geraten, seither fehlen Millionen Franken im Budget. Eine dramatische Situation, in der selbst 30 000 Franken aus dem persönlichen Gehalt des Bürgermeisters eine Rolle spielen. "Vor allem aber brauchen wir jetzt vermögende Einwohner, die ihre Steuern zahlen", sagt Wey unumwunden.

Neue Wohnungen für neue Oltner: In der Schweizer Industriestadt sind etliche Neubauprojekte realisiert worden. Im Baugebiet Bornfeld sind fast alle Wohnungen bereits vermietet.

(Foto: Olten SüdWest/Ungerer)

Die Steuerbelastung der Einwohner sei gering, sagt Wey, ein Relikt aus der Zeit, in der Alpiq die Kassen füllte. Wenn die neuen Bewohner Olten morgens mit dem ersten Zug verlassen und erst am späten Abend zurückkehren, ist das für Wey kein Problem: "Wir sind heute alle Arbeitsnomaden, das ist einfach so."

Olten, Arbeiterstadt, Bahnhofsstadt, stellt sich auf die neue Zeit ein. Die Schweizer arbeiten in Großstädten, bei Banken, Versicherungen, Pharma-Unternehmen. Wenn sie in eine neblige Stadt im Mittelland ziehen sollen, muss man ihnen gute Argumente liefern. Finanzielle Argumente. Eine Strategie, die auch andere Städte kennen: Chemnitz in Sachsen zahlt Studenten, die ihren Hauptwohnsitz in die Stadt verlegen, hundert Euro Begrüßungsgeld.

Olten aber liegt in der Schweiz, wo die Bürger seit Jahren über den durch zu viele Menschen verursachten Dichtestress klagen - und per Volksabstimmung beschlossen, die Zuwanderung von Ausländern mit Kontingenten begrenzen zu wollen. Die Initiative richtete sich besonders gegen Zuwanderer aus den europäischen Nachbarländern. Leute wie Andrea Martinelli.

In Olten scheint alles anders zu sein. Das Paket, das die Wohnförderung Neu-Oltnern wie Martinelli mitgibt, ist eine Einladung, die Stadt kennenzulernen. Zu entdecken, dass auch ein Ort ohne Alpen-Panorama und Seeblick lebenswert sein kann.

Die städtische Wohnförderung hat allein in diesem Jahr 80 000 Franken für das Probewohnen ausgegeben. Es gibt Gutscheine fürs Fitnessstudio, fürs Kino, für diverse Restaurants - aber auch fürs Theater, für eine E-Bike-Tour, eine Stadtführung. Das Kulturmagazin Kolt wirbt für zwei Tänzer aus Südafrika, die an Oltner Schulen Pantsula lehren, die Oltner Jazztage laden ein, im Stadttheater spielt das Kammerorchester Basel.

Wer in Olten leben will, so die Botschaft der Gutscheine, sollte diese Orte kennen: Den Rathskeller, in dem Dutzende Gewehre hängen und der Hamburger weniger als zehn Franken kostet. Das asiatische Schnellrestaurant an der Fachhochschule, den Weinkeller Caveau du Sommelier, in dem der Sommelier persönlich an den Tisch kommt, um Wein und Käse zu erklären. Wer aus Zürich oder Basel kommt, merkt dabei auch, wie günstig Olten ist.

Auf anderes muss man verzichten. Statt eines Weihnachtsmarkts findet sich in der Innenstadt ein rotes Zelt, es gibt "Hot Hugo" und "Hot Capirinha", neben dem Zelt wirbt Scientology. Ein paar Teenager verkaufen selbstgebackene Plätzchen, eine Gruppe eritreischer Flüchtlinge schlendert vorbei. Schriftsteller Alex Capus mag diesen Mix. "Anders als in vielen anderen Städten in der Schweiz musst du hier nicht seit Generationen wohnen um zu sagen, dass du Oltner bist."

Reichlich Platz für Zuzügler ist noch in Olten Süd-West, wo die Wohnförderung eine Wohnung für das Probewohnen eingerichtet hat - sie sieht fast so aus wie auf diesem offiziellen Werbe-Foto.

(Foto: Olten Südwest/Ungerer)

Bürgermeister Martin Wey sieht das genauso. "Wer nach Olten zieht, ist Oltner. Vom ersten Tag an." Die Stadt habe sich entschieden, dass sie wachsen wolle - und das passe auch zum Ort. Seit jeher seien die Menschen zum Arbeiten hierher gekommen, der Bahnhof machte Olten immer zu einem Ort, an dem viele Leute kamen und einige wieder gingen.

Heute, wo junge Leute oft schon ein Dutzend Mal umgezogen sind und immer mehr Menschen eher den Wohnort dem Arbeitsplatz anpassen als umgekehrt, ist im Prinzip jede größere Stadt ein Durchgangsort. Viele haben das akzeptiert und ziehen eher in die Nähe der S-Bahn-Station, als in eine abgelegene Wohnung mit guter Aussicht. Dennoch fällt es den Schweizern schwer, sich für Olten zu begeistern: Im Neubaugebiet Olten Süd-West stehen viele Wohnungen leer. Martinelli hier eine Probewohnung zu organisieren, dürfte kein Problem gewesen sein.

Schweizer kennen Olten vom Umsteigen und aus historischen Schriften. Dort wird der 1856 eingeweihte Bahnhof ziemlich oft erwähnt - beziehungsweise: das Oltner Bahnhofbuffet. An diesem zentral gelegenen Ort traf man sich früher gern, um Dokumente zu unterzeichnen. Die Liste der Organisationen, die der Legende nach im Bahnhofbuffet Olten gegründet wurden, ist lang: Schweizerischer Typographenbund (1858), Schweizerischer Alpenclub (1863), Schweizerischer Kleinkaliberschützenverband (1898), Schweizerische Pferdeschutzvereinigung (1907) - und so weiter. Auch der Gewerkschaftsbund und die wirtschaftsliberale FDP unterschrieben ihre Gründungsdokumente in diesem Bahnhofbuffet. Und: Das Mischmasch aus allen Schweizer Mundarten wird "Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt" genannt.

"Man sollte aus diesem Bahnhof viel mehr machen", findet Schriftsteller Alex Capus. "Wenn man das richtig aufzieht, kommen Bahn-Liebhaber aus ganz Europa hierher." Die Museen des Städtchens seien dagegen eher etwas langweilig. Das Naturmuseum erzählt Kindern von Bibern und Wölfen, im historischen Museum stellen Oltner ihre Privatfotografien aus. Die Ausstellung "Olten im Ersten Weltkrieg" erzählt vom Warten der Soldaten und Toten im Lazarett, spanische Grippe.

"Oltner sind keine Revolutionäre" sagt Capus. "Es sind Beamte, die seit Generationen bei der Bahn arbeiten und genau wissen, nach wie vielen Dienstjahren die Gehaltserhöhung kommt." Solide Menschen, Gewerkschafter.

Wer boshaft sein will, sagt, es sei sicher kein Zufall, dass das Maskottchen des Oltner Eishockey-Klubs eine graue Maus ist.

Und dieser Stadt gelingt es jetzt, Kosmopoliten wie Andrea Martinelli für sich zu begeistern? Die Angestellte der Wohnförderung klingt selber ein bisschen verblüfft. Von etwa hundert Leuten, die in den vergangenen Jahren zur Probe in Olten gewohnt haben, sei "nur eine Handvoll" tatsächlich in die Region gezogen. Dass sich ein kreativer Lifestyle-Direktor wie Martinelli für die Stadt begeistert, ist für die Wohnförderung ein Hauptgewinn.

"Ich dachte mir, dass es einen Kinogutschein geben könnte, daher habe ich abgewartet."

Der 50-jährige Italiener weiß sonst vor allem, was ihm nicht gefällt: Die Europäische Union, die er verlassen hat, um dem Zusammenbruch zuvorzukommen. Genf, diese überteuerte Stadt, in der die Handwerker anrufen und sagen, sie kommen morgen und dann kommen sie gar nicht. Junge Leute, die glauben, dass sie alles besser wissen und mit ihrem Smartphone eine fundierte Ausbildung ersetzen wollen. In Olten gibt es diese Widrigkeiten nicht. Stattdessen: eine großzügige Wohnung zum Preis einer kleinen Mansarde in Genf. Ordnung, Sauberkeit, pünktliche Züge.

Seine Zeit als Gast in Olten ist fast um. An diesem Abend will Andrea Martinelli noch James Bond anschauen ("Ich wollte den Film schon länger sehen, aber dachte mir bereits, dass es in Olten einen Kinogutschein geben könnte, daher habe ich abgewartet"), am Samstag stehen ein Kaffeebesuch und Fitness auf dem Programm, die letzten Gutscheine einlösen, alles ist exakt vorgeplant.

Einige Hundert Meter weiter sitzt Alex Capus in seiner vollbesetzten Kneipe. Die Getränke sind günstig, die Gäste über 40. Sein Sohn habe mit ein paar Freunden ein Lokal hochgezogen, sagt Capus, gut möglich, dass der hier bleibe. Zum Studieren in Basel könne er ja mit dem Zug fahren.

© SZ vom 19.12.2015
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