Report Wind im Meer

Viel Küste, viel Wind, geringe Wassertiefen - das Inselreich Großbritannien ist wie geschaffen für die Erzeugung von Ökostrom.

Von Björn Finke, Hull/Mostyn

Die Wolken hängen tief. Träge strömt das braune Wasser des Humber der Nordsee entgegen. Am Ufer liegen zwei Spezialschiffe mit Kränen. "Die hämmern Pfeiler für die Anlegestelle ins Flussbett", sagt Finbarr Dowling. Auch an Land wird eifrig gearbeitet. Auf einer riesigen Brache stehen Maschinen, die ebenfalls lange Pfeiler in den Grund rammen: Bumm, bumm, bumm.

"Schon in einem guten Jahr wird hier eine Fabrik mit der Produktion beginnen - aufregend", sagt Dowling. Der Brite ist als Projektmanager Herr über diese Baustelle. Eine Baustelle, auf der die Hoffnungen einer ganzen Stadt ruhen. Siemens errichtet in Hull an der englischen Nordseeküste ein Werk für Offshore-Windräder, für Kraftwerke auf hoher See.

Der Konzern wird auf dem 75 Fußballfelder großen Hafengelände gigantische Rotorblätter fertigen, Windräder vormontieren und sie mit Schiffen zu den Windparks vor der nordenglischen Küste transportieren. Zugleich wird Siemens von Hull aus die grünen Kraftwerke im Meer warten.

Damit schaffen die Münchner tausend Jobs in einer der ärmsten Städte des Vereinigten Königreichs. Hull und seine 260 000 Einwohner rangieren in Statistiken zu Arbeitslosigkeit oder Firmenpleiten immer weit vorne - und weit hinten, wenn es um Einkommen oder Bildung geht. Die Fabrik ist mit 430 Millionen Euro das größte Investment in der Geschichte von Hull. Und sie soll die Wende bringen: Die Stadtverwaltung hofft, dass viele weitere Unternehmen dem Beispiel folgen.

Hull, günstig gelegen in der Nähe zahlreicher Offshore-Windparks, soll ein Zentrum der Ökostrom-Industrie werden.

In Großbritanniens Gewässern drehen sich mit Abstand die meisten Windräder; diese erzeugen mehr Strom als sämtliche übrigen Offshore-Windparks der Welt zusammen. Viel Küste, viel Wind, geringe Wassertiefen - die Insel ist wie gemacht für diese Technik. Das lockt auch deutsche Unternehmen, neben Siemens etwa die Energieversorger RWE und Eon.

"Unsere Fabrik allein ist nicht die Lösung für Hull", sagt der Siemens-Manager

Vom Boom auf dem Meer profitieren die Gemeinden an der Küste: Städte fern der reichen Metropole London. Abgelegen und oft wirtschaftlich abgehängt. So wie Hull, wo in Häfen, Fischerei und Industrie über die Dekaden Zehntausende Jobs verloren gingen. "Unsere Fabrik allein ist nicht die Lösung für all die Herausforderungen, vor denen Hull steht", sagt Siemens-Manager Dowling, 52. "Aber sie kann positive Entwicklungen anstoßen."

Dowling zeigt über das Hafenbecken in Richtung Stadt: "Dahinten ist der Preston Road Estate, ein großes Viertel mit sozialem Wohnungsbau." Manche Familien dort seien in zweiter oder dritter Generation arbeitslos. Ende September veranstaltet Siemens im Gemeindezentrum eine Jobbörse. Mindestens 90 Prozent der Stellen sollen aus der Region besetzt werden.

Als der Technologiekonzern die Investition vor anderthalb Jahren in Hull bekannt gab, reiste selbst Premier David Cameron aus London an. Vorbildlich ausstaffiert mit weißem Helm und orangener Sicherheitsjacke ließ Cameron sich am Ufer die Baupläne erklären. Der Konservative hatte nach seinem Amtsantritt 2010 versprochen, der Wirtschaft eine gesündere Balance zu verpassen: Er will die Industrie stärken und so die gefährlich große Abhängigkeit von den Banken in London verringern. Während die Hauptstadt prosperiert, leiden viele Regionen noch unter dem jahrzehntelangen Niedergang der britischen Industrie.

Entsprechend erfreut ist die konservative Regierung darüber, dass der Boom im Meer an Land Arbeit in Fabriken schafft.

Einerseits. Andererseits betrachten die Konservativen subventionierten Ökostrom mit einer gehörigen Portion Skepsis - und seit ihrem Wahlsieg im Mai regieren sie ohne Koalitionspartner, ohne die grün angehauchten Liberaldemokraten. Die frisch installierte Energieministerin Amber Rudd kappt daher reihenweise Förderprogramme. Neue Windräder an Land sollen gar keine Subventionen mehr erhalten, versprachen die Tories im Wahlkampf.

Abrupte Schwenks in der Politik gefährden den Ruf des Landes, kritisieren die Arbeitgeber

In Hull freilich werden nur Offshore-Windräder montiert, und die sind von dem Wahlversprechen nicht betroffen. Trotzdem schüren die Konservativen mit dieser sehr speziellen Energiewende Sorgen in der gesamten grünen Industrie. Ökostrom- und Umweltschutzverbände beklagen, dieser politische Klimawandel verunsichere die Firmen. Auch der mächtige Arbeitgeberverband CBI äußert sich kritisch: Abrupte Schwenks in der Energiepolitik gefährdeten den Ruf des Landes als verlässlicher Investitionsstandort.

Der Windpark Gwynt y Môr vor der Küste von Wales ist riesig: Jede Windmühle ragt 150 Meter aus dem Wasser der Irischen See. 160 Turbinen erzeugen Strom.

(Foto: Rob Arnold/picture alliance/Zumapress)

Siemens-Manager Dowling wünscht sich ebenfalls mehr Durchblick: "Wir wissen, wie viel Offshore-Windkraft die Regierung bis 2020 fördert. Aber wie viele neue Windparks danach unterstützt werden, ist weniger klar." So eine Fabrik ist eine langfristige Investition - daher wären konkrete Ansagen der Politik hilfreich, erklärt er. Die Aufgabe der Industrie wiederum sei es, die immer noch hohen Kosten von Offshore-Windstrom zu senken. Etwa durch moderne Werke wie das in Hull.

Energieministerin Rudd hat tatsächlich angekündigt, demnächst festzulegen, wie viele Milliarden Pfund für Ökostrom-Subventionen nach dem Jahr 2020 zur Verfügung stehen. Wann genau die Entscheidung fällt, ist ungewiss. Doch es kann als sicher gelten, dass sich die grüne Branche insgesamt auf weniger Zuwendungen einstellen muss.

Siemens errichtet das Werk am Hafenbecken "Alexandra Dock", wo früher Kohle aus den Minen der Region Yorkshire verladen wurde. "Von schwarzer zu grüner Energie - die Idee gefällt mir", sagt Dowling. Im Moment wird in einigen Abschnitten noch Bauholz angelandet, aber dieses Geschäft zieht bald um. In Zukunft werden hier auch Schiffe mit wichtiger Fracht aus Cuxhaven ankommen. Da baut Siemens eine Fabrik für die Maschinenhäuser der Offshore-Windräder. Die Segmente für den Turm, auf dem das Maschinenhaus mit dem Rotor steht, werden ebenfalls nach Hull geliefert und dort gelagert. Die Maschinenhäuser, die Turmstücke und die direkt am Hafen gefertigten Rotorblätter fügen Mitarbeiter dann teilweise schon zusammen, bevor Schiffe sie hinaus in die Offshore-Parks transportieren.

Bei diesen Windrädern geht es um gewaltige Dimensionen.

Die Rotorblätter aus Glasfaser sind 75 Meter lang - das ist fast die Spannweite des Riesen-Airbus A380. Die ersten Blätter produziert die Fabrik 2017 für den dänischen Energiekonzern Dong: Sie sind für den Windpark "Race Bank" bestimmt, im Südosten von Hull, 32 Kilometer vom Festland entfernt. Rotorblätter sollen jedoch nicht nur für britische Windparks geliefert werden; manche werden auch exportiert.

Die Siemens-Manager wählten Hull aus mehr als hundert möglichen Standorten in Europa aus - die günstige Lage, die Anzahl verfügbarer Arbeitskräfte und die Unterstützung der Politik gaben den Ausschlag. "Wir fühlen uns sehr willkommen. Die ganze Planung lief reibungslos", sagt Dowling. Das Werk und umliegende Flächen gehören zu einer "Enterprise Zone". Das ist eine Art Sonderwirtschaftszone, in der ansiedlungswillige Ökostrom-Firmen Steuervorteile genießen.

Die Kommune hilft der Branche zudem mit einem Förderfonds. Das Ziel: Die Stadt soll das Herz der grünen Industrie Großbritanniens werden - Green Port Hull, der grüne Hafen Hull, ist der Name des ehrgeizigen Projekts. Und die Investition von Siemens soll nur der Anfang sein.

Die Universität vor Ort will ein Forschungszentrum für Öko-Energie einrichten. Zudem eröffnet 2017 eine besondere Schule, auf der Teenager neben den üblichen Fächern viel Technik lernen - perfekt für ein Ingenieurstudium oder einen Industrie-Job. Damit geht die Verwaltung das Problem an, dass überdurchschnittlich viele Bürger schlecht qualifiziert sind.

Schön für die Teenager, doch Siemens braucht bereits 2016 Arbeitskräfte für die Fabrik. Projektleiter Dowling gibt sich trotzdem unbesorgt: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich bei uns gute Leute bewerben. Unsere Aufgabe wird es dann sein, sie im Werk anzulernen." Das Unternehmen wird außerdem Lehrlinge ausbilden. So etwas ist im Vereinigten Königreich viel weniger verbreitet als in Deutschland.

Erst Kulturhauptstadt und nun Siemens: "Das hebt die Stimmung", sagt der Politiker

Die Stadtverwaltung von Hull sitzt in der Guildhall, einem säulengeschmückten Gebäude von Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch sonst ist die Innenstadt hübsch, mit netten Fußgängerzonen und einem Yachthafen, der geradezu mediterranes Flair verströmt - wenn denn die Sonne scheint. In der Guildhall empfängt Steven Bayes, Ratsherr für die regierende Labour-Partei und verantwortlich für die Themen Jobs und wirtschaftliche Erneuerung. Der Mittfünfziger gehörte zum Team, das bei Siemens für das Investment warb.

Ein Spezialschiff verlegt Stromkabel für den Windpark vor der Küste von Wales. Das Energieprojekt schafft dauerhaft hundert Jobs.

(Foto: picture alliance/Photoshot)

Vier Monate bevor die Münchner den Bau der Fabrik bekanntgaben, hatte Hull schon einen Grund zu feiern. Im November 2013 kürte die britische Regierung Hull zur Kulturhauptstadt 2017. Das Motto der Bewerbung - um die sich ebenfalls Bayes gekümmert hatte - war "Eine Stadt tritt aus dem Schatten". "Erst dieser Erfolg, dann Siemens: Das hebt die Stimmung in Hull", sagt der Ratsherr. Zumal viele Bürger lange nicht glauben wollten, dass das Werk mit den tausend Jobs wirklich kommt. Die Verhandlungen zogen sich hin, mehr als drei Jahre. "In der Vergangenheit haben immer wieder Unternehmen gesagt, sie würden eine große Investition in Hull durchrechnen: Mercedes etwa oder Nissan. Doch am Ende wurde nichts daraus", sagt Bayes.

Eine Geschichte voller Enttäuschungen.

Dabei war Hull einmal reich. Eine Fischereiflotte legte von dort ab zu Fangfahrten im eisigen Nordatlantik. An Land beschäftigten Fischverarbeiter und der Frachthafen Zehntausende Menschen. "Das waren harte, aber attraktiv bezahlte Jobs", sagt der Politiker. "Eine gute Ausbildung war dafür nicht nötig. Das ist immer noch in der Psyche der Stadt drin." Deswegen gebe es so wenig Facharbeiter in Hull - "ein Hindernis beim Werben um Investoren".

In den 1970er-Jahren zerstörten die Kabeljaukriege Hulls Fischereibranche: Island duldete keine britischen Trawler mehr vor seiner Küste. Großbritannien wehrte sich, musste am Ende allerdings einlenken. Und schließlich machten Gabelstapler und Container Tausende Jobs in den Häfen überflüssig.

Hull hatte von der Nordsee gelebt. Gut gelebt. Doch das war vorbei.

"Wir sind eine abgeschiedene, oft übersehene Stadt", sagt Bayes. "Aber ich wusste immer, dass Hull mit seiner Lage an der Küste Potenzial besitzt." Man habe eben lange warten müssen, bis sich nun eine passende Branche für den Neuanfang gefunden hat. Die Stadtverwaltung hofft, dass in fünf Jahren die Arbeitslosenquote auf den Landesdurchschnitt sinkt. Im vorigen Jahr war sie mit elf Prozent fast doppelt so hoch. Neben der Fabrik von Siemens sollen dazu andere Investments von Ökostrom-Firmen und die Feierlichkeiten zum Kulturjahr beitragen: eine Stadt im Aufwind.

Böen zerren am Zeltdach - der Côr Meibion Trelawnyd singt auf Walisisch

Doch vom Energie-Boom auf hoher See profitieren nicht nur die Standorte von Fabriken - etwa Hull oder im Ärmelkanal die Isle of Wight, wo der dänische Siemens- Rivale MHI Vestas Rotorblätter fertigt. Auch Gemeinden in der Nähe der Windparks können sich über neue Jobs freuen. Zum Beispiel das Dorf Mostyn im Norden von Wales, einer der ärmsten Regionen des Königreichs. Im Hafen von Mostyn wurde jüngst der zweitgrößte Offshore-Windpark der Welt eröffnet: "Gwynt y Môr" heißt der, was auf Walisisch Wind im Meer bedeutet. 160 Turbinen produzieren genug Strom für 400 000 Haushalte.

Das fast drei Milliarden Euro teure Projekt schafft dauerhaft hundert Arbeitsplätze im Hafen - dank des Kontroll- und Wartungszentrums. Das ist eine lange hohe Halle neben einem Anleger, von dem aus die Techniker zu den Windrädern fahren. Hinter einem Zaun lagern gelbe Stromkabel auf riesigen Trommeln: wichtige Ersatzteile. Der Kontrollraum ist rund um die Uhr besetzt; die Teams wechseln sich in Zwölf-Stunden-Schichten ab. Sie überwachen und steuern das Kraftwerk im Meer am Computer. Eine Batterie von Monitoren liefert alle nötigen Daten plus Kamera-Bilder aus dem Windpark.

Am Tag der Eröffnung ist es sehr windig, was wohl als gutes Omen gelten muss. Die Party steigt in einem großen weißen Zelt am Hafen. Der Windpark selbst ist von hier aus nicht zu sehen. Doch der Beamer an der Zeltdecke wirft ein Foto der Windräder auf die Leinwand hinter der Bühne. Weil die Böen am Zeltdach zerren, schaukeln Beamer und Leinwand-Bild beunruhigend auf und ab.

Zum Start singt der Côr Meibion Trelawnyd auf Walisisch - Wales ist als Zentrum der Chormusik bekannt. Dann beginnen die Reden: Zum Glück auf Englisch, denn die Walisisch-Kenntnisse der Deutschen im Publikum dürften bescheiden sein. Im Zelt sitzen Vertreter des Stromversorgers RWE und der Stadtwerke München; den Konzernen gehören 80 Prozent der Anteile am Windpark. Jeweils zehn Prozent entfallen auf eine britische Förderbank und auf Siemens, den Lieferanten der Windräder.

Hinter dem Offshore-Boom im Königreich steckt viel deutsche Ingenieurskunst - und viel deutsches Geld.

Fast drei Viertel der Windräder in britischen Gewässern stammen von Siemens. Das Unternehmen ist weltweit Offshore-Marktführer und fertigte auch die Windräder für das größte Meereskraftwerk des Planeten: "London Array" vor der Themsemündung. An dem ist der Düsseldorfer Versorger Eon mit 30 Prozent beteiligt.

Im Zelt am Hafen erläutert RWE-Projektleiter Toby Edmonds den Gästen, welche britischen Städte vom Park profitieren. Manchester und Belfast etwa, wo die zwei gigantischen Umspannplattformen gebaut wurden, die nun im Meer stehen. Oder Wrexham, 45 Kilometer südöstlich von Mostyn. Dort stellte eine Fabrik Hochspannungsstromkabel für Gwynt y Môr her. Die Botschaft an die Politiker im Publikum ist klar: Offshore-Windkraft ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Bei Carwyn Jones, 48, ist die Botschaft bereits angekommen. Der Labour-Politiker ist First Minister von Wales, also Chef der Regionalregierung. In Mostyn preist er die Investitionen und Jobs, die Gwynt y Môr brachte.

Und er kritisiert die Regierung in London: Die Ökostrom-Branche brauche "verlässliche Rahmenbedingungen". Die Regierung solle deutlich machen, wohin die Reise gehe, sagt er. Jones erhält viel Applaus.