Süddeutsche Zeitung

Raumfahrt:Wettlauf ins All

Die Raumfahrt war meist Sache des Staates. Doch das ändert sich gerade. Zukunftsträume sind zum Greifen nah.

Von Dieter Sürig

Ohne die weiße Schutzkleidung geht es nicht: Wer die Satellitenfertigung der Raumfahrtfirma OHB in Bremen besichtigen möchte, muss in einen dünnen Overall schlüpfen, Schonbezüge über die Schuhe ziehen, die Kopfhaare in einer Haube verbergen. Satelliten werden unter Reinraumbedingungen gebaut. Hinter der Glastür geht es über eine klebrige Bodenmatte, damit keine Schmutzpartikel in die Halle gelangen. Es ist recht ruhig, ab und zu ist eine Maschine zu hören oder das Surren eines Hängekrans an der Decke. Auf sieben Produktionsinseln wuseln Ingenieure mit blauem OHB-Logo am Rücken herum, sie bauen und testen die Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo. Die EU zahlt viele Milliarden, um sich vom amerikanischen Satelliten-Navigationssystem GPS unabhängig zu machen.

So hat Raumfahrt bislang meist funktioniert: Ein öffentlicher Auftraggeber bestellt Satelliten, der Hersteller liefert, der Satellit wird mit einer vom Steuerzahler finanzierten Trägerrakete in den Orbit transportiert. Für private Unternehmen gab es nicht viel Gestaltungsraum. Doch das ändert sich. Private Raumfahrtfirmen schicken nun selbst Raketen, Satelliten oder andere Raumfahrzeuge ins All, sie wollen Dienstleistungen anbieten und Geld damit verdienen. Sie zeigen, dass Raumfahrt zu geringeren Kosten als bisher möglich ist. Und sie wollen unabhängig von Aufträgen von Raumfahrtbehörden wie Nasa, Esa oder DLR werden. Das hat den Markt in Bewegung gebracht, neue Anbieter wie Space-X inspirieren junge Start-ups ebenso wie Investoren. Und auch etablierte Unternehmen der Branche denken um.

Zum Beispiel OHB: In mehr als 30 Jahren hat sich das Unternehmen als Satellitenhersteller etabliert. Mit 2300 Mitarbeitern hat die börsennotierte Familienfirma zuletzt 700 Millionen Euro Umsatz gemacht. Dies ist keine Garantie dafür, dass es weiter gut läuft. Neue Wettbewerber mit unkonventionellen Ideen haben schon andere Branchen auf den Kopf gestellt. Der US-Milliardär Elon Musk hat mit seiner Elektroautofirma Tesla die Pkw-Industrie aufgeschreckt, in der Raumfahrtbranche setzt er mit seinem Unternehmen Space-X neue Maßstäbe - gerade hat er erstmals seine Rakete Falcon Heavy gestartet. Sie ist nicht nur teils wiederverwendbar, sondern auch größer und deutlich günstiger als die Konkurrenz. "New Space" heißt ein Schlagwort: Das soll innovativ klingen, hip, flexibel, preisgünstig. OHB-Chef Marco Fuchs, 55, sagt, dass dies im Grunde nichts Neues sei: "Vor 25 Jahren gab es doch schon einmal so eine New Space-Welle: Faster, cheaper, better", also schneller, billiger, besser. Aber er nimmt die neuen Wettbewerber ernst.

Die Bremer haben vor zwei Jahren eine eigene Investmentfirma, OHB Venture Capital, gegründet. Ziel: Start-ups zu unterstützen und von deren Wissen zu profitieren. "Wir glauben an das Wagnis im Unternehmertum. Nur wenn man Dinge ausprobiert, wird man weiterkommen", sagt Fuchs. Er fördert Start-ups mit kleineren Summen, die aber durchaus sechsstellig sein können, um neue Ideen zu finden. "Wir schauen uns Firmen an, die neue Technologien entwickeln und uns helfen, wettbewerbsfähiger zu werden", sagt Jochen Harms, der OHB VC leitet. Die Ideen können auch aus der Firma selbst kommen: OHB VC hat vor einem Jahr gemeinsam mit der Luxemburger OHB-Tochter Luxspace das Start-up Blue Horizon gegründet. Abseits vom Kerngeschäft will OHB erforschen, wie Lebensbedingungen im All und in den Wüsten der Erde verbessert werden können. "Wir sehen ein großes Geschäftsfeld im Bereich Life Science im Weltraum", sagt OHB-Chef Fuchs. Dies seien "nützliche Raumfahrtaktivitäten zum Wohl unseres Lebens auf der Erde".

Dass etablierte Unternehmen und Institutionen die Nähe zu jungen Firmen suchen und umgekehrt, wird auch in der Raumfahrt zunehmend Teil des Geschäfts. "Wir beobachten ein steigendes Interesse an Kooperationen mit Start-ups", sagt Uli Fricke, Chefin der Crowd-Plattform Space-Starters. "Da entstehen Dynamiken, die auch für Investoren attraktiv werden." Den Anstoß dazu habe nicht zuletzt Elon Musk gegeben. Das gilt auch für die Abnabelung von den Raumfahrtbehörden: "Die Esa hatte Zehntausende Zulieferer, das war nicht kommerziell orientiert." Hier gebe es einen Paradigmenwechsel: "Die New-Space-Unternehmen denken gezielt darüber nach, wie sie in der Raumfahrt Kunden finden und Geld verdienen können."

Weltweit gibt es Förderer des New Space, die dazu beitragen, die verstaubte Branche aufzurollen, die Raumfahrt auch jenseits von Nasa und Esa für Start-ups spannend zu machen und ihnen einen Milliardenmarkt zu erschließen. Man trifft sich bei einem Sommercamp der Space University in Montréal oder bei Disrupt-Space-Gipfeln in Bremen und Berlin. Hunderte Branchenprofis und Investoren nahmen in den vergangenen Jahren teil - unterstützt von Institutionen wie Esa, Airbus oder OHB. Der nächste New Space-Kongress ist für Ende April in Berlin geplant. "Wenn es gelingt, Start-ups auf intelligente Weise in große Raumfahrtprojekte zu integrieren, dann hat das großes Potenzial", sagt Fricke. Start-ups hätten oft interessante Lösungen, die sich in den großen Strukturen nur mit erheblichem Aufwand realisieren lassen. Es ist ein Geben und Nehmen, mit dem gleichen Ziel: Etwas zu schaffen, das ökonomisch nachhaltig ist.

Bilder von Tankanlagen helfen, die Ölpreisentwicklung vorherzusagen

Das möchte auch die Raumfahrtagentur Esa, sie hat vor etwa 15 Jahren damit begonnen, ein Netzwerk von Business Incubator Centres (Bic) aufzubauen, um Know-how aus der Raumfahrt an junge Firmen weiterzugeben. Bis jetzt haben sich europaweit etwa 430 Start-ups gebildet, jährlich werden 140 Firmen unterstützt. "Ziel der Esa ist es, Raumfahrttechnologien zu kommerzialisieren und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen", sagt Cornelia Gebath von der Esa Bic Bavaria in Oberpfaffenhofen. Das soll auch helfen, die hohen Investitionen zumindest zum Teil wieder einzuspielen. Schwerpunkte sind Satellitennavigation, Erdbeobachtung, Datenauswertung, aber auch Hardwareanwendungen. "Wir legen sehr viel Wert darauf, die Ideen der Start-ups zu fördern, um diesen zur Marktreife zu verhelfen." Gerade hat die Esa angekündigt, mit Airbus eine Nutzlastplattform namens Bartolomeo an die ISS anzudocken, um dort privaten Nutzern Experimente im All zu ermöglichen. "Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur verstärkten kommerziellen Nutzung der Raumstation", so die Esa.

Raumfahrt kann also ein Werkzeug für neue Entwicklungen und Geschäftsideen sein, eine Goldgrube für Start-ups gewissermaßen: Hedgefonds-Manager können zum Beispiel Bilder von Öltanks in den Raffinerien analysieren lassen, um hochzurechnen, wie sich der Ölpreis entwickelt, die Belegung der Parkplätze von Einkaufszentren kann etwas über deren Auslastung und Rendite aussagen. "Viele technologische Möglichkeiten, die wir der Raumfahrt verdanken, sind als Lösungen für Alltagsanwendungen angekommen, wie etwa autonomes Fahren", sagt Uli Fricke von Space-Starters. Darüber hinaus gibt es Start-ups wie Kaskilo in München oder in Berlin Space Technologies und Orbital Systems, die die Hardware liefern und ein Satellitennetz für das Internet der Dinge aufbauen oder mit Mikrosatelliten ihr Geld verdienen wollen. Es ist viel in Bewegung in der Branche.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Esa tragen dazu bei und loben Wettbewerbe für Gründer aus, wie etwa den Innospace Masters. Auch hier ist OHB ein Partner - neben dem Airbus-Konzern. Die Sieger erhalten unter anderem Preisgelder, Betreuung, Kontakte und technische Unterstützung.

Einer der Gewinner war 2016 das Unternehmen Vialight aus Gilching im Süden Münchens, das sich mittlerweile in Mynaric umbenannt hat und im Oktober an die Börse gegangen ist. Zwei der Gründer waren zuvor beim benachbarten DLR beschäftigt, Mynaric-Vorstandschef Wolfram Peschko stieß später dazu. Der 67-jährige Physiker ist mit Mynaric in den Markt für schnelle Laserkommunikationsnetze eingestiegen. Auf einer Grafik zeigt er Luftraum, Stratosphäre und Erdorbit, dazu Flugzeuge, Ballons und Satelliten mit Laserterminals von Mynaric - alles abhörsicher mit Bodenstationen verbunden, auch in entlegenen Gebieten. Peschko sieht darin einen riesigen Zukunftsmarkt, Stichwort Internet der Dinge: Maschinen gehen online, Fahrzeuge fahren zunehmend autonom, die Menge der Daten, die um den Globus gejagt wird, vervielfacht sich rasant. Dies sei günstiger, als Glasfaser im Boden zu vergraben, sagt Peschko. "Der Bedarf unserer Kunden liegt derzeit bei etwa zehn Gigabit pro Sekunde, in ein paar Jahren sind es wahrscheinlich 100 Gigabit."

Um bald die Serienfertigung der Laserterminals zu starten, hat er knapp 30 Millionen Euro an der Börse eingesammelt. Peschko erwartet, dass der Mynaric-Umsatz in fünf Jahren einen dreistelligen Millionenbereich erreicht und sich die Zahl der jetzt 50 Mitarbeiter verfünffacht hat. Er sieht vor allem Potenzial in den USA. "Die Unternehmen, mit denen wir sprechen, wollen Anfang der Zwanzigerjahre Konstellationen im All aufbauen, es geht um einige Hundert bis 1000 Satelliten". Da sind kurze Entwicklungszeiten wichtig. "Wir haben einen anderen Ansatz als klassische Space-Firmen, die von großen Staatsaufträgen leben und aufwendige Einzelanfertigungen herstellen", sagt Peschko. "New Space ist die Kommerzialisierung des Weltalls." Hinsichtlich der Finanzierung ist er selbstbewusst: "Es gibt nicht so viele Sachen, die ähnlich vielversprechend sind."

"Wir benutzen keine fancy Materialien, das ist alles von der Stange."

Preisverdächtig sind aber auch die Macher von PT Scientists in Berlin, die im nächsten Jahr eine Mondfähre mit zwei Rovern zum Erdtrabanten schicken wollen. Der Name Part-Time (PT) Scientists sei entstanden, weil sie ihre Firma zunächst neben ihren normalen Berufen aufgebaut hätten, erzählen die Gründer. Sie residieren in Marzahn, im Osten der Stadt, in einem schmucklosen zweistöckigen Flachbau, der nicht nach Innovation aussieht. Dabei steht hier, in dem Gebäude an der Märkischen Allee, umgeben von DDR-Plattenarchitektur, die womöglich nächste Mondfähre. Dass die Parallelstraße "Allee der Kosmonauten" heißt, sei Zufall, beteuern die Jungunternehmer. Und quer gegenüber steht auch noch das verfallene ehemalige Kino "Sojus" - ein roter Stern symbolisiert den Punkt auf dem j. Doch die Berliner möchten dorthin, wohin es die russische Trägerrakete Sojus bisher nicht geschafft hat: zum Mond.

Zwei der fünf Gründer, Jürgen Brandner, 39, und Karsten Becker, 36, posieren in einer Art Hangar vor ihrer Landefähre, als würden sie selbst mitfliegen wollen: der Maschinenbauer Brandner im schwarzen Space-X-Shirt, der Informatiker Becker mit weißem Hemd, auf dem die Logos der Sponsoren prangen. Das mannshohe Landemodul namens Alina ähnelt dem unteren Teil der Apollo-Mondfähre, mit der von 1969 bis 1972 insgesamt zwölf Astronauten auf dem Mond gelandet sind: Vier Beine auf Landetellern, die Seiten mit Goldfolie verkleidet, nur die Leiter für Astronauten fehlt.

Die Landestelle von Apollo 17 ist auch das Ziel der ersten Mission von PT Scientists - der Ort, an dem der Mensch zuletzt auf dem Mond war "und wo wir die Geschichte fortschreiben wollen", sagt Becker. Die spannende Frage sei, was in fast 50 Jahren mit dem zurückgelassenen Mondauto geschehen ist. Als geologischen Berater haben die Jungunternehmer den Apollo-17-Astronauten Harrison Schmitt gewinnen können.

Der Flug zum Mond war die Idee des Google-Wettbewerbs "Lunar X-Prize", der trotz vieler Bewerber ergebnislos geblieben ist. "2008 sind wir da als Enthusiasten reingegangen, wir wollten etwas zum Mond schicken", erinnert sich Brandner. Die Berliner sind aus Zeitgründen vorher ausgeschieden und nun womöglich das einzige Team, deren unbemannte Fähre doch noch zum Mond fliegt. Sie wollen dort zwei Mondautos absetzen, mitentwickelt vom Sponsor Audi. Becker nimmt eines der Aluräder des Rover in die Hand, ein Buch ist schwerer. Vier davon sollen das rechteckige silberne Gefährt mit den Audi-Ringen über die Mondoberfläche bewegen. Oberhalb der Achsen befinden sich ein Solarpanel zur Energieversorgung und eine drehbare Achse mit drei Kameras. Wiegt 30 Kilo und sieht ein bisschen aus wie ein Hund auf Rädern.

Gemeinsam mit ihrem zweiten Partner Vodafone wollen die PT Scientists-Gründer später ein Kommunikationsnetz auf dem Mond aufbauen, das einmal nützlich sein könnte, sollte die Esa ihre Pläne für eine Mondbasis namens "Moon Village" tatsächlich umsetzen. "Die Esa wird zum Kunden, der eine Dienstleistung einkauft, zum Beispiel 5000 Gigabyte Kommunikation zur Erde im Monat", sagt Becker. Sein Kollege Brandner spinnt die Idee noch weiter: "Astronauten könnten mit ihrem Handy via Funknetz nach Hause zur Erde telefonieren". Ein weiterer Plan: Mit 3-D-Druckern ließe sich Mondmaterial nutzen, um Strukturen aufzubauen. "Jedes Kilo, das von der Erde zum Mond transportiert wird, kostet mindestens eine Million Euro. Was man da einsparen kann, ist enorm", schwärmt Brandner. "Es ist sinnvoll, zum Mond zurückzukehren, um die Technologie, die man ausprobieren kann, auch auszuprobieren." Er sieht hier eine große Chance für die kommerzielle Raumfahrt.

Zunächst will sein Team aber günstige Frachtkapazitäten zum Mond anbieten - für Wissenschaftler und Unternehmen. Die Alina soll mit einer Falcon 9 von Space-X in den Orbit geschossen werden und dann eigenständig zum Mond weiterfliegen. Was die Finanzierung betrifft, ist das Team optimistisch und will im Frühjahr einen weiteren Investor präsentieren. Die Gründer kalkulieren mit Startkosten von gut 30 Millionen Dollar, sie brauchen nur einen Teil der Nutzlastkapazitäten der 62 Millionen Dollar teuren Falcon 9. Die Landefähre kostet 20 Millionen Dollar. Das Team will die Fähren in Berlin selbst zusammenschrauben. Es sind meist Komponenten, die nicht extra für diesen Zweck entwickelt wurden. "Wir benutzen keine fancy Materialien, das ist alles von der Stange." Und die Triebwerke der Landefähre kämen von Airbus Safran Launcher, "da muss nichts neu erfunden werden".

Brandner ist zuversichtlich, die Investitionen bald einspielen zu können. Für die nächsten fünf bis acht Jahre sieht er ein Potenzial für mindestens 1,2 Tonnen Nutzlast, der Bedarf sei da. Kunden könnten Wissenschaftler und Unternehmen sein, "wir sind dann wahrscheinlich bereits ab der dritten Mission ziemlich gut im Plus".

Gut möglich, dass die Berliner auch auf die OHB-Leute aus Bremen stoßen, falls die Esa ihr Dorf auf dem Mond errichtet. Die OHB-Tochter Blue Horizon arbeitet an dem Habitat "Cubehab", in dem Lebensmöglichkeiten auf dem Mond geschaffen werden sollen. In der Niederlassung in Bremen wird an biologischen Techniken geforscht, die auf Mond- und Marsgestein für Pflanzenwachstum sorgen sollen. Aufregende Zeiten kündigen sich da an.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2018
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