Report Weichenstellung

Die Modellbahn hatte einmal die Kinderzimmer erobert. Heute sind ihre Liebhaber oft im Rentenalter. Sind kleine elektrische Züge nicht innovativ genug, zu teuer oder ganz einfach antiquiert?

Von Jan Schmidbauer

Roland Schniske, 67, beschreibt das Problem so: "Sobald die Hormone einschießen, ist den jungen Leuten das Hobby egal." Das Hobby, das er meint, ist die Modelleisenbahn. Schniske, ein groß gewachsener Mann mit gepflegtem Schnurrbart, steht am Stand seines Clubs.

Heute ist Modellbahn-Messe im Münchner Norden. Eine von etlichen, die jedes Jahr im Herbst stattfinden. Schniske und seine Kollegen führen hier nicht irgendeine Anlage vor, sondern die der Jugendsparte. Der Club will sich präsentieren, zeigen, dass das Vereinsleben intakt ist. Wer für den reibungslosen Betrieb der Anlage zuständig ist, erkennt man sofort. Jeder aus dem Verein trägt ein moosgrünes Club-Sweatshirt und die Club-Kappe mit der rauchenden Dampflok drauf.

Langsam rattern die kleinen Lokomotiven durch eine idyllische Landschaft im Maßstab 1 zu 87. Alte Bauernhöfe, Kaufmannsläden, VW-Käfer. Vergangenheit, konserviert auf einer meterlangen Pressspanplatte. Es ist fast ein Wunder, dass die Jugendsparte der Modellbauer hier überhaupt so eine große Anlage vorführen kann. "Wir haben momentan neun Jugendliche im Club", sagt Schniske. "Wenn zwei von denen dabeibleiben, haben wir schon einen guten Schnitt." Am Stand des Modellbahnclubs aus Poing ist auch an diesem Tag nur ein Hobby-Eisenbahner unter 18 Jahren am rumwerkeln. Mit ernster Miene bedient der Junge die Regler an den Trafos, spurtet bei kleinsten Problemen an den Gleisen entlang. Als wäre das hier das echte Leben, als würde eine Kollision es in die Abendnachrichten bringen.

Auch wenn die Enthusiasten ihr Hobby sehr ernst nehmen. Modelleisenbahnen sind vor allem eines: Spielzeug. Früher in vielen Kinderzimmern vorhanden. Doch diese Zeiten sind vorbei. Wer als junger Mensch heute noch Lokführer spielt, muss sich beinahe dafür outen. Das Hobby scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. Warum eigentlich? Weil man auf Modelleisenbahnen nicht rumwischen kann?

Roland Schniske glaubt nicht, dass die Konkurrenz durch Tablets und Smartphones schuld daran ist, wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr mit Modelleisenbahnen spielen wollen. Das Problem liege woanders, sagt er. "Die Vorbilder fehlen." Schniske hat seine erste Bahn vom Vater geschenkt bekommen. Und so erzählen es ja die meisten, die heute noch abkoppeln, anfahren und rangieren. Die Passion dafür wird vererbt. Von Vater zu Sohn.

(Foto: Märklin)

Nur damit das klar ist: Die Messehalle ist heute eine Männerdomäne. Vereinzelt läuft mal ein Modellbauer mit weiblicher Begleitung durch die Gänge, in denen es nach Bier, Bockwurst und Filterkaffee riecht. Und wenn, dann folgt die Begleitung zuverlässig der Expertise des Mannes. "Komm, wir gucken mal nach E-Loks", ruft ein älterer Besucher mit ausgewaschener Jeans seiner Frau zu. Verständnisvolles Nicken. Ja, Schatz.

Von Vater zu Sohn. So hat es auch Franz-Josef Küppers erlebt. Küppers, langes blondes Haar, ist ein sanfter Mann mit rauen Arbeiterhänden. Er trägt einen schwarzen Dreiteiler mit goldfarbenem Schnellzug am Revers. Das Wochenende hier ist ein wichtiger Termin für ihn. Küppers ist Vorsitzender des "Modellbahnverbandes in Deutschland" und damit so etwas wie der Chef der Messe. Gerade hat er den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann begrüßt. Herrmann ist Schirmherr und selbst Modellbauer. Im schwarzen BMW kam er angerauscht. Um 11 Uhr 8. Um 12 musste er wieder los, Termine. Ganz zufrieden ist Küppers nicht mit diesem Kurzbesuch, aber solange die Messe etwas mehr Prominenz und Aufmerksamkeit bekommt, will er sich nicht beklagen.

Wer mit Küppers spricht, der erfährt, wie die Modelleisenbahn einst in die Kinderzimmer kam und warum sie jetzt von dort verschwindet. Küppers, 62, wurde in Gelsenkirchen geboren. Sein Vater war Dachdecker und hatte einen kleinen Betrieb im Ruhrgebiet. Anfang der 1960er- Jahre siedelte die Familie nach Neuss um. Küppers erinnert sich gern an damals. "Goldene Zeiten" waren das. Wirtschaftswunder, Bauboom. Sein Vater wurde zwar nicht unglaublich reich, brachte aber durch die vielen Aufträge gutes Geld nach Hause. Sehr großzügig sei er mit diesem Geld umgegangen.

Und er war fasziniert von Eisenbahnen im Kleinformat. Von seinem Hobby wollte er auch den Sohn begeistern. Er schenkte ihm etliche Loks, Waggons, Bausätze für Fachwerkhäuser. Küppers war neun Jahre alt, als er seine erste Anlage bekam. Modellbahnen waren zu dieser Zeit immer noch eine Luxusware, aber sie waren weitaus erschwinglicher geworden.

Jedes vernünftige Kaufhaus hatte jetzt eine Modelleisenbahn in der Ausstellung stehen, gerade zur Weihnachtszeit. Und wer nicht das Geld für eine große Anlage hatte, der baute sich immerhin einen "Kreis" auf. So nannte man das, wenn die Strecke nur aus einem einzigen runden Gleis bestand. Da fuhr die Lok alle paar Sekunden an einem vorbei. Das wurde schnell langweilig, aber es gab ja auch weniger Ablenkung damals.

Spätestens in den 1960er-Jahren hatten die Hersteller der Modelleisenbahnen es geschafft, die Kinderzimmer zu erobern und ihr Produkt damit auch zu einem Teil deutscher Kulturgeschichte gemacht. Doch schon seit Jahren geht es vielen Modelleisenbahn-Herstellern nicht mehr gut. Ihre Stammkunden sind in die Jahre gekommen. Kinder und Jugendliche spielen nicht mehr mit Zügen.

Erst im August meldete die Firma Fleischmann Insolvenz an, einer der ältesten und bekanntesten Hersteller. Seit dem Jahr 2008 gehört Fleischmann einer Holding mit Sitz in Österreich. Durch das Insolvenzverfahren soll Fleischmann von den kostspieligen Betriebsrenten seiner ehemaligen Mitarbeiter befreit werden.

600 Mitarbeiter haben Anspruch auf eine Betriebsrente. Die Belegschaft am Firmensitz in Heilsbronn bei Ansbach war nach jahrelang schlechten Umsätzen jedoch immer weiter geschrumpft. Nur noch 33 Mitarbeiter sind dort beschäftigt.

Produziert wird ein großer Teil der Modelleisenbahnen ohnehin nicht mehr in Deutschland, sondern in Osteuropa. In den 1990er-Jahren verlegten viele Hersteller ihre Produktion sogar nach China. Auch Fleischmann lässt noch einen Teil seiner günstigen Modelle dort fertigen.

Doch viele Unternehmen haben sich wieder aus Asien zurückgezogen. Zu unzuverlässig seien die Fabriken in Fernost gewesen, sagen Branchenkenner. Zudem seien die vormals sehr niedrigen Löhne um 20 Prozent gestiegen - jedes Jahr.

Leute wie Thomas Neumann müssen nun dafür sorgen, dass es bei Fleischmann weitergeht. Neumann, rahmenlose Brille, schwarze Locken, steht am Verkaufsstand von Fleischmann. Er hält etwas in der Hand, das die Modellbahn retten soll - ein Smartphone. Fleischmann bietet zusammen mit der österreichischen Konzernschwester Roco ein Gerät an, das dafür sorgt, dass sich die Lokomotiven per App steuern lassen.

Mit einem Wisch über den Touchscreen stellt Neumann die Geschwindigkeit ein. Per Knopfdruck pfeift die Dampflok. Z 21 heißt das System. Trotz aller Namensähnlichkeiten zu einem anderen Projekt aus der Welt der Eisenbahnen, gab es bisher keine Proteste gegen Z21. Die Bedienung funktioniere tadellos, und das Gerät verkaufe sich "gar nicht so schlecht".

Trotzdem gibt es ein Problem. Die Smartphone-Eisenbahn wird nicht unbedingt für die Kinderzimmer gekauft. "Heute zieht ja jeder 70-Jährige ganz selbstverständlich sein Smartphone aus der Tasche", sagt Neumann. Es sind also oft die alten Stammkunden, die mit der neuen Steuerung tüfteln oder sie zumindest haben wollen. Dabei wollen die Hersteller ja gerade die jungen Kunden mit so etwas ansprechen. Ein Vater, der sich das Gerät vorführen lässt und überlegt, es dem Sohn zu kaufen, findet schnell einen Grund es nicht zu tun. Es sei einfach zu teuer. Knapp 400 Euro kostet die "Digitalzentrale".

Die Frage, welche die Hersteller umtreibt, lautet: Müssen die Produkte innovativer werden, oder bloß billiger? Hightech oder Plastik?

Fleischmann setzt vor allem auf ersteres. Smartphone und Tablet sollen das Unternehmen aus der Krise führen. Bis Anfang des nächsten Jahres soll das Insolvenzverfahren abgeschlossen sein, heißt es. Märklin, der größte und bekannteste Modellbahn-Hersteller, hat das alles schon durchgemacht. Die Traditionsfirma aus dem schwäbischen Göppingen war immer mal wieder kurz vor dem Kollaps.

Im Jahr 2007 übernahmen der Finanzinvestor Kingsbridge und die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs das Unternehmen. Ständig wurden neue Geschäftsführer installiert. Teure Berater suchten erfolglos nach Rezepten, um das Unternehmen wieder profitabel zu machen. 2008 machte Märklin dann 20 Millionen Euro Verlust. Die größten Gläubiger, die Landesbank Baden-Württemberg und die Göppinger Kreissparkasse, hatten schließlich genug. Sie wollten kein Geld mehr in das marode, schlecht geführte Unternehmen pumpen. Am 4. Februar 2009 war Märklin pleite.

Die Investoren, die das Unternehmen in die Insolvenz führten, hatten sich weiter auf die zahlungskräftigen Kunden verlassen. Märklin produzierte mehr Modelle, aufwendigere Lokomotiven. Limitierte Sondereditionen, von denen niemand in der Firma wusste, ob sie sich überhaupt rentieren. Märklin war nicht mehr Kinderspielzeug, sondern nur noch ein Nischenprodukt für zahlungskräftige Sammler. Dass diese Kunden irgendwann älter werden, schien niemanden zu interessieren.

Auch Franz-Josef Küppers war immer einer dieser treuen Fans, die gerne ein paar hundert Euro für eine schöne Lok ausgeben. Doch er ist auch ein Realist. "Wo sollen die Leute denn herkommen, die das alles kaufen?", fragt er. "Irgendwann sterben die nun mal weg."

Küppers weiß, dass sich etwas ändern muss, damit sein Hobby überlebt. Im Gegensatz zu manch alteingesessenem Sammler. Spricht man mit Leuten aus der Branche, hört man von Clubs, in denen die alten Hasen keine Kinder ans Gleis lassen wollen, aus Angst vor Schäden am teuren Triebfahrzeug.

Allein auf diese Kunden will man sich auch bei Märklin nicht mehr verlassen. Das inzwischen erfolgreich sanierte Unternehmen gehört seit 2013 dem Spielzeughersteller Simba Dickie, bekannt unter anderem durch das Bobby-Car. Und Simba Dickie scheint es ernst zu meinen mit dem Neuanfang bei Märklin. Allein bis Ende 2015 sollen noch mal acht Millionen Euro in neue Modelle investiert werden, sowohl am Stammsitz in Göppingen als auch im ungarischen Györ. Und mit neuen Modellen sind nicht mehr nur limitierte Editionen für ältere Herren gemeint, sondern auch Spielzeug. Das neue Startpaket heißt nicht umsonst: "Papa, komm spielen!".

Für Kleinkinder gibt es die Serie "My World". Meine Welt also. Die Technik ist einfacher, die Bauteile sind nicht so empfindlich. Es darf ruhig mal krachen. Hinzu kommt, dass die Teile nicht so teuer sind. Das Basis-Paket kostet weniger als 50 Euro. Die Lokomotiven sollen durch die Kinderzimmer fahren und nicht als Wertanlage in die Vitrine kommen.

Smartphone-Steuerung oder Plastik-Bausätze; was kann die Modelleisenbahn wirklich retten? Besuch bei Bernd Caesar. Einer, der es wissen sollte. Seit mehr als 30 Jahren verkauft er Lokomotiven und Bausätze. Caesar, dessen Lippen irgendwo unter einem mächtigen Bart verschwunden sind, ist 64 Jahre alt und - es ist nicht zu überhören - Berliner. Sein Geschäft mit dem schlichten Namen "Die Modelleisenbahn" ist eines der letzten, man könnte auch sagen: eines der übrig gebliebenen in München. Schwer sich hier zurechtzufinden. Wie ein buntes Spiegelkabinett - nur ohne Spiegel. Geordnetes Chaos auf 120 Quadratmetern. Caesar glaubt nicht an Smartphones und auch nicht an billiges Spielzeug. "Bei der digitalen Steuerung wird die Eisenbahn doch zur Nebensache", sagt er. Und "das Plastikzeug" werde nach ein paar Wochen weggeschmissen. Um zu erklären, was wirklich schiefläuft bei der Modelleisenbahn, braucht Caesar keine betriebswirtschaftlichen Theorien. Er hält es mit Konfuzius: "Beim Modellbau ist doch der Weg das Ziel", sagt er.

Das Entscheidende sei verloren gegangen: der Spielwert.

Die Faszination war doch immer eine andere. Früher, da hätten die Jungs noch an der Elektrik getüftelt, Waggons aneinandergekoppelt und im Hobbykeller Landschaften gebaut. "Ansonsten ist das Hobby doch sterbenslangweilig", sagt Caesar. "Ein Zug fährt im Kreis."

In sein Geschäft kommen noch die echten Enthusiasten. Er hat ja alles da. Von der teuren Gartenbahn bis zur hauchdünnen Messing-Bremsleitung zum Stückpreis von vier Euro. Laut Caesar schaffen es die neuen Produkte einfach nicht, junge Menschen langfristig für die Modelleisenbahn zu begeistern. Weniger als fünf Prozent junge Kunden hat er noch. Und wenn mal welche kommen, sagt er, wollen die auch keine Touchscreen-Steuerung. "Die wollen - wenn überhaupt - so was", sagt er und zeigt auf ein Modell des Schnellzuges der Deutschen Bahn, den ICE. "Für mich ist das 'ne Weißwurst auf Rädern", sagt Bernd Caesar.

Damit könne man nicht kuppeln, nicht entladen, gar nichts. Langweilig. Wer so was kauft, der komme eben kein zweites Mal in seinen Laden. Die Kinder nachhaltig von dem Hobby zu faszinieren, das funktioniere schon lange nicht mehr.

Caesar war mal Ingenieur bei Siemens. Dann eröffnete er zusammen mit einem Freund das Geschäft. Er hatte Angst, dass er als Ingenieur irgendwann überflüssig wird. Die Computer waren gerade im Anmarsch. Als Caesar 1981 den Laden eröffnete, habe es 40 Fachgeschäfte in München gegeben, die Modelleisenbahnen verkauften. Heute seien es noch fünf. Die meisten hätten die sinkende Nachfrage und den Onlinehandel einfach nicht überstanden.

Bernd Caesar konnte sein Geschäft bis heute halten. Trotzdem bezeichnet er es als "Klotz am Bein". "Ich werde das ja alles nicht mehr los", sagt er. 50 000 Artikel hat er auf Lager. Davon einige, die schon seit Jahren in den Regalen liegen. Zusammen ist das zwar alles viel wert, aber er kriegt die Sachen nur schwer verkauft. Caesar will nicht nur weitermachen, er muss. Und wer weiß, vielleicht kommt ja doch irgendwann ein Kunde, der die Bremsleitung aus Messing gebrauchen kann.