bedeckt München 15°

Report:Was ist ein Hackstockmeister, wo ist der Schnorgackl

Solnhofen im Altmühltal ist für seinen besonderen Kalkstein weltberühmt. Er wurde in Klöstern, Kirchen und Schlössern verbaut. Das war lange ein gutes Geschäft, doch nun ist es vom Niedergang bedroht. Über das langsame Sterben einer ganzen Kultur.

Von Uwe Ritzer, Solnhofen

Solnhofer Platten Altmühltal Kalkstein

Berühmtes Gestein: Solnhofener Platten und Kalkstein aus dem Altmühltal wurden auf der ganzen Welt verbaut. Nun sind sie vielen zu teuer geworden.

(Foto: imago stock&people)

Stille liegt über der aufgerissenen Landschaft. Aus der Luft sieht sie aus wie eine Aneinanderreihung gewaltiger Bombentrichter. Ramazan Demirel, 54, ist der einzige Mensch weit und breit. Er steht leicht gebückt auf einem Betriebshof an einer schmalen, staubigen Straße und zwickt mit einer Zange die Kanten dünner Steinplatten ab. So lange, bis sie die gewünschte Größe und Form haben.

"Alleine arbeiten bin ich hier gewohnt", sagt er. Ob es am Corona-Lockdown liegt, dass dieses Steinbruchgebiet oberhalb von Solnhofen im Altmühltal so ausgestorben ist? "Nein, hier wird es seit Jahren immer leerer." Ramazan Demirel unterbricht seine Arbeit und weist mit einer Hand die verlassene Straße entlang. "Früher war hier ein Steinbetrieb neben dem anderen. Heute bin ich der einzige. Und in ein paar Jahren ist hier gar nichts mehr."

So viel Pessimismus lässt aufhorchen. Gewiss, es gibt die Raubkopierer aus Italien oder China, die Standardfliesen und simples Steinzeug täuschend echt wie Naturstein aussehen lassen. Aber kann simple Massenware tatsächlich das jahrhundertealte Geschäft mit einem Naturprodukt von Weltruf zerstören?

Steinbruchgebiete gibt es viele auf der Welt, aber jenes um Solnhofen im Altmühltal ist gleich in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Zum einen erdgeschichtlich, fossile Schätze in unermesslichem Ausmaß schlummern hier im Boden. Alle Archaeopteryx-Versteinerungen, zwölf an der Zahl, wurden in den Plattenkalken um Solnhofen gefunden. Sie dienten Charles Darwin als Beweis dafür, dass alles Leben durch Evolution entstanden ist.

Die Natur hat jedem Stein ein einzigartiges Muster verliehen

Zum anderen schälen sie hier seit Jahrhunderten mit einfachen Handwerkzeugen und wenigen Maschinen nicht nur den härtesten Kalkstein überhaupt aus dem Boden, sondern auch lauter Unikate. Die Natur hat jedem "Solnhofer" vor 150 Millionen Jahren andere Muster und Färbungen verpasst, irgendwo zwischen gelb und rötlich. Wie keine anderen eignen sich diese Steine für die Lithografie, zum Drucken also. Und dann sind da noch die vielen Klöster, Kathedralen, Kirchen, Residenzen, Schlösser, aber auch Privathäuser, in denen Solnhofer als Fußboden, Simse oder Treppenstufen liegen.

Man findet sie vornehmlich in ganz Süddeutschland und Österreich, aber auch im Berliner Dom und entlang der Donau bis Budapest. In berühmten Klöstern wie Weltenburg, Salem, Ettal, Göttweig und Melk zum Beispiel, in der Münchner Residenz und im Nymphenburger Schloss, in der Marienberg-Festung in Würzburg, im Freisinger und im Bamberger Dom.

In der "Langenaltheimer Haardt", wie das einsame Steinbruchgebiet oberhalb von Solnhofen heißt, setzt Ramazan Demirel seine Arbeit fort. Platte um Platte bringt er mit flinken Handbewegungen in Form, es ist das einzige Geräusch hier. Dabei hatte diese verwegen und archaisch anmutende Kraterlandschaft in vergangenen Zeiten ihren ganz eigenen Sound. Kurze, helle Töne, die vielen in der Gegend als "Bling, bling, bling" im Ohr geblieben sind.

Sie entstanden, wenn in den Steinbrüchen viele Hackstockmeister gleichzeitig die Kalksteinplatten aus den Gesteinsschichten brachen und mit einem langstieligen Hämmerchen vorsichtig anschlugen. Je heller der Ton dabei, desto qualitätsvoller die Platte. Hackstockmeister ist ein Beruf, den es offiziell nicht gibt, der aber im Altmühltal seit Jahrhunderten existiert. Für Rainer Heubeck ist dieses "Bling, bling, bling" der Klang der Kindheit und Jugend. Seinem Vater gehörte einer der vielen Steinbrüche in der Langenaltheimer Haardt. Der Sohn verdiente sich als Schüler und Student in den Ferien ein paar Mark, in dem er im väterlichen Betrieb mithalf. Manchmal saß er mit am Tisch, wenn Vater Willi Heubeck und andere Steinbruchbesitzer samt Dolmetscher bei einer Brotzeit und einigen Halben Bier mit französischen Einkäufern über Preise und Abnahmemengen verhandelten. "Die kamen damals hierher, weil sie unbedingt Solnhofer Platten wollten", erinnert sich Heubeck. "Heute musst du ihnen nachreisen und hoffen, dass sie dir etwas abkaufen."

"Wir erleben im Altmühltal seit gut zehn Jahren ein immer extremeres Firmensterben", sagt Reiner Krug, Geschäftsführer des Deutschen Naturstein-Verbands. Ein Unternehmen nach dem anderen hört auf, wie Ende 2018 die Firma Ludwig Stiegler aus Solnhofen, nach 257 Jahren und familiengeführt in achter Generation. Der letzte Inhaber rechnete vor, dass seit 2001 der Umsatz um 80 Prozent gesunken sei.

Von zwei Duzend Firmen sind nur noch ganz wenige übrig

Die verbliebenen Steinfirmen in und um Solnhofen tun sich nicht selten zusammen, um zu überleben. Sie halten sich hauptsächlich mit dem Verkauf und der Verarbeitung anderer Juragesteine oder von Fliesen über Wasser. Ein Zementwerk, das viel Abraum aus den verlassenen Brüchen verarbeitet, ist zum wichtigsten Arbeitgeber geworden. Verbandsgeschäftsführer Krug prophezeit, in einigen Jahren gebe es im Altmühltal nur noch zwei, drei große Natursteinfirmen; vor einem Jahrzehnt waren es noch zwei Dutzend.

Es ist ein winziger, aber nicht irgendein Wirtschaftszweig, der hier ausstirbt. Das Geschäft mit den Solnhofer Platten hat das Altmühltal kulturgeschichtlich über Jahrhunderte geprägt. Es garantierte Generationen von Menschen Wohlstand und stiftete eine kollektive Identität. "Man war stolz auf diesen besonderen Stein, der überall so gefragt war", sagt Rainer Heubeck. "Nun geht mit ihm schlimmstenfalls eine Handwerks- und Industriekultur unter." Das alles erinnert ein wenig an die Kohle und die Kumpel im Ruhrgebiet, natürlich gemessen daran nur im Miniaturformat. Schon die alten Römer verbauten Solnhofer Platten in ihren Villen und Bädern entlang des Limes. Etwa 1500 Jahre später begann der systematische Abbau. In der Barockzeit erlebte der zwar "Solnhofer" genannte Stein, der aber auch aus dem Gebiet angrenzender Gemeinden stammen kann, bei kirchlichen und profanen Bauherren einen Nachfrageboom.

Einen weiteren, großen Schub brachte Ende des 18. Jahrhunderts die Erfindung des Schriftstellers, Musikers und Komponisten Alois Senefelder: die Lithografie. Denn der Solnhofer Plattenkalk erwies sich von seiner geologischen Beschaffenheit her als am tauglichsten, um damit bunte Plakate, See- und Landkarten, Notenblätter oder kunstvolle Zeichnungen zu drucken. Ein Jahrhundert florierte das Geschäft, bis Offsetdruck die Lithografie verdrängte, wobei Künstler, die nach wie vor mit dieser Technik arbeiten, dafür bis heute ins Altmühltal reisen.

Ramazan Demirel ist Hackstockmeister und einer der letzten seines Berufsstandes. Er hat zwei Steinbrüche gepachtet und einen Verarbeitungsbetrieb. Doch ein Nachfolger für sein Geschäft ist nicht in Sicht.

(Foto: Uwe Ritzer)

Ein Beruf, den man in keiner Schule lernen kann

Anno 1857 gründete sich mit dem "Solenhofer Aktien-Verein" die zweitälteste Aktiengesellschaft Bayerns. Und 1861 - zwei Jahre nachdem Charles Darwin sein ebenso berühmtes wie damals umstrittenes, grundlegendes Werk zur Evolution veröffentlicht hatte - fanden Steinbrucharbeiter in jener heute so ausgestorbenen "Langenaltheimer Haardt" das erste, versteinerte Skelett eines Archaeopteryx. Jene oft "Urvogel" genannte Übergangsform zwischen Dinosauriern und Vögeln. Für Darwin galt dieses Wesen als endgültiger Beweis seiner Evolutionstheorie.

Nicht aus wissenschaftlichen Gründen, sondern rein zum Zweck des Broterwerbs arbeiteten noch in den 1970er- und 1980erJahren in und um Solnhofen Tausende Menschen in Steinbetrieben. Ramazan Demirel ist als einer der wenigen übrig geblieben. Sein Vater kam als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland und landete im Steinbruch. "Hackstockmeister", sagt der Sohn in einer kurzen Arbeitspause, "das kann man in keiner Schule lernen. Im ersten Jahr schaut man zu, ab dem zweiten Jahr macht man das selbständig." So hat auch ihm sein Vater die Arbeit beigebracht.

Seit zehn Jahren ist Ramazan Demirel Unternehmer. Er hat zwei Steinbrüche gepachtet und einen Verarbeitungsbetrieb. Sein Bruder arbeitet in der Firma mit, aber keiner seiner drei Söhne. Einer studiert, der andere macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann, der dritte arbeitet bei einem Autozulieferer. "Keiner von ihnen will die Firma übernehmen", sagt Demirel.

"Hackstockmeister waren früher angesehene Leute"

Auch Rainer Heubeck, 54, wollte als junger Mann die Geschäfte seines früh verstorbenen Vaters nicht fortführen. Die Familie verpachtete den Steinbruch und legte ihn schließlich still. Den Verlegebetrieb übernahm zunächst ein Mitarbeiter; inzwischen gibt es auch den nicht mehr. Rainer Heubeck studierte indes Geschichte, wurde Lokaljournalist, eröffnete einen kleinen Delikatessenladen - und blieb bei alledem Chronist in Sachen Solnhofer Stein.

"Hackstockmeister waren früher angesehene Leute", erinnert er sich. "Sie arbeiteten oft zu zweit. Einer holte die Steinplatten raus, der andere prüfte und sortierte sie. Je größer eine Platte, desto teurer kann man sie verkaufen." Die körperlich harte Arbeit brachte gutes Geld. "Die besten Hackstockmeister gingen mit umgerechnet 6000 bis 7000 Euro monatlich heim", sagt Heubeck.

Die Zahl der Hackstockmeister ist drastisch gesunken. Ihr Geschäft funktionierte von jeher so: Allesamt selbständige Arbeiter, pachteten sie "Hackstöcke" (daher die Berufsbezeichnung) genannte Parzellen in den Steinbrüchen und bauten dort den Solnhofer ab. Im Sommer unter freiem Himmel oder einem selbstgezimmerten Sonnendach, im Winter unter eigens zusammengenagelten Bretterverschlägen, die mit kleinen Holzöfen beheizt wurden. Die Platten, die sie aus dem Bruch holten, überließen sie dem jeweiligen Steinbruchbesitzer, der sich um Weiterverarbeitung und den Vertrieb kümmerte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite