Urban Gardening:"Ein bisschen verrückt muss man schon sein"

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Sie beginnt am Ortsrand von Bad Ragaz. Ein Kurort, der mit anderen Schweizer Ferienorten um die Gunst von Gästen buhlt. Das ist schwierig geworden. Seit sich die Schweizer mit ihrer Währung vom Euro losgesagt haben, bleiben viele Deutsche weg. Auch die Russen machen sich seit Beginn der Ukraine-Krise rar. Das bekommt Franz Gschwend zu spüren. Er betreibt hier mit seiner Familie den Lebensmittelgroßhandel Ecco-Jäger mit 60 Angestellten.

Gschwends Firma beliefert vor allem die Gastronomie in der Ostschweiz mit frischem Obst und Gemüse, aber auch Fertigprodukten. Er sorgt dafür, dass Urlauber in Davos, Laax und anderen Ferienorten an 365 Tagen im Jahr gut versorgt sind. "Der Druck ist groß, inzwischen drängen auch Einzelhandelskonzerne wie Migros oder Coop in dieses Geschäft", sagt er. Da habe er sich etwas einfallen lassen müssen. Eine Grundsanierung des Firmensitzes sei ohnehin fällig gewesen. Warum dann nicht etwas Innovatives schaffen? Gut für das Image sei das allemal. Die Idee mit der Dachfarm und der Fischzucht sei da gerade recht gekommen.

"Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um sich eine solche Anlage ins Haus zu holen", sagt Gschwend und lacht. Ein hagerer Mann mit Brille, der ständig in Bewegung ist. Mehrere Millionen Schweizer Franken hat er für die Modernisierung und die Aquaponik-Farm ausgegeben. Wie viel genau, das will er nicht sagen. Kühl- und Wärmeanlagen, die gesamte Wasser- und Stromversorgung wurden erneuert, das Gebäude teilweise umgebaut. Dann der lange Kampf mit den Behörden, bis endlich alle Genehmigungen da waren. Für die Indoor-Farm musste er extra einen Fischwart und einen Gärtner einstellen.

Urban Gardening: Im Bild ist Fischwart Olaf Weinreich zu sehen.

Im Bild ist Fischwart Olaf Weinreich zu sehen.

(Foto: Silvia Liebrich)

Ein Plan, für den man viel Mut und Geduld braucht - und jede Menge Vorstellungskraft. Gschwend hat diese Vorstellungskraft. "Es ist eine bestechende Idee, mit dem gleichen Wasser zwei Kulturen zu bewirtschaften. Wir brauchen solche Lösungen. Die Meere werden leer gefischt, selbst Kleintiere werden zu Fischfutter verarbeitet. Das ist doch eine Idiotie." Bei diesem Thema kann er sich in Rage reden. "Ich habe Kinder und Enkel und wenn ich an deren Zukunft denke, muss ich mir Gedanken machen, wie das weitergehen soll." Doch der 58-Jährige ist kein Träumer, sondern Händler und Kaufmann. Und ein Grüner sei er schon gar nicht, betont er, "davon bin ich weit entfernt".

Gschwend sieht sich als Realist mit Visionen. Die Firma hat er erst vor sieben Jahren gekauft. Davor hatte er sie bereits zehn Jahre als Geschäftsführer geleitet. In dieser Zeit hat er den Betrieb zusammen mit drei Söhnen und seiner Frau zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut. Das mit den Fischen und dem Grünzeug habe er ganz genau durchgerechnet, mehrfach, betont er. In diesem März haben sie angefangen, die Anlage hochzufahren. Bald will er erste Ergebnisse sehen. "Die Ziele sind gesetzt, und wir geben uns da nicht viel Zeit." Schon vom nächsten Jahr an soll die Anlage kostendeckend arbeiten und dann rasch Gewinne liefern.

Ein Plan, der aufgehen könnte. Gschwend steht im Gewächshaus und greift in eine Kiste mit erntefrischen Kräutern. Sie schmecken erstaunlich würzig, obwohl sie auf künstlichem Granulat gewachsen sind. Hier sollen künftig vor allem rare Salatsorten und Kräuter gedeihen. Die bringen gutes Geld, sind aber leicht verderblich und müssen deshalb schnell beim Kunden sein. Die ausgeklügelte Logistik von Ecco-Jäger sei dafür bestens geeignet, sagt Gschwend. Bei den Köchen in der Region stoße das Angebot bereits auf großen Anklang. Die ersten frischen Fische sollen von Herbst an ausgeliefert werden. Bis dahin ist noch viel zu tun. Eine Technologie, die das erste Mal so richtig in der Praxis funktionieren soll, ist immer auch ein großes Experiment. "Da muss man flexibel sein und darf nicht erwarten, dass alles auf Anhieb funktioniert", stellt Gschwend fest.

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