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Report:Schwimmende Landgemeinde

Das Kreuzfahrtschiff "MSC Splendida" hat bis zu 4600 Menschen an Bord. Das sind genauso viele, wie im Eissport- und Erholungsort Inzell leben. Besuche an Deck und im Dorf.

Von Michael Kuntz, Hamburg/Inzell

Die geräumige Bordbar auf Deck 5 ist bereits gut besetzt an diesem späten Vormittag. Das Wetter ist nicht toll, und die MSC Splendida dümpelt durch die Nordsee von Amsterdam nach Hamburg. Zu sehen gibt es draußen nicht viel an diesem Tag auf See. Drinnen taucht immerhin der Kapitän auf, zum Interview bei Wasser und Kaffee. In einer mit roter Kordel abgesperrten Sitzgruppe ist er schnell die Attraktion, denn auf einem so großen Kreuzfahrtschiff bekommen ihn die 3200 Passagiere nicht so oft zu sehen.

Giuseppe Maresca, 48, ist ein sehr ernsthafter Mensch, und man spürt sofort, wie sehr seine große Verantwortung auf ihm lastet. Die Frage, ob man auf einem Schiff mit 1370 Mann Besatzung überhaupt noch einen Kapitän braucht, findet er nicht besonders komisch: "Alle in der Mannschaft glauben an eine Person, den Kapitän. Ich bin der Einzige, der entscheidet."

Hans Egger, 58, würde niemals von sich sagen, er sei der Einzige, der entscheidet. Der Bürgermeister von Inzell sitzt in seinem Amtszimmer im ersten Stockwerk des Rathauses im grünen Wams mit blauem Hemd und Haferlschuhen und wirkt vergleichsweise entspannt. Gewählt wurde er von einer Listengemeinschaft der Bürger für Inzell mit der SPD. In wichtigen Angelegenheiten lässt Egger die Bürger des weltbekannten Ortes im Chiemgau befragen. Die von Touristen leben, scheinen hier am Fuße des Kienbergs nicht unglücklich zu sein. Manches läuft besser als anderswo. Denn in Inzell haben sie die teilweise Entkoppelung von den Naturgewalten geschafft. Egal, ob es friert und schneit, dank der Max-Aicher-Arena, einer großen Sporthalle, ist eines sicher: "Von Oktober bis Mai haben wir Eiszeit."

Was verbindet Giuseppe Maresca und Hans Egger, zwei Männer, die sich noch nie begegnet sind und das wahrscheinlich auch nicht tun werden? Sie leben in unterschiedlichen Welten, aber sie haben eins gemein: Kapitän und Bürgermeister tragen jeweils Verantwortung für 4600 Menschen, der eine an Bord, der andere im Dorf. Seit zwei Jahrzehnten werden Kreuzfahrten immer populärer, klassische Fremdenverkehrsorte dagegen müssen kämpfen und sich immer wieder neu erfinden.

Es ist der größte Megaliner, der diesen Sommer seinen Heimathafen in Hamburg hat: Die MSC Splendida ist 333,3 Meter lang und 37,92 Meter breit. An Bord gehen bis zu 3247 Passagiere und 1370 Mitglieder der Besatzung.

(Foto: dpa, MIK)

Bürgermeister Egger hat sich noch mal vergewissert: An diesem Tag im April hat Inzell genau 4584 Einwohner. Die MSC Splendida kann 3247 Passagiere an Bord nehmen plus 1370 Frauen und Männer Besatzung. Macht also 4617 Menschen.

Damit zählt das Schiff der italienisch-schweizerischen Reederei MSC zu den mittelgroßen unter den mehr als 300 Kreuzfahrtschiffen, die über die Weltmeere schippern. Die den meisten Deutschen nur aus der legendären ZDF-Fernsehserie bekannten Traumschiffe wie die MS Deutschland, die MS Berlin oder neuerdings die MS Astoria bieten ihren jeweils nur um die 500 Fahrgästen eine ganz besonders intime Atmosphäre, weil man jederzeit damit rechnen muss, den Mitreisenden, mit dem man sich gerade auf dem Oberdeck unterhalten hat, kurze Zeit später im Restaurant oder an einer Bar erneut zu treffen.

Diese Wahrscheinlichkeit ist deutlich geringer auf den schwimmenden Freizeitmaschinen mit Tausenden Passagieren, die seit bald zwei Jahrzehnten unterwegs sind und die kleinen Museumsdampfer ganz allmählich, aber ziemlich sicher aus dem lukrativen Geschäft drängen. Im Vergleich ist alles recht anonym auf den Megalinern.

Demnächst wird auf einer Werft in Frankreich mit der Harmony of the Seas das größte Kreuzfahrtschiff fertig, das jemals gebaut wurde. Es ist Hotel und Arbeitsplatz für 5479 Gäste und 2300 Besatzungsmitglieder. Es kostet 1,3 Milliarden Dollar und wird seine Reisen in Barcelona oder Fort Lauderdale beginnen. Die Reedereien verkraften solche Investitionen. Voriges Jahr gab es 15,75 Millionen Übernachtungen deutscher Passagiere, ein Rekord. Allerdings war die Nachfrage sogar noch größer als die vorhandenen Kapazitäten.

Im deutschen Kreuzfahrtgeschäft geht es eine Nummer kleiner zu als im Weltmaßstab. Hierzulande ist die MSC Splendida gemessen an der transportierbaren Menschenmenge unter den großen Ozeandampfern der größte. Von April bis Oktober wird ihr Heimathafen Hamburg sein, so wie zum ersten Mal im vorigen Jahr. Zu 16 Kreuzfahrten wird das Schiff von hier aus aufbrechen. Den Winter über fuhr die Splendida in Südamerika, meist steuerte das Schiff Häfen in Brasilien an. Nach der Atlantiküberquerung wird die "schwimmende Kleinstadt" demnächst wieder in Hamburg anlegen, am 27. April von 8 bis 19 Uhr im Cruise Center Steinwerder.

Vorwiegend von zahlenden Gästen lebt auch die Chiemgau-Gemeinde Inzell, die kaum mehr Bewohner hat als der Megaliner MSC Splendida Gäste. Inzell ist 10,3 Kilometer lang und 8,5 Kilometer breit.

(Foto: MIK/oh)

Ein Megaliner wie die MSC Splendida wird häufig "schwimmende Kleinstadt" genannt. Ganz zutreffend ist das nicht. Denn selbst eine kleine Kleinstadt hat zwischen 5000 und 10 000 Bewohner. Die 2009 von der italienischen Schauspielerin Sophia Loren getaufte MSC Splendida fällt mit bis zu 4617 Menschen an Bord noch in die Kategorie der Landgemeinden - so wie Inzell.

Nun ist Inzell nicht irgendeine Landgemeinde, sondern das durch seine große Population erfolgreicher Eisschnellläufer wie Erhard Keller, Monika Pflug und Anni Friesinger weltberühmte Haufendorf im Tal vor dem 1671 Meter hohen Kienberg. Inzells Einwohner leben von Kühen oder Touristen oder von beidem. Vieles von dem, was es auf der MSC Splendida gibt, hat Inzell auch, von manchem sogar mehr.

Da wären zum Beispiel die Fahrschule Mosinger oder das Trachtenhaus Dollinger oder die hübsche Fassade, hinter der ausgerechnet die Münchner Filialkette Müller & Höflinger als "Dorfbäckerei" firmiert. "Brot ist ein Stück Leben" und ein Stück italienische Lebensart, sagt Splendida-Chefkoch Attilo Ascione und beißt in ein hörbar knuspriges Brötchen: "Das ist Musik für mich."

Zur oberbayerischen Lebensart in Inzell zählen die erwähnte Max-Aicher-Arena und der Badepark. Beides bereitet Bürgermeister Egger derzeit ein wenig Kopfzerbrechen. Einerseits ist es zwar gut, dass Inzell neben seinem zum Badesee renaturierten Freibad lange ein schönes, hölzernes Hallenbad mit fast quadratischem Zwanzig-Meter-Becken besitzt. Andererseits ist die Schwimmhalle schon älter und ihre Renovierung könnte teuer werden, wenn sie sich überhaupt noch lohnt. Egger lässt das gerade ausrechnen. Angesichts der finanziellen Folgen für die Gemeinde liebäugelt er mit einer Bürgerbefragung.

Ein 67 Meter hohes Schiff zu drehen ist jedes Mal ein kleines Abenteuer

Was sich schon rechnet, ist die Umstellung der Max-Aicher-Arena auf ein Blockheizkraftwerk, das mit Erdgas betrieben wird. Damit keiner frieren muss beim Eisschnelllauf-Gucken in der Halle, in die locker die gesamte Einwohnerschaft von Inzell passen würde. Oder eben alle Menschen, die an Bord des Kreuzfahrtschiffes MSC Splendida Platz haben.

Die Max-Aicher-Arena ist, das sei am Rande bemerkt, zwar hundert Meter kürzer als die 333,3 Meter lange MSC Splendida, aber dafür mehr als doppelt so breit wie das Schiff mit 38 Metern. Die Aicher- Arena hat aber keine 18 Decks - und sie ist, kleiner Scherz, natürlich nicht so manövrierfähig.

Kapitän Giuseppe Maresca: "Alle in der Mannschaft glauben an eine Person, den Kapitän. Ich bin der Einzige, der entscheidet."

(Foto: OH)

Die spannendsten Manöver auf der Fahrt von Amsterdam nach Hamburg hat Kapitän Maresca beim Treffen auf dem Deck 5 bereits hinter sich. Gleich nach dem Ablegen musste er das Schiff drehen, jedes Mal ein kleines Abenteuer mit einem 67 Meter hohen Stahlkörper, der dem Wind reichlich Angriffsfläche bietet. Dann ging es durch den engen Kanal zur Nordsee, links und rechts nur 3,50 Meter Platz. Auch nicht ohne. Zwar sind in engen Häfen Lotsen an Bord, doch wie genau bei den Strömungen von Ebbe und Flut oder bei Windböen zu verfahren ist, das entscheidet letztlich der Kapitän, sagt er ja selber.

Der Kapitän Giuseppe Maresca hat sein ganzes Berufsleben bei der Reederei MSC verbracht, steuerte früher Containerfrachter und führt seit zehn Jahren das Kommando auf Kreuzfahrtschiffen. Der Mann ist sichtlich angespannt. Wahrscheinlich stehen italienische Kapitäne seit dem folgenschweren Kentern der Costa Concordia unter einem gefühlten Generalverdacht. Wie nah Glück und Unglück auch auf einem Ferienschiff zusammenliegen können, erfuhr die Besatzung der MSC Splendida, als im März vorigen Jahres beim Landausflug in Tunis eine Gruppe Passagiere nicht mehr an Bord zurückkehrte, weil sie Opfer eines Terroranschlags am Nationalmuseum geworden war. Keine Sekunde lässt Giuseppe Maresca beim Gespräch ein halbes Jahr später den Eindruck aufkommen, er würde seine komplexe Aufgabe nicht mit großem Ernst erfüllen.

Zur Aufgabe von Maresca gehört die sichere Navigation des Schiffes, aber auch die enge Abstimmung mit dem Hotelbetrieb an Bord. Landausflüge, das Bunkern von Proviant, der Ablauf in den Passagierkabinen und den Küchen - irgendwie hängt alles zusammen in dieser Fabrik für die Ferienträume der Gäste. Je nach Route und Jahreszeit sind die Passagiere mal älter oder jünger, meist über 55 Jahre.

In Inzell hat sich die Gästestruktur ziemlich verändert. In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kamen noch die Reisebusse aus Nordrhein-Westfalen, heute suchen eher Gäste aus Bayern und Baden- Württemberg im Voralpendorf die Nähe zur Natur. Im Schnitt bleiben sie fünf Tage und geben pro Person 80 Euro täglich aus. "Wenn die Qualität gut ist, besteht auch die Bereitschaft, einen entsprechenden Preis zu bezahlen", sagt Gerhard Steinbacher. Er ist Geschäftsführer der Inzeller Touristik GmbH, damit sozusagen der Kreuzfahrtdirektor an Land. Die durchschnittliche Tagesrate bei einer Kreuzfahrt betrug voriges Jahr 181,86 Euro.

Hans Egger

Bürgermeister Hans Egger: "Eine zusätzliche Gewerbefläche könnte neben dem Tourismus ein zweites Standbein sein und uns eine gewisse Sicherheit bieten."

(Foto: OH)

Vor drei Jahren gab es in Inzell mal ein leichtes Minus bei den Zahlen, doch aktuell verzeichnet man wieder gute 600 000 Übernachtungen. Es läuft wieder besser in der bayerischen Idylle. Oft machen die Menschen hier ihren Zweit- oder Dritturlaub. Es gibt Hotels und Pensionen mit "Zweierkabinen", aber auch viele teilweise größere Ferienwohnungen, besonders auf den Bauernhöfen. "Da sind unsere Landwirte gut vernetzt und sehr engagiert", stellt Bürgermeister Egger fest. Sein Wunsch: "Eine zusätzliche Gewerbefläche könnte ein zweites Standbein sein und uns eine gewisse Sicherheit bieten." Nicht nur Tourismus, auch mehr kleine mittelständische Betriebe: "Es ist Interesse da."

Und dann ist ja noch der Sport, der auch ohne Schnee funktioniert und der den Ort prägt. In Inzell zog schon vor Jahren die Speed-Skating-Akademie des Autoherstellers Kia in das stillgelegte Krankenhaus im Ortskern. Der Eisschnelllauf hat bald sechs Jahrzehnte Tradition hier und ein eigenes Leistungszentrum. Die internationalen Spitzensportler reisen nicht nur zu Training und Wettbewerben im Winter an, auch im Sommer gibt es vier Wochen lang eine für sie geeignete Eisfläche.

Der Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff oder der Bürgermeister von Inzell erfüllen in ihrem Alltag vielen Menschen Urlaubswünsche. Wie machen sie selber Ferien? Giuseppe Maresca reist ins Piemont auf das Land. "Ich bin gern in der Natur." Und, jawohl: "Das möchte ich mal machen, auf ein Kreuzfahrtschiff als Gast zu gehen."

Hans Egger fährt nach Südtirol oder an den Bodensee. Mit der 1757 gegründeten Musikkapelle Inzell war er in den USA, in Atlanta zu einer Art Oktoberfest. Den Nordatlantik überquert hat er im Flugzeug, nicht mit einem Schiff.

Auf die Flüchtlinge nach Europa hat man sich sowohl zu Wasser wie auf dem Lande eingestellt

Auf das Phänomen des Jahres 2015, die Flucht von Menschen nach Europa, hat man sich sowohl zu Wasser wie auf dem Lande eingestellt. Die MSC Splendida hat im Mannschaftsdeck einen speziellen Raum, in dem theoretisch bis zu 60 Schiffbrüchige Zuflucht finden können, bis zum nächsten Hafen. Inzell hat in drei Unterkünften hundert Flüchtlinge aufgenommen. Einige jobben bereits.

Es wird weitergehen, mit den Kreuzfahrten auf Megalinern wie der MSC Splendida und auch mit den erdgebundenen Reisen nach Inzell, wie die Tourismusfachleute es nennen, wenn man sich seinem Urlaubsort mit der Bahn, dem Auto oder im Bus nähert. Immer noch dramatisch viele Menschen äußern bei den einschlägigen Umfragen, dass sie gern mal auf einem Schiff verreisen würden - und das Tolle für die Branche ist, sehr viele kennen die schwimmenden Hotels bisher nur aus der romantisch verklärten Traumschiff-Serie, die sie seit ihrer Jugend in immer neuen Folgen begleitet. Da geht also noch was.

Vorausschauend hat MSC-Gründer Gianluigi Aponte gerade einen Vorvertrag geschlossen über bis zu vier neue Schiffe, die in den Jahren 2022, 2024, 2025 und 2026 ausgeliefert werden sollen. Sie werden noch einmal zweitausend Passagiere mehr aufnehmen können als das heutige Schiff von Kapitän Giuseppe Maresca. Die Splendida schrumpft dann quasi zum Beiboot in der MSC-Giganten-Flotte.

Auch in Inzell geht noch was. Ein neu gebautes Chalet-Resort soll vielleicht schon im kommenden Jahr das Angebot nach oben erweitern und Menschen glücklich machen, denen eine Übernachtung für zwei Personen im alpinen Eigenheim schon mal 500 Euro wert ist. Refugium des entspannten Genießens nennt sich dies, das Knistern des Kaminfeuers ist inklusive. So etwas gab es bisher nicht in Inzell. Der Fremdenverkehrs-Mann Gerhard Steinbacher ist mehr als zuversichtlich: "Das ist eine Riesenchance."

© SZ vom 16.04.2016
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