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Filmgeschäft:Früher gab es mehr Geld als gute Filmideen

Agenten sind aber auch Seismografen dafür, wohin sich das Film- und Fernsehgeschäft entwickelt. "2001 war das letzte Jahr, in dem ich gut verdient habe", erzählt Sibylle Flöter. Und schwärmt von den Neunzigerjahren, als die Privatsender aufkamen, massenhaft eigene Produktionen starteten und nicht nur etablierte Schauspieler mit hohen Gagen lockten. Es waren die Jahre, in denen deutsche Filmproduzenten bei den Festspielen in Cannes mit riesigen Yachten ankerten und wilde Partys schmissen. "Damals war mehr Geld da als gute Filmideen", sagt Flöter. Dann aber sei "die Blase geplatzt".

Die Eigentümer der Privatsender fordern Rendite, die Öffentlich-Rechtlichen leiden angesichts einer latenten Gebührendiskussion unter politischem Druck. Seither haben sich die Bedingungen für die Filmschaffenden drastisch verschlechtert. Das heißt zum Beispiel, weniger aufwendige Serien, dafür mehr billige Soaps.

"Für einen ordentlichen 45-Minüter werden pro Drehtag etwa acht Sendeminuten produziert", rechnet VdA-Chefin Flöter vor. "Für eine Soap 45 Minuten."

Lieber Buchautor: Ex-"Tatort"-Kommissar Gregor Weber. Auftritt im eigenen Prenzlauer-Berg-Café: Christian Kahrmann, früher ein Star in derTV-Dauer-Serie "Lindenstraße".

(Foto: Stefan Rumpf, Daniel Naupold/dpa)

Filmarbeit wurde zur Fließbandware. "Jeder überlegt sich heute doppelt, ob er eine einmal gedrehte Szene wiederholt, um sie einen Tick besser zu machen, denn das kostet Geld", schildert ein Darsteller.

"Vor Jahren waren 30 Drehtage für eine 'Tatort'-Folge normal; heute müssen 21 oder 22 reichen."

Die Budgets werden tendenziell immer knapper, also wird gespart. Vor allem an den Drehtagen. "Vor einigen Jahren noch waren 30 Drehtage für eine "Tatort"-Folge normal; heute müssen 21 oder 22 reichen", so ein Insider. Statt elf oder zwölf für einen 45-Minüter sind heute noch acht veranschlagt. Dafür beginnen Drehtage frühmorgens und enden spät in der Nacht.

Für Schauspieler bedeutet dies teilweise drastische Einkommensverluste, denn sie werden nach Drehtagen bezahlt. 750 Euro, so hat es die BFFS ausgehandelt, sind der Mindestsatz. Nach oben gibt es keine Grenzen, theoretisch. Auf fünfstellige Gagen bringt es nur ein Bruchteil der Künstler. Gregor Weber sagt, als "Tatort"-Kommissar habe er 2000 Euro pro Drehtag verdient. Das klingt ganz ordentlich, ist aber wenig. Denn die Tagesgage ist eine Pauschale, die auch Vorbereitung, Proben, Texte lernen, PR-Termine und etwaige Nachsynchronisation abgeltet. Und für eine wochen-, vielleicht monatelange Zeit ohne Dreharbeiten reichen muss. Denn pausenlos engagiert wird kaum jemand. Auch ständige Wiederholungen verzerren das Bild. Sie werden schon seit einigen Jahren nicht mehr gesondert honoriert.

Inzwischen klafft die Einkommensschere auseinander. "Auch, weil die Sender und Produzenten immer fantasieloser werden und stets dieselben Leute engagieren", kritisiert Gregor Weber. Man setze auf wenige Publikumslieblinge, aus Angst, neue Gesichter könnten die Zuschauer verstören. Die Auswahl ist ohnehin meist ein von außen schwer durchschaubares undurchsichtiges Prozedere. Castingfirmen machen Vorschläge, wer zu welcher Rolle passen könnte. Sender, Produzent und vor allem natürlich der Regisseur wählen aus. Zum Casting selbst müssen die Schauspieler nicht selten auf eigene Kosten anreisen.

Um überhaupt im Geschäft zu bleiben, müssen Darsteller investieren. Etwa in immer neue Demofilmchen oder professionelle Fotos. Auch das kostet Geld, ebenso wie der Agent, der im Normalfall bis zu 20 Prozent der Gage kassiert.

Die Macht in der Branche, sie ist klar konzentriert. Vor allem bei den TV-Sendern, aber auch bei den Produktionsfirmen. Nicht selten hängt alles irgendwie zusammen; die Degeto etwa kauft als ARD-Tochter Filme für das Erste ein, finanziert und produziert aber auch selbst. Sie diktieren den Markt und die Preise. Zuletzt, erzählt Ex-Agentin Flöter, habe sie immer öfter den Satz "Take it or leave it" gehört, wenn sie bessere Gagen für ihre Klienten herausholen wollte.

Im Literaturhaus denkt Monika Baumgartner laut nach, wie alles anders hätte kommen können. Als junges Mädchen, erzählt sie, wäre sie beinahe in der kleinen Reifenhandelsfirma geblieben, in der sie als kaufmännischer Lehrling angeheuert hatte. "Ich habe dort sehr gerne gearbeitet", sagt sie. Dann aber habe besagter Theaterlehrer Nowak sie überredet, die Aufnahmeprüfung für die renommierte Otto Falckenberg Schauspielschule zu machen. Baumgartner wurde genommen und ihre Karriere nahm einen glücklichen Lauf.

Und wenn es schiefgegangen wäre? Dann wäre Monika Baumgartner vielleicht ganz in den Laden eingestiegen, den sie seit 17 Jahren nebenher mit ihrer Schwester betreibt: ein kleines Geschäft für Raumausstattung im Münchner Westend.

© SZ vom 14.05.2016
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