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Filmgeschäft:Albtraumjob Schauspieler

Hans-Werner Meyer

Kennt das Auf und Ab im Künstlerleben: Hans-Werner Meyer gründete den Berufsverband der Film- und Fernsehschauspieler.

(Foto: Martin Lengemann/laif)

Es gibt kaum einen Berufsstand, in dem Traum und Wirklichkeit weiter auseinanderklaffen als bei Schauspielern. Selbst bekannte Akteure leben oft von der Hand in den Mund.

Das Café im Münchner Literaturhaus. Schnell stellt sich heraus, dass dieser zufällig gewählte Treffpunkt mitten in der Altstadt eine gute Kulisse ist, um mit Monika Baumgartner, 64, zu sprechen. Früher war in dem Gebäude nämlich eine "Mittelschule für Haustöchter". Baumgartner, Kind eines Postbeamten und einer Buchhalterin, lernte hier Maschinenschreiben, Stenografie und Buchführung. In der Theatergruppe von Lehrer Nowak begann sie mit der Schauspielerei. "Ich bin so froh, dass man aus dem Haus nicht irgendeinen Laden, sondern etwas Besonderes gemacht hat", sagt Baumgartner, kaum dass sie Platz genommen hat.

Ihre Stimme klingt rauer, als man sie aus dem Fernsehen kennt. Monika Baumgartner ist erkältet und hat einen dicken Schal um den Hals gewickelt. Sie dürfe jetzt nicht schlappmachen, sagt sie, die nächsten Tage seien voll verplant. Kostümproben, Text lernen, die Termine abstimmen, wann genau sie nach Ellmau in Tirol muss. Bis Dezember wird dort die neue Staffel vom ZDF-Bergdoktor gedreht, sieben Neunzigminüter. Und Monika Baumgartner wird wieder eine Hauptrolle spielen: Lisbeth Gruber, die clevere Mutter des Bergdoktors. Das tut sie seit dem Jahr 2008. "Die Serie ist mein Grundstock", sagt sie, "ohne ihn wäre alles schwieriger."

Schwierig, wieso schwierig?

Ist diese Frau nicht seit Jahrzehnten eine der gefragtesten Schauspielerinnen hierzulande, dauerpräsent auf dem Bildschirm? Eine Paradebesetzung, wenn es um bodenständige Frauenrollen geht, bevorzugt bayerische. Sie müsste doch in Geld und Glamour förmlich baden! Baumgartner winkt ab. "Ich kenne Existenzängste", sagt sie, "aber ich hatte Gott sei Dank immer Glück." Soll heißen: genug zu tun.

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"Die erschießen mich, und ich soll vorher unterschreiben, dass ich mich erschossen habe."

Auch Gregor Weber, 47, arbeitet viel, er schreibt Bücher. Zuletzt einen Fantasy-Roman über verschwundene Köche, davor ein Buch über die Bundeswehr im Auslandseinsatz und Krimis. In dem Metier kennt er sich besonders gut aus. Jahrelang ermittelte Weber als Assistent und schließlich als Hauptkommissar im "Tatort" aus Saarbrücken. Bis der Saarländische Rundfunk ihn und seinen kongenialen Filmpartner Maximilian Brückner 2012 eiskalt abservierte. "Die wollten tatsächlich noch, dass wir das den Leuten als einvernehmliche Trennung verkaufen", erzählt Weber. Er hat empört abgelehnt. "Die erschießen mich und ich soll vorher unterschreiben, dass ich mich selbst erschossen habe."

Überhaupt sei die Schauspielerei "eine Branche, die rund um die Uhr Engagement und Unterwerfung fordert". Gregor Weber will da nicht mehr mitspielen. Kommt ein Rollenangebot, ist es gut. Wenn nicht, dann eben nicht. Er verkaufe sich nicht mehr unter Wert und spiele für "brutale Dumping-Gagen", sagt er. "Ich beherrsche diesen Beruf, aber ich definiere mich nicht mehr darüber, er ist nicht mehr meine Welt." Lieber schreibt er Bücher.

Es gibt kaum einen Berufsstand, in dem Schein und Sein weiter auseinanderklaffen als bei Schauspielerinnen und Schauspielern. Speziell bei denen, die ein Millionenpublikum von der Leinwand und vom Bildschirm kennt. Ständige Wiederholungen im TV, Promi-Magazine, Talkshows, die Boulevardpresse - alle suggerieren, es handele sich ausnahmslos um Gutverdiener, die pausenlos Filme drehen und ansonsten fröhlich über rote Teppiche flanieren und Party machen. Eine scheinbar glamouröse Kaste, stets umschwärmt von Kameras, die sie prominent in Szene setzen.

Und natürlich sagen Schauspieler bei jeder Gelegenheit, wie gut es ihnen gerade gehe und wie viel sie zu tun hätten. Bei wem auffällt, dass er/sie schon länger nicht mehr in neuen Filmen auftauchte, der/die antwortet etwas in der Art, dass die Drehbücher alle so schlecht seien, und er/sie deshalb die vielen Angebote reihenweise ablehne.

Alles nur Show.

Die Wirklichkeit ist ein Drama. Die meisten Film- und Fernsehschauspieler sind übers Jahr gesehen an mehr Tagen arbeitslos gemeldet als zum Drehen am Set. Selbst bekannte TV-Gesichter leben von der Hand in den Mund und wissen oft nicht, ob sie in einem halben Jahr ihre Miete noch zahlen können. Nur von der Schauspielerei kann kaum jemand leben. Viele sind froh, wenn sie zwischendurch ein Hörbuch einsprechen oder Kurse auf der Schauspielschule geben können. Manche treten als Sänger auf, andere verdienen als Synchronsprecher, Rezitatoren oder Rhetoriktrainer ein paar Euro hinzu. Einzelne fahren sogar Taxi, kellnern oder leben zeitweise von Hartz IV. Christian Kahrmann, 43, der frühere "Lindenstraße"-Star, ließ sich zum Barista ausbilden und eröffnete in Prenzlauer Berg in Berlin ein Café. Über die Brotlosigkeit reden will kaum ein Betroffener.