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Chinesischer Daimler-Aktionär:Was will Li Shufu?

Derzeit so etwas wie der bekannteste Unbekannte im Land: Li Shufu (mitte), hier (von links) mit Chinas Ministerpräsident Li Keqiang, Belgiens Außenminister Didier Reynders und dem Regierungschef des Landes, Charles Michel.

(Foto: AFP)

Seit zwei Wochen ist der Chinese Li Shufu größter Einzelaktionär bei Daimler - und damit so etwas wie der bekannteste Unbekannte in Deutschland. Was hat er vor? Eine Spurensuche.

Von Christoph Giesen, Peking, Max Hägler, Stefan Mayr und Meike Schreiber

Der Mann, um den sich alles dreht, ist nicht da. Er ist nicht zum Autosalon nach Genf gekommen, zum wichtigen Branchentreffen, wo sie nun alle über diesen Wahnsinnsdeal tuscheln. Was hat dieser Li Shufu bloß vor? Seit dem 23. Februar rätselt die Autowelt darüber, seit jenem Freitagabend, an dem nach Börsenschluss eine dürre Ad-hoc-Mitteilung verschickt wurde. Li Shufu, Gründer des chinesischen Autokonzerns Geely, habe sich bei Daimler eingekauft, und das auch noch völlig unbemerkt, wie sich bald herausstellte. Für einen Anteil von 9,69 Prozent zahlte er fast 7,5 Milliarden Euro und ist nun größter Einzelaktionär. Wie? Warum? Und für wen?

Während in Genf gemunkelt wird, sitzt Li im Konferenzzentrum des Nationalen Volkskongresses in Peking auf einem dieser gewaltigen Fauteuils, wie sie die Funktionäre in China lieben. Endlos hohe Lehne, und alles einen Tick zu groß, um es sich wirklich bequem zu machen. An der Decke hängen Lüster. Ein rotes Transparent ist an diesem Donnerstag quer durch den Saal gespannt. "Versammlung der Abgeordneten der Provinz Zhejiang zum 13. Nationalen Volkskongress", steht darauf.

Einmal im Jahr tagt Chinas Scheinparlament für zwei Wochen. Die Delegierten aus den Provinzen erstatten Bericht. Es ist eine durchchoreografierte Show. Nichts wird dem Zufall überlassen. Li ist zum ersten Mal dabei, der Milliardär und Konzernchef ist Abgeordneter seiner Heimatprovinz Zhejiang. 50 Millionen Einwohner im Hinterland von Shanghai, eine der reichsten Gegenden Chinas.

Der Parteichef der Stadt Lishui spricht. Fast alle Holzspielzeuge der Welt werden in seiner Gemeinde gefertigt. Alles wunderbar dort. Danach ist sein Kollege aus Jinhua dran. Der beste Schinken Chinas kommt von dort. Ein Onkologe berichtet noch. Dann die Chefin der Oper in Hangzhou. Man sei auf Tour in Deutschland gewesen und habe die chinesische Kultur in die Welt getragen, erzählt sie. Erfolgsmeldung nach Erfolgsmeldung. Das Fernsehen filmt alles. Nach zwei Stunden dürfen Journalisten Fragen stellen. Arme schnellen nach oben. Ein Korrespondent der Finanznachrichtenagentur Bloomberg wird aufgerufen. "Frage an Li Shufu", sagt er. Endlich eine Antwort, was mit Daimler geschehen soll? Weit gefehlt, der Bloomberg-Mann will wissen, wie Li die Zukunft der E-Mobilität in der Provinz bewertet. Li, ein eher kleiner Mann, grinst, es wirkt verlegen, greift dann zu seinen Notizen. War die Frage abgesprochen? Kerzengerade steht Li da und liest vom Blatt ab: "Die chinesische Regierung legt großen Wert auf die Elektromobilität", doziert er. "Besonders in Zhejiang wurden die Anweisungen der Zentralregierung erfüllt." Nach drei Minuten setzt er sich. Nachfragen sind nicht gestattet. Mitarbeiter eskortieren ihn nach der Sitzung aus dem Saal.

Dann geht eine Bloomberg-Meldung über den Ticker. Da klingt das dann doch etwas ausführlicher. Li hat ein paar Details nachgeliefert. "Daimler ist der vielversprechendste der traditionellen Autokonzerne", wird er in der Meldung zitiert. Das Auto der Zukunft sei ein hochintelligenter Roboter auf Rädern "und alle unsere Anstrengungen richten sich darauf". Man könne zusammenarbeiten, wenn das Daimler-Management das wolle. Aber man müsse nicht, die Dividenden-Ausschüttungen seien ja auch erfreulich. Und kommt noch mehr? So viel, dass der Einfluss steigt, dass Li ein Management einsetzen kann, das ihm gewogen ist? "Wer weiß, was die Zukunft bringt", antwortet Li. Und dann noch: "Ich mag Herausforderungen." Oh ja.

Als erstes kaufte er sich einen Mercedes und ließ ihn auseinanderschrauben

Geboren wurde Li Shufu 1963 als Sohn eines Reisbauern in Taizhou, im Osten Chinas. Als die Kulturrevolution über die Volksrepublik hinwegfegte, war Li noch in der Grundschule, ein paar Jahre musste er trotzdem auf dem Feld arbeiten. In den Achtzigerjahren versuchte er sich erst als Fotograf, dann gründete er eine Firma, die Komponenten für Kühlschränke fertigte. Er nannte sie Geely. Auf Chinesisch: "Glück verheißend".

Als 1989 der Staat begann, die Eisschrankbranche zu regulieren, sattelte Li um. Er kaufte ein altes Motorradwerk und wollte Autos bauen. Das war ein mindestens genauso tollkühner Plan wie sein Daimler-Engagement heute. In den Neunzigerjahren durften nur Staatskonzerne Autos in China fertigen. "Heute ist es verboten, an Nuklearwaffen zu forschen. Aber zu jener Zeit war es genauso illegal Autos zu entwickeln", erinnerte sich Li später einmal. Er machte es trotzdem. Als erstes kaufte er sich einen Mercedes und ließ ihn auseinanderschrauben. Das Auto wieder komplett zusammenzusetzen, gelang nicht. Um die ersten Fahrzeuge zu produzieren, behalf Li sich mit einem Trick. Definiert war damals ein Auto in China so: Mindestens vier Räder und drei Zylinder muss ein Fahrzeug haben. Also baute Geely Wagen mit Zweizylindermotoren. 2001 erhielt Li endlich die Lizenz zum Bauen richtiger Autos.

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