Report Las Vegas hat sich verzockt

Die leuchtenden Kasinos der Wüstenstadt.

(Foto: AFP)

Seit der Finanzkrise machen die Kasinos Verluste. Damit das Geld zurückkommt soll die Stadt einen Ruf loswerden: dass hier nur gezockt, gesoffen und gehurt wird.

Reportage von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Frank Sinatra schlendert lässig durch das Sands in Las Vegas. Wer ihn sieht - und es ist unmöglich, ihn nicht zu sehen - der weiß sofort, warum er Ol' Blue Eyes und Sultan of Swoon genannt wird. Er bestellt an der Bar einen Drink, er zündet dem einsamen Herzchen im weißen Abendkleid eine Zigarette an, er wirft Silberdollar in Spielautomaten, dann sieht er die nächste Frau, die er mit den blauen Augen ohnmächtig werden lassen könnte. Eine Hand von Sinatra befindet sich in der Hosentasche, die andere am Rücken der bezaubernden Patrice Wymore. Er flüstert ihr ins Ohr, drückt einen Kuss auf ihre Wange und lässt seinen Zimmerschlüssel ins Dekolleté gleiten. Sie lächelt verlegen.

56 Jahre ist diese wunderbare Szene aus dem Film "Ocean's Eleven" nun her, noch immer stellt sich der Besucher einen Abend in Las Vegas genau so vor: Er zieht sich schick an und besucht eine Show, bei der jemand mit Dean-Martin-Stimme die Textzeile "My life is gonna be beautiful" singt. An der Bar gibt es Old Fashioned im Tumbler und Schönheiten im Abendkleid, in beide wird der Gewinn beim Blackjack investiert. Das Leben ist schön, und sehen wir in Anzug und Abendkleid nicht alle ein bisschen aus wie Sinatra und Wymore?

Las Vegas, Gegenwart. Das Sands heißt mittlerweile The Venetian, niemand sieht hier aus wie Sinatra oder Wymore, noch nicht einmal ein bisschen. Eher wie Bademeister oder Kreisliga-Fußballtrainer.

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USA

Amerikas Banken dienen nur noch sich selbst

Bei vielen Amerikanern kommt der Aufschwung nicht an. Manche denken, eine Mauer gegen Mexikaner oder Zölle gegen China würden helfen. Tatsächlich aber sind die Banken schuld.   Kommentar von Claus Hulverscheidt

2007 war das letzte Jahr, in dem die Kasinos Gewinn erwirtschaftet haben

Zu hören ist nicht Dean Martin, sondern das Gedudel der Spielautomaten und das Klacken der Pokerchips. Wer einen Anzug trägt, der verschandelt ihn durch eine Messeteilnehmer-Krawatte. Drei junge Frauen im zu kleinen Bikini torkeln an den Spieltischen vorbei, sie kommen von einer Poolparty und werden sogleich von zwei Männern im Schlabber-Jogginganzug angesprochen: "Hey, was geht? Bock auf Party?" Die Frauen kichern nicht verlegen, sie brüllen: "Verdammt noch mal: Ja!" Man muss sich diese Apokalypse vorstellen wie eine Mischung aus Firmen-Weihnachtsfeier und Uni-Party.

Wer Sinatra noch live singen gehört hat, der schüttelt bei diesem Anblick erschüttert den Kopf. Las Vegas hat sich verändert in den vergangenen fünfzig Jahren, es hat sich verändert in den vergangenen zehn Jahren. Dieses unfassliche Gebilde in der Wüste von Nevada, dieser amerikanische Traum von Spektakel und Dekadenz, dieser Ort für Magier und Musiker und Showgirls und Stripper, er ist zum ökonomischen Albtraum geworden.

Wer wissen will, wie es den Vereinigten Staaten gerade geht, der muss den Puls von Las Vegas fühlen.

2007 war das letzte Jahr, in dem die Kasinos auf dem Strip Gewinn erwirtschaftet haben, insgesamt 709,4 Millionen Dollar. Das galt damals schon als kniffliges Jahr, weil der Profit ein Jahr zuvor noch bei 1,6 Milliarden Dollar gelegen hatte. Die einfache Regel zu dieser Zeit: Das Haus gewinnt immer. Die Gäste werden mit günstigen Zimmern, Gratis-Alkohol im Kasino und Freikarten für die Shows in eines der Hotels gelockt, das sie möglichst nicht verlassen und wo sie dann brav beim Glücksspiel verlieren.