Report Kalter Entzug

Auch in Griechenland sind die Tage des Braunkohleabbaus gezählt. Doch niemand fühlt sich für die Altlasten zuständig - eine Katastrophe.

Von Michael Bauchmüller

Die Hunde haben das Dorf übernommen. Sie streunen durch den Schutt in den Gassen. Sie dösen im Schatten von Häusern, aus denen Diebe Türen und Fenster herausgebrochen haben. Ab und zu hört man einen von ihnen bellen, ansonsten herrscht Totenstille in Mavropigi. Aus der Ferne tönt das Piepen eines Baggers, und wenn man genau hinhört, dann ist da auch dieses beständige dumpfe Geräusch. Von Schaufeln, die sich ins Land graben, Schaufel für Schaufel, Tag und Nacht. Immer weiter auf Mavropigi zu.

Mavropigi ist das Griechenland, das kaum einer kennt. Kein Tourist verirrt sich in diese Mondlandschaft, irgendwo zwischen Thessaloniki und Albanien. Die Gegend um Kozani war ein halbes Jahrhundert lang das Kraftwerk Griechenlands, ein großer Teil des Stroms kam von hier. Mittlerweile ist sie ein einziger Krisenfall, eine Art Lausitz des Balkans, nur viel trauriger. Was die Braunkohle bringt, wenn sie kommt, und - schlimmer noch - was sie hinterlässt, wenn sie geht: Nirgends in Europa lässt sich das gerade so bestaunen wie hier. "Keiner hat erwartet, dass es so schnell geht", sagt Eleftherios Ioannidis. "Und keiner war darauf vorbereitet."

Ioannidis ist ein Typ, den keiner im Herzen einer Braunkohleregion erwarten würde: der einzige grüne Bürgermeister einer griechischen Großstadt. 2014 wurde er zum Bürgermeister von Kozani gewählt, der Hauptstadt der Region Westmazedonien. Es war die Zeit der Griechenland-Krise. Die Leute wollten Veränderung, Ioannidis war eine. Ein ehemaliger Manager, ein Ingenieur. Einer, der zupackt. Aber die Krise hat sich seither eher zugespitzt. "Ich denke, unsere Arbeitslosenquote hier ist die höchste Europas", sagt Ioannidis und rückt seine Brille zurecht. 70 Prozent bei den Jugendlichen, 30 Prozent bei allen zusammen, das sind die Zahlen.

In der Innenstadt von Kozani stehen viele Läden leer, die ganze Griechenlandkrise verläuft hier noch einmal einen Zacken schärfer. "Wir kamen von der Landwirtschaft zur Industrie und gehen jetzt von der Industrie zurück zur Landwirtschaft. Das ist historisch." Ioannidis wünscht sich einen Notfallplan für seine Region - in einem Land, das sich gerade erst selbst von Notfallplan zu Notfallplan gehangelt hat. "Das kommt davon, wenn man sich von einer Industrie abhängig macht", sagt er. "Und dann noch von der falschen."

Westmazedonien ist kein sonderlich gesegnetes Stück Land. Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Eine karge Landschaft, fernab von den wichtigen Handelswegen. Die Provinzstadt Kozani ist weit und breit der größte Ort. Die Braunkohle kam in den Fünfzigern wie ein Geschenk Gottes in die ärmliche Gegend. Kraftwerke wurden errichtet, die Minen wuchsen schnell und der Wohlstand gleich mit. Die Bergleute verdienten weit besser als alle anderen.

Vieles erinnert an die Debatten um die deutsche Braunkohle - auch hier geht es um gut bezahlte Jobs, auch hier sind ganze Regionen abhängig davon, Land abzubaggern und Kohle in Kessel zu stecken. Nur dass hierzulande eine Kommission noch über den Strukturwandel, über alternative Jobs, über Hilfen für die Regionen beratschlagen kann - während er in Griechenland längst abläuft. Ungesteuert.

Einst lieferte die Braunkohle die Hälfte des Stroms im Land - heute ist es weniger als ein Drittel

Noch 2009 lieferte die Braunkohle 50 Prozent des griechischen Stroms, mittlerweile sind es weniger als 30 Prozent. Die griechische Kohle enthält nicht besonders viel Energie, die Kraftwerke sind alt und ineffizient. Seit die Preise für Emissionszertifikate angezogen haben, können die Kraftwerke rund um Kozani kaum noch mithalten - dafür emittieren sie einfach zu viel Kohlendioxid. Strom aus Gaskraftwerken ist günstiger geworden. Seit Jahren geht es mit der Braunkohle in Griechenland noch steiler bergab als mit der Wirtschaft. Auf einen der Kühltürme bei Kozani sind vor einiger Zeit Umweltaktivisten geklettert. Seither prangen dort fünf Buchstaben, man kann sie aus der Ferne sehen: "Go sun", das bedeutet: "Nehmt die Sonne". Das Kraftwerk zählt zu den schmutzigsten Europas.

Solarparks aber sucht man in der Sonne der Gegend vergeblich, auf den Hügelketten erhebt sich kaum ein Windrad. Die Regierung in Athen hat gerade erst begonnen, Wind und Sonne im großen Stil auszubauen, die erste große Auktion dafür ging im Sommer über die Bühne.

Der Ort Mavropigi verschwindet langsam, der Braunkohletagebau frisst ihn Haus für Haus auf. Wo einst eine Kirche stand, ist nur noch das Tor übrig.

(Foto: Michael Bauchmüller)

Für den Ort Mavropigi kommt jede Hilfe zu spät. Die Bagger stoppt hier keiner mehr. Inzwischen ist Tassos Emmanouil angekommen, er ist der Gemeindevorsteher, der Herr über ein totes Dorf. Jeden Tag kommt er her, besucht den Friedhof, streift am einstigen Haus seiner Eltern vorbei. Es war mal das Café am Dorfplatz. Drinnen, in einem verstaubten Raum, liegen noch Transparente und Schilder, Relikte einer Demonstration gegen den Untergang. Es war ein kleiner Protestzug, man versammelte sich auf dem Dorfplatz. Viel Aufmerksamkeit fand er nicht.

Es gibt sogar Bäume in Mavropigi, ein kleines grünes Tal durchzieht den Ort. Nur kletterte hier niemand die Stämme hoch wie im Hambacher Forst, jenem heiß umkämpften Waldstück zwischen Aachen und Köln, das RWE für den Braunkohleabbau roden will. Hier gab es auch keine Aktivisten, die den Tagebau besetzten. Und kein Richter hat Bewohnern oder Kohlegegnern je recht gegeben. Verfahren gibt es zwar, doch die ziehen sich hin.

Der Ort selbst verschwindet schon, von den Rändern her. Wo einst eine Kirche stand, ist nur noch das Tor übrig, ein runder, aus Blech gefertigter Eingang. "Agios Nikolaos" steht da, heiliger Nikolaus. Doch jenseits des Tores klafft nun ein riesiges Loch, an dessen anderem Ende, weit am Horizont, ein Kraftwerk steht.

Ein paar Hundert Meter weiter arbeiten die Archäologen. Sie sichern unverdrossen, was sich noch für die Nachwelt erhalten lässt. Sie pinseln Mauern frei und machen Fotos davon. In der Jungsteinzeit gab es hier eine Siedlung, sie liefert frühe Zeugnisse der Landwirtschaft auf dem Balkan. Von Schaufelradbaggern, die das unterste zuoberst schichten, konnte vor 10 000 Jahren noch keiner etwas ahnen. Bald werden sie alle Spuren der Steinzeit tilgen.

Die weißen Zelte der Archäologen sind mittlerweile das Einzige, was die Schaufeln noch von Mavropigi fernhält. Emmanouil beißt sich auf die Unterlippe. "Das Gefühl, alle Erinnerungen zu verlieren." Er stockt. "Es macht mich wahnsinnig." Viele seiner alten Nachbarn kommen nicht mehr her, weil sie es nicht ertragen. Zwischen zwei Laternen baumelt noch eine Lichterkette, von irgendeinem Fest. Grau vom Staub. Aus einem Fenster plärrt ein Fernseher. Nur zwei Menschen sind im Ort geblieben. Am Friedhof haben sie gerade begonnen, die Gebeine umzubetten.

Tassos Emmanouil ist Ortsvorsteher von Mavropigi. Jeden Tag besucht er sein Dorf. Noch.

(Foto: Michael Bauchmüller)

Die Bagger müssen weitermachen. Das ist die perfide Logik des Braunkohletagebaus, in Griechenland wie in Deutschland, wo gerade Unternehmen und Gewerkschaften für die Braunkohle streiten und nur Gerichte die Kettensägen des Kohlekonzerns RWE stoppen konnten. Denn was vorn an Geld erschaufelt wird, brauchen sie hinten, um die Folgen zu beseitigen, für die sogenannte "Renaturierung". Anders ausgedrückt: Die Umwelt wird zerstört, damit sie dann wieder repariert werden kann. In Griechenland übernimmt das der staatliche Energiekonzern PPC, seine Arbeiter haben sich in einer Gewerkschaft mit dem vielsagenden Namen Spartakos zusammengeschlossen. Und deren Generalsekretär sieht auch so aus, als würde er sich gleich eine rote Fahne schnappen und ein paar Straßensperren errichten.

Was da mit seinen Kumpeln passiert, empört Sakis Mastoras, sein Bart bebt mit jedem Satz. "Was sollen wir tun? Bauern werden? Fischer? Auswandern?" Seine Tochter ist schon weg, nach Holland. "Ich möchte aber gern hier sterben", sagt Mastoras. Seine Idee: Die Kohle bis zum letzten Brocken herausholen. "Dann ist das in dreißig Jahren sowieso vorbei." Er will noch einen wütenden Satz zur Klimapolitik nachschieben, bricht ihn aber lieber ab. Stattdessen sagt er: "Wenn die Braunkohle untergeht, wird das für Griechenland tödlich."

Doch die Schäden sind mittlerweile weit größer als nur die Löcher. Bei Akrini, einem Dorf nicht weit von Kozani, hat PPC über die Jahre Asche aus einem benachbarten Kraftwerk abgelagert. Regen wusch die Asche aus, Schwermetalle sickerten in den Boden. Mittlerweile ist das Grundwasser so mit Chromverbindungen kontaminiert, dass es nicht mehr trinkbar ist. PPC streitet jede Schuld ab, der Fall liegt seit fast zehn Jahren beim Gericht. Es gibt Fotos, die zeigen, wie die Asche nachts heimlich abgeladen und am nächsten Tag mit Erde überdeckt wird. "Wir haben es jedem erzählt", sagt Costas Poutakidis, der Vorsteher von Akrini, "aber keiner tut etwas." Er zeigt auf einen Berg, vielleicht drei Kilometer entfernt. Die Kuppe ist weiß. "Asche", sagt Poutakidis. Sicher dauere es nicht lange, bis auch sie mit Erde überdeckt werde, wie auf den Feldern ringsum. "Man muss nicht tief graben, um auf Asche zu stoßen." Die Äcker sind "renaturiertes" Land, wo früher der Tagebau war. Er liebe ja sein Land, ehrlich, sagt Poutakidis noch. "Aber so etwas gibt es nur in Griechenland."

Akrini ist noch so ein Ort, der einmal gut von der Braunkohle lebte. Doch inzwischen haben viele Bergleute ihren Job verloren. Die Jungen gehen jetzt weg, die Älteren trinken Kaffee und warten, dass irgendwas passiert. Umso schmerzhafter sind nun die Folgen. "Die Braunkohle war die Quelle unseres Wohlstands", sagt Poutakidis, "aber sie wurde anarchisch gefördert."

So eine Anarchie bleibt nicht unbemerkt. Sie fällt vielleicht nicht sofort auf, aber irgendwann schon, wie in Anargyroi. Das Dorf liegt genau an der Tagebaukante, doch die Geologie meinte es gut mit dem Dorf, eigentlich. Anders als vermutet, liegt nicht viel Kohle unter den Häusern. Eine geplante Umsiedlung wurde wieder abgeblasen - das Dorf blieb. Dann setzte sich der Boden in Bewegung. Es ist keine zwei Jahre her, dass der Abraum hinter dem Dorf abrutschte. Er hob Häuser an, ließ Straßen aufbrechen. Wände rissen, als wären sie aus Lego, Gärten reichten plötzlich bis unters Fensterbrett. Chaos brach aus.

Der Boden setzte sich in Bewegung, ließ Straßen aufbrechen.

(Foto: Michael Bauchmüller)

Inzwischen lebt kaum ein Mensch mehr in der Straße, die direkt im Tagebau endet. Ein Schäfer lässt seine Tiere rund um die Häuser weiden. Der ganze Ort wird nun umgesiedelt, die Kosten übernimmt der griechische Staat. PPC hatte behauptet, Archäologen hätten den Erdrutsch ausgelöst, mit unvorsichtigen Grabungen. Manche sagen, der Staat wolle PPC schonen, um das Unternehmen nicht noch mehr zu strapazieren. Der Wirt der Dorftaverne sammelt nun noch schnell Fotos aus dem alten Dorf. Für das kollektive Gedächtnis einer Ortschaft, die über Nacht zur Altlast wurde.

So wie in Griechenland könnte es auch anderswo laufen: Während das Ende der Braunkohle naht, mehren sich teure Umweltfolgen des Abbaus. Auch in Deutschland klagen Anwohner über Bergschäden, über Risse in Häusern und abgesacktes Land. In der Lausitz muss die Spree aufwendig gereinigt werden, vom Sulfat, das aus dem Tagebau ins Wasser gerät. Aber wer macht das, wenn die Unternehmen mit der Braunkohle untergehen?

Costas Poutakidis, der Vorsteher von Akrini, fährt sich mit der Hand durch den grauen Schnurrbart. "Unsere Sorge ist: Die verlassen die Gegend, ohne sie in Ordnung zu bringen", sagt er. Es ist ja nicht so, dass PPC nur Asche und Chrom hinterlassen würde. Die Löcher könnten dazukommen. Viele Bauern mussten Land hergeben für den Tagebau. Ein großer Teil davon soll irgendwann wieder Ackerland werden. Wenn es die Braunkohlesparte des Stromkonzerns dann noch gibt. Einige Kraftwerke werden bald stillstehen, weil sie nicht mehr die Umweltauflagen der EU erfüllen. Bei anderen tickt die Uhr. Einige Kraftwerke von PPC stehen derzeit zum Verkauf, die Frist dafür wurde gerade noch einmal verlängert. Was stellt ein Käufer damit an? Und was passiert, wenn sich keiner findet?

Dabei sollte doch die Zukunft noch kommen, und das mithilfe deutscher Steuerzahler. Die Baustelle, die Hoffnung geben sollte, sieht man sogar vom Geisterdorf Mavropigi aus. In der Ferne stehen Kräne neben einem Kühlturm, frisch gestrichen in Rot-Weiß-Rot: Ptolemaida V. Ein nigelnagelneues Braunkohlekraftwerk, 660 Megawatt stark, 1,4 Milliarden Euro teuer - mit Technik aus Deutschland. Die staatseigene Bankengruppe KfW schusterte über ihre Tochterbank IPEX einen Kredit über 740 Millionen Euro zusammen, der Bund sicherte ihn ab. Deutschland, das selbst um den Abschied aus der Kohle ringt, zögert den Abschied in Griechenland so noch ein wenig hinaus. Andere Banken hatten vorher schon abgewinkt: Die Kohle ist ihnen zu riskant geworden.

Ursprünglich sollte das neue Kraftwerk in diesem Jahr ans Netz gehen. Stattdessen soll es nun 2022 fertig sein. "Die Frage ist, ob es dann jemals laufen wird", sagt Nikos Mantzaris, der sich für den griechischen Ableger der Umweltorganisation WWF um die Braunkohle kümmert. "Rentabel wird das kaum sein."

Ein von Deutschland finanziertes Milliardenprojekt könnte zur Investitionsruine werden

Vor allem steigende Preise im europäischen Emissionshandel könnten dem Kraftwerk zu schaffen machen. Allein in den vergangenen sechs Monaten hat sich der Preis, der für jede Tonne Kohlendioxid aufgeschlagen wird, fast verdoppelt, auf mehr als 20 Euro. Das drängt die Braunkohle zunehmend aus dem Markt - dort zuerst, wo sie am teuersten gefördert wird. So wird in Griechenland, wo schwere Felsen über der Braunkohle liegen und vielerorts Fließbänder für den Transport der Kohle fehlen, genau das vorweggenommen, was mit steigenden Zertifikatepreisen auch andernorts passieren kann: ein unkoordinierter Kohleausstieg. Selbst das Milliardenprojekt Ptolemaida V könnte zur Investitionsruine werden, die letzten gut bezahlten Jobs würden dann verschwinden. Und dann?

In Kozani atmet Bürgermeister Ioannidis tief durch. Zwei Konferenzen hat er an diesem Tag hinter sich gebracht, eine zur Braunkohle, eine zur sauberen Mobilität. Im stickigen Sitzungssaal sitzen die Mobilitätsleute immer noch zusammen, aber Ioannidis hat sich herausgestohlen. Eine Stadt und ihre Wirtschaftsstruktur umbauen, das kann anstrengend sein. Zumal, wenn es den einen großen Plan nicht gibt. Mehr Landwirtschaft schwebt ihm vor, aber anders als früher. In der Gegend wachsen viele Kräuter, sie lassen sich zu Tees oder Essenzen verarbeiten. Ein örtlicher Abgeordneter der linken Syriza-Partei träumt von Cannabis-Anbau im großen Stil, für medizinische Zwecke. Eine Weinkellerei ist entstanden und produziert für den Export. Ioannidis wiederum hat eine Firma am Haken, die auf Kozanis kleinem Flughafen Piloten ausbilden will. "Es gibt keine einzelne Antwort für Kozani", sagt er. "Sondern viele kleine."

Vor einiger Zeit war Ioannidis in Deutschland. In Essen hat er die Zeche Zollverein gesehen, einst Industrie, heute Industriedenkmal. "Das hat mir gut gefallen", sagt Ioannidis, "das wäre auch etwas für Ptolemaida I." Ein Museum der griechischen Industriegeschichte, irgendwann.