Report Hiergeblieben

Die Shetlands hoch im Norden Europas haben das Problem vieler Inseln: Die Jugend zieht weg, um zu studieren, und kehrt nicht zurück, weil attraktive Jobs fehlen. Das soll sich ändern - mit Ökostrom und Raumfahrt.

Von Björn Finke

Der Wind wirft einen fast um. Die Chancen stehen gut, in Schafsexkrementen zu landen. Schafe gibt es schließlich reichlich auf Lambaness, dieser schmalen, grünen Halbinsel am Rande Europas. Die zotteligen Tiere grasen unbeeindruckt zwischen Ruinen: Die Royal Air Force (RAF), die britische Luftwaffe, errichtete im Zweiten Weltkrieg eine Radarstation auf dieser Landzunge von Unst, dem nördlichsten bewohnten Eiland der Shetlandinseln . Die Anlage sollte vor deutschen Bombern warnen, 1945 wurde sie geschlossen. Übrig geblieben sind bloß ein paar Betonfundamente und die Mauern kleiner Steinhäuser. Von hier geht der Blick zu drei Seiten aufs Meer, die Nordsee; Wellen krachen an die Klippen. Richtung Landesinneres sieht man kahle, grün-braune Hügel.

Lange hatten Schafe die Einöde für sich. Doch bald schon könnten Bauarbeiter in diesem wind- und wellenumtosten Zipfel anrücken - und später Raumfahrtingenieure. Denn auf Lambaness soll Europas erster Weltraumbahnhof entstehen. Raketen sollen Satelliten ins All transportieren. Bereits Ende 2020 könnte die erste abheben. Die Raketen sollen gen Norden starten, in Richtung Pol, und dort den Weltraum erreichen. Praktischerweise kommt nördlich von Lambaness bis zum Pol nur noch einsames Meer. Kein Land, keine Ölplattformen: Eine Studie der Raumfahrtbehörde kürte die Shetlandinseln daher zum besten Standort für solch einen Startplatz im Vereinigten Königreich.

Auf der abgelegenen Halbinsel soll Europas erster Weltraumbahnhof entstehen

Die Bindung an dieses Königreich ist vergleichsweise jung. Wikinger besiedelten die Shetlandinseln, die später von Norwegen und Dänemark regiert wurden. Erst im 15. Jahrhundert übernahm Schottland die Herrschaft über die mehr als hundert Inseln, von denen heute 16 bewohnt sind. Das nordische Erbe ist allgegenwärtig: Man sieht es an den Ortsnamen, den bunten Holzfassaden vieler Häuser und der Shetland-Flagge mit ihrem skandinavischen Kreuz.

Statt für Raketen sind die Inseln bislang eher für dicke Pullover und kleinwüchsige Pferde bekannt. Die langmähnigen Shetlandponys tollen über die Weiden rechts und links der gut ausgebauten Landstraßen. Dazu Schafe, sehr viele Schafe. Wichtiger für die Wirtschaft sind allerdings der Fischfang - und Öl und Gas. Auf den Inseln steht eines der größten Ölterminals Europas. Die Anlage namens Sullom Voe ist schon von Weitem zu sehen, wegen der Gasfackeln, also der Masten, an deren Spitze Gasflammen flackern. Pipelines befördern Nordseeöl nach Sullom Voe. Da wird es in 16 Tanks gelagert und auf Schiffe verladen. Ein einträgliches Geschäft für die Insulaner: Das Shetland Islands Council, die Kommunalverwaltung, erhält für jedes Barrel Öl eine Abgabe. Dieser Steuersegen erklärt die erstaunlich zahlreichen Schwimmbäder und Freizeitzentren für die 23 000 Shetlander.

Das liebevoll verschönerte Bushäuschen auf Unst, das zu den Shetlandinseln gehört, soll die nördlichste Haltestelle Großbritanniens sein. In der Nähe könnten bald Raketen starten.

(Foto: MatthiasxGraben/imago/imagebroker)

Aber bei Öl und Fisch, Wolle und Tourismus soll es nicht bleiben. Politiker und Unternehmer auf den Inseln sind wild entschlossen, den abgelegenen, dünn besiedelten Archipel zu einem Magneten für Zukunftsindustrien zu machen - für Raumfahrt und Ökoenergie: Hightech am Rande der Welt. "Raumfahrt und erneuerbare Energien sind wichtig, um junge Leute auf den Inseln zu halten, sie zur Rückkehr zu bewegen oder junge Einwanderer anzuziehen", sagt der Abgeordnete Ryan Thomson. Der 34-Jährige sitzt als Unabhängiger im Gemeindeparlament; der geplante Raketenstartplatz liegt in seinem Wahlkreis.

Thomson empfängt im Rathaus, einem prächtigen viktorianischen Bau in Lerwick, der Hauptstadt der Inseln. Thomson ist jung und hat Kinder, doch Familien wie seine gibt es zu wenige auf den Shetlandinseln. Und genau das ist das Problem: Die Bevölkerung ist vergleichsweise alt, denn die Jungen gehen zum Studium aufs Festland und bleiben oft dort. Zwar ist Arbeitslosigkeit kein Thema auf dem Archipel, aber es existieren eben nicht genug attraktive Jobs, um Akademiker heimzulocken.

Vor allem Unst, das Eiland, auf dem der Weltraumbahnhof entstehen soll, hat neue Insulaner nötig. "Ich stamme von da", sagt Thomson. "Als ich Schüler war, gab es drei Schulen auf Unst, heute nur noch eine." In den Neunzigerjahren lebten Tausend Menschen auf der nördlichsten besiedelten Insel des Vereinigten Königreichs; jetzt sind es 600. "Das ist ein komplett anderer Platz geworden", klagt Thomson.

Schuld am Niedergang ist das Ende des Kalten Krieges. Ein Jahrzehnt nachdem die Royal Air Force die alte Weltkriegsradarstation auf der Halbinsel Lambaness abgerissen hatte, errichtete sie eine neue Anlage auf einem Hügel in der Nähe. Diese Station mit Namen Saxa Vord sollte vor sowjetischen Flugzeugen warnen. Am Fuß der Anhöhe baute die Luftwaffe eine Kaserne. Bis zu 300 Soldaten lebten mit ihren Familien auf Unst. 2006 wurde Saxa Vord dann geschlossen. "Für Unst war das ein kolossaler Schlag", sagt Thomson.

Nun sollen Raketen die Rettung bringen. Manche Bürger hätten zunächst Bedenken geäußert, sagt der Kommunalpolitiker, der den Umweltausschuss im Gemeindeparlament leitet: "Es ging um Lärm und Folgen für die Natur, es war die Angst vor dem Unbekannten." Inzwischen stünden die meisten Insulaner aber hinter dem Projekt, "auch weil Frank alle gut eingebunden und informiert hat".

Mit "Frank" ist Frank Strang gemeint. Nachdem die Luftwaffe Saxa Vord geräumt hatte, kaufte der heute 61-jährige Unternehmer die Kaserne und verwandelte einen Teil der Anlage in Ferienhäuser und ein Hostel. Eine kleine Gin-Destillerie eröffnete er dort ebenfalls. Doch jetzt will Strang höher hinaus - bis ins All. Er gründete die Firma Shetland Space Centre und arbeitet mit sieben Angestellten an dem kühnen Plan eines Raketenstartplatzes auf der Halbinsel Lambaness, unweit der alten Kaserne. In deren noch ungenutzten Häusern sollen Büros für Raumfahrtkonzerne entstehen.

In diesen Tagen ist der umtriebige Manager aber häufiger in London, Europas wichtigstem Finanzplatz, als auf Unst, denn Strang sucht Investoren. "Das ist im Moment meine drängendste Aufgabe", sagt der Schotte bei einem Treffen im Royal Air Force Club, einem feinen Klub für aktive und ehemalige Luftwaffenoffiziere nahe dem Buckingham Palace. Strang hat zwölf Jahre in der Royal Air Force gedient. "Erst mussten wir Partner aus der Raumfahrtindustrie finden, die unseren Standort nutzen wollen. Das haben wir. Nun können wir Investoren an Bord holen", berichtet er. Für den Anfang benötige er 17 Millionen Pfund. Und die Zeit drängt: Bis Juli will er den Bauantrag stellen, die Arbeiten sollen Anfang kommenden Jahres beginnen. "Die Uhr tickt", sagt Strang.

Zu den Interessenten gehört der amerikanische Luft- und Raumfahrtkonzern Lockheed Martin, der in Saxa Vord eine Bodenstation für Satelliten errichten möchte. "Und wir haben Absichtserklärungen mit sieben Firmen unterschrieben, die Satelliten ins All transportieren wollen", versichert der Unternehmer.

"Ich gehe davon aus, dass wir mehr als einen Start pro Monat sehen werden", sagt der Manager

Die Raketen werden allerdings viel kleiner sein als die Riesengeschosse, die von bekannten Weltraumbahnhöfen wie Cape Canaveral in Florida abheben. Anstatt 70 Metern wie dort sind es höchstens 23 Meter. Trotzdem sind die Raketen groß genug, um zahlreiche Mini-Satelliten auf einen Schlag in erdnahe Umlaufbahnen zu bringen, in 400 bis 1200 Kilometern Höhe.

Bisher haben die meisten Satelliten im All die Ausmaße von Telefonzellen oder Autos, und an ihnen hängen meterlange Paneele mit Solarzellen. Aber in den vergangenen Jahren wurden immer mehr Mini-Himmelskörper in den Weltraum geschossen: Solche Cubesats oder Würfelsatelliten sind oft nur so groß wie Schuhkartons und wiegen wenige Kilogramm. Sie beobachten die Erdoberfläche oder übertragen Daten in abgelegene Gebiete, und ihre Herstellung und die Starts sind deutlich billiger. Möglich war die Schrumpfkur, weil Computerchips, Batterien, Sender und Solarzellen viel leistungsfähiger sind als früher.

So soll der künftige Raketenstartplatz auf der Halbinsel Lambaness nach den Plänen der Firma Shetland Space Centre einmal aussehen.

(Foto: oh)

Großbritannien ist einer der wichtigsten Produzenten von Mini-Satelliten, vor allem dank einer Stadt: Glasgow. Die schottische Industriemetropole ist führend bei Würfelsatelliten. Nirgendwo sonst in Europa werden mehr Himmelskörper gefertigt.

Fachleute schätzen, dass in den kommenden Jahren Tausende Würfelsatelliten ins All geschickt werden, die Branche wächst rasant. Ein Hemmschuh ist jedoch, dass es bislang nicht genug Raketenstarts gibt. Das Shetland Space Centre soll dazu beitragen, dass dies besser wird.

"Ich gehe davon aus, dass wir mehr als einen Start pro Monat sehen werden", sagt Strang. Der Manager und die Lokalpolitiker hoffen, dass Raketen- und Satellitenhersteller schließlich Fabriken und Büros auf Unst eröffnen werden - und so viele gut bezahlte Jobs für Akademiker schaffen. Wegen der Ölindustrie gebe es reichlich technische Expertise auf den Inseln, sagt Strang. Und dank der täglichen Fähre ins schottische Aberdeen könnten Laster die Shetlandinseln einfach erreichen. Die Gemeindeverwaltung lässt zudem Unst ans Glasfasernetz anschließen: "Die Kommune unterstützt uns sehr", sagt Strang.

Misslich für die weltraumbegeisterten Insulaner: Es existiert ein Konkurrenzprojekt, an der einsamen Nordküste von Schottland. Die Studie der britischen Weltraumbehörde, die Saxa Vord Bestnoten ausstellt, beschäftigt sich auch mit dem Standort am Festland. Dessen Lage ist demzufolge schlechter, weil bei Starts gen Norden die Färöer-Inseln im Weg sind. Dafür lobt der Report die einfachere Logistik im Vergleich zu den Shetlandinseln.

Das Vorhaben am Festland gewann im vergangenen Sommer einen Wettbewerb der Weltraumbehörde und erhielt 2,5 Millionen Pfund Zuschuss. Die Shetlander gingen leer aus - sie hatten die Ausschreibungsfrist versäumt. Strang macht für diesen Fehler die Wirtschaftsförderungsgesellschaft von Nordschottland verantwortlich: Diese bevorzuge das Projekt am Festland und habe Saxa Vord draußen halten wollen. Die Wirtschaftsförderer weisen diesen Vorwurf freilich zurück. Strang sagt, er wünsche dem Rivalen alles Gute. "Ich glaube, der Kuchen ist groß genug für zwei Startplätze."

Das wird sich zeigen. Noch ist der Weltraumbahnhof nicht viel mehr als ein Plan, und auf dem künftigen Startplatz grasen die Schafe. Ganz anders sieht es bei der zweiten Zukunftsbranche aus, in welche die Insulaner große Hoffnungen setzen: grüne Energie. Wer sich für innovative Ökostrom-Projekte interessiert, muss nach Yell fahren, einer Nachbarinsel von Unst. Im Norden des Eilands führt eine einspurige Straße an der Küste entlang, auf den Weiden grasen neben den obligaten Schafen und Shetlandponys schottische Hochlandrinder. Dann geht es an einer Abzweigung hinunter zur Nordsee, zum Cullivoe Pier, einem Anleger für Fischer.

"Wir stehen da, wo Windkraft in den Neunzigerjahren war", sagt der Chef des Meeresströmungskraftwerks

Auf dem betonierten Pier wartet Patrick Ross-Smith. Der Ingenieur überwacht den Betrieb der wohl weltweit ersten ganzen Offshore-Gezeitenanlage. Er zeigt auf die Nordsee, auf die Meerenge zwischen Yell und Unst: "Sie können nichts sehen, aber ich verspreche Ihnen, dass die Turbinen da sind", sagt er lachend. Etwa 1,5 Kilometer vom Hafen entfernt hat sein Unternehmen, Nova Innovation, drei Propeller auf dem Meeresgrund verankert, in 30 Metern Tiefe. Bis zur Oberfläche bleiben 15 Meter, genug Abstand für Schiffe. Darum weisen nicht einmal Bojen auf das Kraftwerk hin.

Ebbe und Flut treiben die Rotoren an. Am Pier sind bloß drei dicke, schwarze Stromkabel zu sehen, die aus dem Wasser herausführen, sowie bunte Container, in denen die Technik und das Büro von Ross-Smith untergebracht sind. Seit 2016 liefert die Anlage Elektrizität. Die drei 100-Kilowatt-Turbinen produzieren genug für 200 Haushalte. Im kommenden Jahr will die Firma drei weitere Propeller installieren, als Teil eines EU-Projekts zur Verbesserung dieser Technologie.

Simon Forrest, Chef und Gründer von Nova Innovation, sagt, er habe vor dem Start 125 Standorte im Vereinigten Königreich untersucht. Am Ende habe er sich für die Shetlandinseln entschieden, wegen der kraftvollen Gezeiten und des günstigen Umfelds. "Es gibt qualifizierte Arbeitskräfte, dank der Öl- und Fischindustrie", sagt der 49-Jährige. "Und mir gefällt die Mentalität. Die Menschen auf den Inseln sind unabhängig, packen an, lösen Probleme selbst." Forrest empfängt in der Zentrale von Nova Innovation, in Leith, dem alten Hafenviertel der schottischen Hauptstadt Edinburgh, 500 Kilometer südlich von Yell. Er sitzt im ersten Stock vor sechs Monitoren. Von hier aus wird das Kraftwerk aus der Ferne gesteuert. Auf den Bildschirmen sind Kurven, Zeiger und Zahlen zu sehen und Liveaufnahmen vom Meeresgrund: Kameras filmen die Rotoren, langsam drehen sich die Blätter im grünblauen Meer. Plötzlich flitzt ein Fisch durch das Bild. "Das war ein Pollack", sagt der Manager.

Simon Forrest, Chef und Gründer der Firma Nova Innovation, kann sein Gezeitenkraftwerk auf den Shetlands aus der Ferne steuern.

(Foto: Björn Finke)

Wichtigster Pluspunkt der Gezeitenkraftwerke ist die Berechenbarkeit von Ebbe und Flut. "Ich weiß, wie viel Strom wir um drei Minuten nach zwei Uhr in drei Jahren produzieren können", sagt Forrest. "Und die Anlagen sind unsichtbar. Sie provozieren nicht wie Windparks den Widerstand von Anwohnern." Trotzdem sind Gezeitenkraftwerke bisher noch eine teure Nischentechnik; die Kosten sind deutlich höher als bei Windparks. Das soll sich aber ändern. "Wir haben gezeigt, dass die Technik funktioniert und verlässlich ist", sagt Forrest. Jetzt gelte es, größere Anlagen zu installieren und Kosten zu senken. "Wir stehen da, wo Windkraft in den Neunzigerjahren war", sagt er. Und die Kosten fielen schneller als damals bei den Windmühlen: unter anderem, weil man sich manches bei der Windenergie abschauen könne.

Überraschenderweise spielt Windkraft auf den Shetlandinseln bislang keine große Rolle - trotz der Begeisterung für zukunftsträchtige Branchen und trotz kräftigen Windes. Doch in der Tat gibt es Pläne: Demnächst könnte dort einer der größten Onshore-Windparks des Vereinigten Königreichs entstehen. Im Herbst soll klar sein, ob die britische Regierung den 103 Turbinen der Viking Wind Farm eine Einspeisevergütung für ihren Ökostrom gewährt. Falls ja, wäre die wichtigste Hürde genommen. Außerdem soll eine Unterwasserstromleitung von Shetland zum schottischen Festland verlegt werden, damit die Inseln den grünen Strom auch exportieren können. Der Archipel ist noch nicht ans Netz des Festlands angebunden.

Riesenwindpark, Gezeitenkraftwerk, Raketenstartplatz: Auf der Inselgruppe, deren Bevölkerung gerade mal eine Kleinstadt füllen würde, werden mehr Zukunftsprojekte vorangetrieben als in vielen mächtigen Wirtschaftsregionen. Nicht schlecht für einen Archipel am Rande der Welt.