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Tesla-Gründer Elon Musk:Tesla ist wie eine Religion

Musk stellt das vierte Tesla-Modell vor - jenes, das sich auch die Mittelklasse leisten soll. Die Modelle S und X sind Fahrzeuge, die man sich erst einmal leisten muss, und an diesem Abend sind Leute da, die sich das geleistet haben. Musk sagt: "Danke, dass Sie einen S oder X gekauft haben. Sie haben das Model 3 finanziert." Diese Autos sind Statussymbole, dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Ist doch prima, wenn die Reichen dafür zahlen, dass möglichst viele Menschen auf nachhaltigen Transport umsteigen.

Was man auch beobachten kann an diesem Abend, beim Abholen seiner Benzinschleuder, weil man sich vom Schreiben nun wahrlich keinen 120 000-Dollar-Tesla leisten kann, das sind die Blicke der Tesla-Fahrer. So schauen Veganer einen an, wenn man sich einen Burger bestellt. Die Verachtung, die Tesla-Fahrer für Benzinköpfe haben, sie könnte größer kaum sein.

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Tesla kommt einer missionarischen Religion gleich, viele lassen sich an diesem Abend bei der Liveübertragung im Internet bekehren. Musk verkündet ein paar Tage später, natürlich bei Twitter: "180 000 Reservierungen innerhalb von 24 Stunden. Der Preis mit durchschnittlicher Ausstattung dürfte bei 42 000 Dollar liegen. Also: 7,5 Milliarden Dollar an einem Tag. Die Zukunft von Elektroautos sieht rosig aus!" Der Erlöser hat seine Jünger überzeugt und neue dazugewonnen. Mal wieder. Nur: So einfach ist es dann doch nicht mit der Weltenrettung.

Treffen an ebendieser Straßenecke in Los Angeles mit einem, der in einer von Musks Firmen arbeitet, seinen Namen jedoch nicht in der Zeitung lesen will. Er ist begeistert von Musk, er glaubt an seine Vision, er sagt aber auch: "Musk akzeptiert keine Regeln. Das ist seine Stärke, es ist aber auch seine Schwäche. Manche Regeln lassen sich nicht brechen, zumindest nicht so schnell, wie er sich das wünscht."

Tesla befand sich erst in der, wie Musk es nannte, "Produktionshölle", mittlerweile gibt es die "Auslieferungshölle". Leute, die vor Jahren ein Elektroauto bestellt haben und mittlerweile doch sehr ungeduldig darauf warten, haben durchaus bemerkt, dass es in Kalifornien einige Logistikzentren gibt, in denen viele Tesla-Fahrzeuge rumstehen. Musk entschuldigt sich brav, natürlich bei Twitter, er gelobt Besserung, doch es scheint beinahe wöchentlich neue Probleme zu geben. Und dann beschweren sich auch noch jene Kunden, die schon ein Auto bekommen haben, über die Lackierung zum Beispiel. "Es muss immer schnell, schnell, schnell gehen", sagt der Mitarbeiter: "Manche Dinge gehen aber nicht schneller, die Qualität leidet darunter, und die Leute bemerken das."

Viele der Geschichten sind Märtyrer-Geschichten

Musk hat drei Kanäle für die Kommunikation mit der Außenwelt: öffentliche Auftritte wie jene bei Tesla im April 2016 oder kürzlich bei Hyperloop und Space-X. Er gibt selten Interviews, doch wenn er das tut, dann wirkt das immer gleich wie ein ganz tiefer Blick in sein Gehirn: Musk plaudert mit Reportern der New York Times über Schlafmittel, mit einem Journalisten des Rolling Stone über Einsamkeit, mit dem Radiomoderator Joe Rogan raucht er Marihuana.

Es ist stets aufregend, was Musk sagt, die Porträts werden dadurch allerdings stets zu Märtyrer-Geschichten: Elon Musk, der weltverbessernde Workaholic, der sich für die Menschheit opfert und sogar an seinem 47. Geburtstag 24 Stunden lang in der Tesla-Fabrik geschuftet hat. Der so sehr über die Rettung unserer Spezies nachdenkt, dass er nicht schlafen kann. Der seine Freundin, eine Musikerin mit dem Künstlernamen Grimes, und seine fünf Kinder aus der Ehe mit Justine Wilson nicht häufig genug sieht, weil er sich um nicht weniger als die ganze Welt kümmern muss.

Das mag alles stimmen, allerdings klingt es, wenn man all die Interviews mal direkt nacheinander liest, als hätte Musk es genauso gewollt, dass es da genauso steht. Wer sich lange genug mit diesem Menschen beschäftigt hat, der weiß: Das Gehirn von Musk arbeitet anders, es hüpft von einem Gedanken zum nächsten, dann scheint er wieder geistig abwesend zu sein, plötzlich berichtet er begeistert von einer neuen Idee - und viele Leute sitzen dann kopfschüttelnd da, weil sie ein Drittel von dem, was Musk gesagt hat, nicht verstanden haben, und ein weiteres Drittel überhaupt nicht verstanden haben. Musk rennt im Zickzackkurs auf die Zukunft zu, und nur ganz wenige Menschen können ihm folgen.

Musk behauptet immer wieder, dass seine größte Angst das Aussterben der Menschheit sei. Es ist durchaus möglich, dass er eine noch größere, persönlichere Sorge hat: dass ihn die Leute nicht kapieren. Er wird ungehalten, wenn sie ihn nicht verstehen, weil er nicht kapiert, warum sie ihn nicht verstehen. Wie kann einer nicht einsehen, dass Elektroautos die Zukunft sind? Wie kann ein Taucher in Thailand sein U-Boot einen PR-Stunt nennen? Wie kann das Justizministerium wegen eines Eintrags bei Twitter ermitteln? Das ist sein dritter Kanal, neben öffentlichen Auftritten und seltenen Interviews: Er veröffentlicht dort heitere Nichtigkeiten, aber eben auch Beleidigungen und diese möglicherweise verhängnisvolle Ankündigung, dass er Tesla von der Börse nehmen wolle und die Finanzierung gesichert sei.

Was Musk tut, ist letztlich ziemlich menschlich

Musk sieht die Welt aus seiner Perspektive und er bemerkt mittlerweile, dass sehr viele Leute die Welt nicht so sehen wie er. Es kann einen Menschen verdammt einsam machen, wenn er keinen hat, mit dem er über die Welt reden kann, die er sieht. Vielleicht arbeitet Musk auch deshalb, wie er sagt, 120 Stunden pro Woche, weil er in seinen Unternehmen von Leuten umgeben ist, die zumindest versuchen, ihn zu verstehen. So ist er wenigstens nicht alleine mit seinen Gedanken. Der Aufsichtsrat stärkte Musk am Donnerstag demonstrativ den Rücken und sprach ihm das "volle Vertrauen" aus, wie das Bundesligavereine auch tun, wenn sie zwei Wochen später den Trainer feuern. Noch mal: So was kann einen verdammt einsam machen.

Musk ist kein Alien, und er ist kein Erlöser. All das, was er tut und was viele Leute als verrückt bezeichnen, ist letztlich ziemlich menschlich. "Diese ungerechte Klage der Börsenaufsicht macht mich zutiefst traurig und enttäuscht", teilte er in einem Statement mit: "Integrität ist der wichtigste Wert in meinem Leben, und die Fakten werden zeigen, dass ich das noch nie aufs Spiel gesetzt habe." Er ist ein wahnsinniges Genie, dieser Elon Musk, und er muss sich nun erst einmal auf der Erde für so manchen Wahnsinn verantworten.

Irgendwann, in vielen Jahren, da werden ihm diese Menschen vielleicht eine Statue bauen, weil er die Rettung dieser Spezies vorangetrieben hat. Auf dem Mars zum Beispiel, wo Musk so gerne sterben will. Sollte die Erde dann noch existieren, dann werden sie vielleicht auch hier eine aufstellen, an der Straßenecke von Crenshaw Boulevard und Northrop Avenue, neben dem ersten recycelten Raketentriebwerk in der Geschichte.

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