Report Die Schätze der Krone

Unter Großbritannien lagern Gasreserven. Sie könnten mit Fracking gefördert werden.

Von Björn Finke, Kirby Misperton/Grangemouth

Großbritanniens umstrittenste Gasquelle wirkt von außen geradezu idyllisch. Der Weg zu ihr führt raus aus Kirby Misperton, einem überschaubaren Dorf in Yorkshire, im hügelig-grünen Norden Englands. Ein Dorf ohne Supermarkt und mit nur einer Bushaltestelle. Die liegt am einzigen Kreisverkehr, neben der Kirche und dem Kreuz für die Kriegstoten. Die schmalen Straßen haben nur auf einer Seite einen Bürgersteig. Die unverputzten Häuser sind gepflegt, ebenso die Gärten. Niemand ist zu sehen, zu hören sind der Wind in den Bäumen, Vogelgesang, das Muhen der Kühe.

Hinter dem Dorf, 500 Meter die Landstraße entlang, glotzen schwarz gefleckte Rinder über das Gattertor eines Bauernhofes. Gegenüber zweigt ein Feldweg ab, der auf eine bewaldete Fläche zusteuert, eine herbstlich bunte Insel von Bäumen inmitten der Äcker. Sehr hübsch - doch wer näher heranspaziert, merkt, dies ist keine gewöhnliche Forstung.

Das Gelände wird geschützt von einem hohen, stacheldrahtbewehrten Zaun. Am Eingangstor hängen Schilder: Warnung, Privatbesitz, kein Zutritt. Was sich hinter den Bäumen verbirgt, ist vom Eingang aus nicht zu erkennen. Ein freundlicher Wachmann kommt zum Tor, um zu schauen, was der Besucher will. "Ja, das hier ist das Bohrloch KM8", antwortet er bereitwillig.

KM8: An diesem Kürzel für eine Erdgasquelle hängen die Hoffnungen einer ganzen Industrie - und die der britischen Regierung. Für Umweltschützer und Anwohner ist es ein Kürzel des Schreckens.

Denn im Frühsommer genehmigte die Kreisverwaltung von Nord-Yorkshire trotz vehementer Proteste, dass dort mit der umstrittenen Fracking-Technik nach Gas gebohrt werden darf. Der Eigner der Quelle, die Firma Third Energy, fördert schon seit zwei Jahrzehnten Gas in der Region, aber bisher eben ohne Fracking.

Das Chemiewerk Grangemouth in Schottland ist auf Erdgas angewiesen. In Großbritannien lagern große Reserven, die mit der umstrittenen Fracking-Technik gefördert werden können.

(Foto: Ed Jones/AFP)

Bei dieser Methode werden Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck ins unterirdische Gestein gepresst. Es platzt dann auf und gibt das Gas frei. In den USA wird Fracking massenhaft eingesetzt; das Land produziert so Riesenmengen an sogenanntem Schiefergas und -öl. Das ist ein wichtiger Grund für den Verfall des Ölpreises. Unter den lieblichen Hügeln des Königreichs lagern ebenfalls große Reserven, die mit Fracking gefördert werden können. Die konservative Regierung träumt von einem neuen Gasboom. Der käme sehr gelegen, schließlich sprudeln die Quellen in der Nordsee immer weniger.

Doch Landbesitzer und Kommunen teilen die Begeisterung Londons nicht, sie befürchten Umweltschäden. Anwohner und Naturschützer protestieren gegen jedes neue Vorhaben. Deswegen ging es lange nicht voran. Schon 2012 hob die Regierung ein Fracking-Moratorium auf. Das war ein Jahr zuvor verhängt worden, nachdem eine Probebohrung in Nord-England Mini-Erdbeben ausgelöst hatte.

Allerdings wurden seit 2012 nirgendwo Fracking-Bohrungen genehmigt - bis im Mai Third Energy die Erlaubnis für KM8 erhielt. Energiebranche und Regierung setzen darauf, dass diese Entscheidung die Wende einläutet. Und in der Tat wurden seitdem zwei weitere Vorhaben bewilligt.

Sollte es wirklich zum Fracking-Boom im Königreich kommen, könnte das die Debatte in anderen europäischen Staaten neu befeuern. Bisher ist Fracking auf dem Kontinent kein Erfolg beschieden. Einige Staaten, wie Deutschland, verhängten Moratorien, verbieten also den Einsatz. In anderen Ländern brachten Probebohrungen enttäuschende Ergebnisse.

Sarah Houlston treibt nicht so sehr um, was KM8 für Europa heißt. Sie macht sich Sorgen darüber, was Fracking für ihren Bauernhof bedeutet. Der ist nur zwei Kilometer vom Bohrloch entfernt. Houlston und ihr Mann pflanzen auf einer Fläche von 170 Fußballfeldern Raps und Gerste an und halten 150 Kühe. "Und unsere Tochter kümmert sich um fünf Schafe", sagt Houlston. So lerne die Elfjährige etwas über die Arbeit eines Landwirts. Der Bauernhof gehört in vierter Generation der Familie ihres Gatten. "Aber Fracking bedroht die Zukunft unseres Betriebs", sagt sie.

Doch seit 2012 wurden keine Fracking-Bohrungen mehr genehmigt. In Grangemouth hatten sie deshalb eine Idee: Tankschiffe bringen Schiefergas aus den USA in das schottische Werk.

(Foto: Andy Buchanan/AFP)

Neben dem alten Bauernhaus stehen Ställe, Schuppen und Unterstände. Traktoren parken auf dem matschigen Grund. Große, runde Heuballen sind aufeinander gestapelt. Houlston hat die Arme vor der schicken Jacke verschränkt, der ewige Wind föhnt ihre Haare. "Da vorne bei den Bäumen ist der Brunnen, den wir vor zehn Jahren gebohrt haben", sagt sie. Die Rinder trinken das Wasser. "Ich habe Angst, dass durch Fracking das Grundwasser verschmutzt wird."

Und es gehe nicht nur um eine Probebohrung an einer Quelle. Nach KM8 könnten in Yorkshire Hunderte weitere Fracking-Quellen gebohrt werden, sagt die 49-Jährige. Tatsächlich hat die Regierung für den ganzen Osten Yorkshires Erkundungs- und Förderlizenzen an Konzerne versteigert. "Für die Quellen sind auch Pipelines nötig. Letztlich würde Yorkshire in eine Industrieregion verwandelt", klagt sie.

Bisher lebt die Region von Touristen und der Landwirtschaft. Dieses Leben ist ruhig, die Arbeitslosigkeit gering. "Was wird Fracking für den Ruf Yorkshires bei Touristen bedeuten, für den Ruf unserer Nahrungsmittel?", fragt die Bäuerin. Für Kirby Misperton spielt Tourismus eine besonders große Rolle, weil sich am Rande des Dorfes "Flamingo Land" befindet. Das ist eine Mischung aus Freizeitpark, Ferienhaussiedlung und einem Zoo - der nicht nur Flamingos beherbergt. Zwischen Flamingo Land und KM8 liegt ein Kilometer.

Manager von Third Energy antworten auf die Ängste der Kritiker mit Beteuerungen, dass es keinen Grund zur Sorge gebe. Die Risiken von Fracking - die Gefahr von Erdbeben und Wasserverschmutzung - seien problemlos beherrschbar, das zeigten viele Studien, verkündet das Unternehmen. Und bisher hätten sich die Touristen nicht an den Quellen gestört, die bereits ohne Fracking arbeiten. In der Tat ist KM8 ja gut verborgen hinter Bäumen. Third Energy verfeuert das Gas aus seinen Quellen in einem Kraftwerk. Doch die angezapften Reserven liefern immer weniger.

Ein halbes Dutzend Fracking-Gegner begrüßt die Gaslieferung nach Grangemouth auf ihre Art.

(Foto: Russell Cheyne/Reuters)

Einen Vorwurf der Gegner räumt die Firma ein: Für die Fracking-Bohrungen müssen Hunderte Lastwagen zu der Quelle fahren - und zurück. Die Beeinträchtigungen für die Bürger seien aber "nicht signifikant", heißt es.

Das allerdings ist eine kühne These. Würden in Zukunft regelmäßig Kolonnen von Lastwagen mit Bohrflüssigkeit und Gestänge über die einstmals stillen Straßen von Kirby Misperton und anderen Dörfern rollen, würde das den idyllischen Charakter der Gemeinden zweifellos zerstören.

"Frack Free Ryedale - ich engagiere mich für die Zukunft meiner Kinder."

Trotz der Genehmigung hat Third Energy noch nicht mit dem Fracking begonnen. Denn Umweltschützer klagten gegen die Entscheidung der Kreisverwaltung vor Gericht, vor dem High Court in London. Die Anhörung fand Ende November statt, begleitet von Protesten vor dem Justizgebäude; das Urteil soll vor Weihnachten gefällt werden. Der Landkreis hatte vor dem umstrittenen Beschluss 4375 Briefe mit Einwänden gegen das Vorhaben erhalten. Es half nichts: Sieben Mitglieder des Planungsausschusses stimmten für das Projekt und nur vier dagegen.

"Hat die Klage keinen Erfolg, wird das die Gemüter hier sehr erhitzen", sagt Bäuerin Houlston. Sie macht bei der Protestgruppe Frack Free Ryedale mit, also "Kein Fracking in Ryedale" - so heißt der Bezirk, zu dem Kirby Misperton gehört. Houlston nahm mit ihren beiden Kindern an einer Demonstration gegen Fracking in Malton teil, einer Stadt in der Nähe. "Wenn ich des Kämpfens müde bin, hält mich der Gedanke an meine Kinder bei der Stange", sagt sie. "Ich engagiere mich für ihre Zukunft."

SZ-Karte

(Foto: )

Dass Fracking auch Vorteile für die Region bieten könnte, glaubt sie nicht. "Vielleicht verzeichnen dann Pensionen und Restaurants mehr Umsatz dank der Arbeiter an den Quellen", sagt sie. "Aber das wiegt die Gefahren nicht auf." Die frackingbegeisterte Regierung in London verspricht, dass die Kommunen, bei denen gebohrt wird, an den Steuereinnahmen aus der Gasförderung beteiligt werden. Houlston nennt das schlicht "Bestechung"; kein Betrag der Welt sei die Risiken wert. Ansonsten haben Landbesitzer und Kommunen wenig finanzielle Anreize, Fracking zu erlauben. In den USA gehören Bodenschätze dem Landbesitzer, für den sich die Gasförderung darum lohnt. Im Königreich gehören die Schätze der Krone, wie es schön altmodisch heißt, sprich: der Regierung.

Einer der größten Profiteure eines Fracking-Booms wäre der britische Milliardär Jim Ratcliffe. Er ist der Chef und Mehrheitseigner von Ineos, einem der umsatzstärksten Chemie-Unternehmen der Welt.

Der Konzern, der unter anderem ein Werk in Köln betreibt, hat von der Regierung Erkundungs- und Förderlizenzen für gut 4000 Quadratkilometer ersteigert, mehr als jeder andere Bieter. Zum Vergleich: Das Saarland ist 2570 Quadratkilometer groß. Bohrerlaubnisse hat Ineos noch nicht beantragt, will das aber in den kommenden Monaten machen. Für die Gegner des Fracking-Verfahrens wie Houlston klingt das wie eine Drohung.

Mit dem Gas möchte das Unternehmen auch seine Standorte beliefern. Erdgas ist ein wichtiger Rohstoff für die Chemieindustrie. Das größte Werk des Konzerns befindet sich 275 Kilometer nordwestlich Kirby Mispertons, im schottischen Grangemouth, unweit von Edinburgh.

Ein Dudelsackspieler begrüßt mit dem "Skye Boat Song" das Tankschiff aus Amerika

In Kirby Misperton befürchten viele, dass Fracking ihre Zukunft bedroht. Doch für Grangemouth ist Fracking die Zukunft.

Schottlands größter Industriebetrieb hat fast die Abmessungen einer Kleinstadt. Einer Kleinstadt voller Rohre. Die winden sich um turmhohe Chemieanlagen, bilden ein schwer durchschaubares Wirrwarr. Andere Rohre werden auf Stelzen von einer Station zur nächsten geführt. Kühltürme und Schornsteine ragen in den Himmel. 1350 Menschen arbeiten in dem Komplex, der aus einer Erdöl-Raffinerie und einem Chemiewerk besteht.

Kernstück des Chemiewerks ist der sogenannte Cracker. Der verwandelt Ethan, ein Bestandteil von Erdgas, in Ethylen, einen wichtigen Ausgangsstoff der chemischen Industrie. Aus ihm werden etwa Plastik oder Waschmittel hergestellt.

Grangemouth liegt am Firth of Forth, einem Meeresarm der Nordsee. Das Erdgas für den Cracker bezieht das Werk ebenfalls aus der See, per Pipeline. Die besten Zeiten dieses Fördergebiets sind aber vorbei. Seit der Jahrtausendwende fällt die Produktion; nur 2015 gab es wieder ein Plus. Der Cracker erhält darum nicht mehr genügend Gas. Deswegen musste bereits 2008 eine der zwei Einheiten der Anlage stillgelegt werden. Das Werk schrieb hohe Millionenverluste und stand vor dem Aus.

Doch das Management dachte sich eine Lösung aus: Die Nordsee liefert zu wenig, und Fracking-Gas vom Festland fließt noch nicht - dann muss das Gas eben woanders herkommen.

"Die schwimmende Pipeline zeigt, wie Schiefergas der Wirtschaft helfen kann."

Das Ergebnis dieses Gedankens ist an einem kalten Herbstmorgen auf dem Firth of Forth zu bestaunen. Ein langer, blauer Gastanker fährt den Meeresarm hoch gen Grangemouth. Auf dem Deck ragt ein Wust an Rohren in die Höhe, und am Bug steht ein Dudelsack-Spieler und stimmt das schottische Volkslied "Skye Boat Song" an. Zwei Schlepper eskortieren das Schiff und schießen rechts und links Wasser aus ihren Kanonen, zur Feier des Tages.

Denn an diesem Morgen steuert erstmals ein Tanker mit Fracking-Gas aus den USA Großbritannien an. Die Ineos Insight transportiert 27 500 Kubikmeter Ethan, das aus Schiefergas in Pennsylvania stammt, nach Grangemouth.

Der Konzern hat acht Spezial-Tankschiffe bauen lassen, dazu Terminals und Lagertanks in den USA, in Grangemouth und in Rafnes in Norwegen, einem anderen Werk. Die Schiffe pendeln hin und her. So bilden sie eine schwimmende Pipeline über den Atlantik. Zwei Milliarden Dollar investierte Ineos dafür, seine Anlagen in Schottland und Norwegen mit amerikanischem Fracking-Gas füttern zu können. In Grangemouth arbeiten jetzt beide Cracker-Einheiten wieder. Das Werk ist ausgelastet.

Gerettet dank Schiefergas - natürlich nutzt Ineos die schwimmende Pipeline weidlich, um im Königreich für Fracking zu werben. So ist auf den Seiten des Tankschiffs groß zu lesen: "Schiefergas für die Industrie". Und auf der Pressekonferenz in Grangemouth, im schicken Bürogebäude der Fabrik, kommt Vorstandschef Ratcliffe auch schnell zum Punkt. "Das Projekt zeigt dem ganzen Land, wie Schiefergas der Wirtschaft helfen kann", sagt er. Der jahrzehntelange Niedergang der britischen Industrie betrübe ihn sehr. In den USA habe der Gasboom der Industrie neue Stärke verliehen, sagt der 64-Jährige. "Warum sollte das nicht bei uns möglich sein?"

Dass Fracking Risiken berge, spreche nicht gegen den Einsatz der Technik, sagt er: "Niemand ist perfekt, Unfälle passieren." Aber die Vorschriften seien streng, und Ineos sei als Chemiekonzern sehr gut darin, mit Gefahren für die Umwelt umzugehen, sagt der Ingenieur. Die Fracking-Gegner im Königreich stellten lediglich eine "lautstarke Minderheit" dar.

Ein halbes Dutzend dieser Gegner steht vor dem Werk, um das Schiff mit Schiefergas auf ihre Art zu begrüßen. Sie halten Schilder mit Parolen gegen Fracking hoch, und ein Demonstrant spielt auf einem Dudelsack, aus dessen Pfeifen in beeindruckender Weise Flammen lodern. Andere Gegner fallen durch Abwesenheit auf: Kein Minister der schottischen Regionalregierung ist der Einladung zur Willkommensfeier an Grangemouths neuem Gasterminal gefolgt. Dabei geht es um die Zukunft des wichtigsten Industriebetriebs der Region. Doch die regierende Partei der schottischen Nationalisten, SNP, lehnt Fracking ab und hat ein Moratorium verhängt.

Die Politiker verpassen wenig. Der Tanker erreicht das Terminal an diesem Tag gar nicht - misslich für eine Willkommensfeier. Starker Wind zwingt das Schiff dazu, kurz vor dem Hafen umzukehren. Die Ineos Insight wird erst am Tag darauf ihre umstrittene Fracht anlanden.