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Report:Aufruhr an der Quelle

Nestlé zapft in einer besonders trockenen Bergregion in Kalifornien Wasser. Das bringt Anwohner und Umweltschützer in Rage.

In Kalifornien gibt es sie in jedem Restaurant, jedem Supermarkt, an jeder Tankstelle: Die Halbliterflasche Arrowhead, das meistgetrunkene Mineralwasser an der Westküste. 20 Zentimeter hoch, das Plastik so dünn, dass es bei jeder Berührung knisternd einknickt, eine aufgeklebte Banderole. 500 Milliliter Wasser für etwa zwei Dollar. Aber was ist diese Flasche wirklich? Eine bequeme, gesunde Erfrischung, wie der Hersteller sagt? Glatter Diebstahl und ein Verbrechen an der Natur, wie die Umweltschützerin sagt? Oder doch nur ein bisschen überflüssig, "aber nicht unser größtes Problem", wie Wasser-Geologen sagen?

An Arrowhead water plastic bottle.

Arrowhead ist das meistgetrunkene Mineralwasser an der Westküste.

(Foto: mauritius)

Verfolgt man den Weg des Arrowhead-Wassers von der Quelle bis in den Kühlschrank, lernt man viel darüber, was Trinkwasser zu einem besonderen Lebensmittel macht. Und über den Kampf darum, wem es gehört und wer an diesem lukrativen Geschäft verdient.

Für Amanda Frye fängt es schon mit der Banderole auf den Flaschen an: "Ein Lieblingswasser der Region", steht da. Und: "Seit 1894". Beides falsch, findet sie. Niemand in der Region, der sich ein bisschen mit der Sache beschäftige, habe noch Sympathien für die Marke. Auch das mit der langen Tradition stimme nicht. Und dann dieses Bild, ein türkisblauer See vor schneebedeckten Gipfeln, dabei liegen die Arrowhead-Quellen in einer Wüstenregion, in den kargen San-Bernardino-Bergen, etwa eine Stunde von Los Angeles entfernt.

An einem Berghang zeichnet sich deutlich eine Gesteinsformation ab, die tatsächlich aussieht wie ein Arrowhead, eine talwärts weisende Pfeilspitze. Für die amerikanischen Ureinwohner, die hier einst lebten, soll der Pfeil den Weg zum Reichtum gewiesen haben, zu den fruchtbaren Böden im Tal. Heute liegen da unten die Ausläufer des scheinbar endlosen Siedlungsbreis um Los Angeles. Der Reichtum aber, der liegt jetzt in der anderen Richtung.

Weiter oben in den Bergen hat der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé Edelstahlrohre in den Berg getrieben, um an das kostbare Quellwasser zu kommen. Unscheinbare hüfthohe Backsteinbehausungen schützen die Bohrlöcher, man sieht sie zwischen den Büschen erst, wenn man kurz davor steht. An den Bäumen daneben: Kratzspuren von Schwarzbären. Durch die Baumkronen jagen sich zwei kreischende Blauhäher.

Das Produkt kommt fertig aus dem Boden und kostet den Konzern fast nichts

Erst einmal sieht das alles ganz gesund aus - ein einsamer Berghang, bewachsen mit den trockenheitsliebenden Büschen, die typisch sind für diese Gegend. Nur in ein paar Furchen, die sich bis ins Tal ziehen ist das Grün dunkler, hier ist es feuchter, hier wachsen Laubbäume. "Klar sieht es gesund aus. Weil es das ja auch ist", sagt Larry Lawrence und strahlt. Dann führt er ein paar Schritte vom Bohrloch den Hang hinunter, hinein ins dichte Grün. Auf einen Schlag ist es ein paar Grad kühler, die Luft feuchter und süßlich. Tief in den Boden eingegraben und von Grün überwachsen fließt hier ein kleiner Bach, gespeist von der natürlichen Quelle, aus der sich auch Nestlé bedient.

"Sieht das etwa aus, als fehle hier Wasser?" Immer noch strahlt Lawrence. Das ist genau die Frage, um die sich dieser Streit dreht - ist es viel oder wenig Wasser, das in dem Bächlein ins Tal rinnt? Und ist es zu viel Wasser, das ein paar Meter daneben durch die faustdicken Edelstahlrohre fließt? Es ist der Rohstoff, der am Ende in Plastikflaschen in den Kühlschränken von Los Angeles und San Francisco landet.

Larry Lawrence glaubt die Antwort auf diese Fragen zu kennen: "Ich bin schon als Kind mit meinen Brüdern durch diese Berge gestreift. Ich weiß, wie es hier früher aussah. Ich kenne die Pflanzen, die Tiere und die Bäche. Ich würde nie irgendetwas tun, was ihnen schadet." Klar ist aber auch: Lawrence ist eine Partei in diesem Streit, er arbeitet für Nestlé, er ist verantwortlich für die Quellen in dieser Region.

Wer ihn trifft, versteht sofort, warum Nestlé ausgerechnet ihn losschickt, um Besuchern die Quellen zu zeigen. Lawrence sieht aus wie der frühere amerikanische Vizepräsident Al Gore - und er hat die gewinnende Art von dessen früherem Chef Bill Clinton. Es ist schwer, ihn nicht zu mögen und es ist schwer, ihm nicht zu glauben, wenn er von seiner Liebe für die Natur spricht. Intern nennen sie ihn bei Nestlé "unseren Rockstar". Und dass Nestlé hier seinen Rockstar vorschickt, zeigt, wie nervös der Konzern ist.

Irgendwo auf seiner Reise nämlich, in den Stahlrohren, in den Tankwagen, die es weitertransportieren oder in der Abfüllanlage, wird aus der natürlichen Ressource ein wertvolles Wirtschaftsgut. Wohl kein anderes Produkt bringt dem weltgrößten Nahrungsmittelkonzern auch nur eine annähernd so hohe Gewinnspanne wie das Wasser. Neben Kaffee, Kindernahrung und Gesundheitsprodukten ist Trinkwasser das Geschäft, in dem der Schweizer Konzern seine Zukunft sieht. Dutzende Trinkwasser-Marken rund um den Globus hat Nestlé in den vergangenen Jahren entweder gekauft oder erfunden.

Demonstrators march outside a Nestle water bottling plant in Los Angeles, California

Kritiker werfen Nestlé Wasserdiebstahl vor. „Wasser ist ein Menschenrecht“ steht auf einem der Plakate, das sie bei einer Protestaktion vor der Arrowhead-Abfüllanlage in Los Angeles hochhalten.

(Foto: Patrick T. Fallon/Reuters)

Es ist ja auch ein Traum: Ein Produkt, das fertig aus dem Boden kommt, das nur noch gefiltert und in Flaschen gefüllt werden muss, bevor man es verkauft. An der Arrowhead-Quelle zahlt Nestlé gar nichts für das Wasser selbst, sondern gerade einmal 2000 Dollar Verwaltungsgebühren für den Zugang. An anderen Quellen sind es ein paar Cent je Gallone (3,8 Liter). So oder so, und auch wenn man Kosten für Abfüllung, Transport und Werbung einrechnet, haben Kritiker wohl recht, wenn sie von einer Gewinnspanne von mehreren Tausend Prozent sprechen.

Das Einzige, was dazwischenkommen kann: Proteste von Anwohnern und Umweltschützern, schlechte Presse, ein negatives Image. Alles Dinge, die Nestlé gerade erfahren muss, und zwar weltweit. An der Quelle in Arrowhead, in Maine im Nordosten der USA, im französischen Vittel oder in Pakistan - überall gibt es Ärger.

Auch an anderen Standorten des Unternehmens regt sich Widerstand

Kein Wunder also, dass der Konzern nervös ist, kein Wunder, dass Larry Lawrence sich jetzt ins Zeug legt: "Vor ein paar Jahren gab es einen Waldbrand, der ganze Berghang war schwarz, hier wuchs nichts mehr. Und jetzt? Die Natur hätte sich doch nicht so prächtig erholt, würde Wasser fehlen." Das Problem ist, dass das niemand so genau weiß. Die Canyons sind steil, heiß und schwer zugänglich. Auf eine Straße hier hoch habe man zum Schutz der Umwelt verzichtet, sagt Nestlé. Der Hubschrauber, der die Ingenieure stattdessen hochbringt, störe die Tiere viel mehr, sagt Umweltschützerin Amanda Frye. Tatsache ist, dass niemand jemals untersucht hat, wie sich Nestlés Rohre und das Abzapfen großer Mengen auf die Natur auswirken.

Viele wissen nicht, dass der Rohstoff für das Arrowhead-Wasser aus einer sehr trockenen Bergregion kommt, die auch Naturliebhaber anzieht.

(Foto: mauritius)

Amanda Frye glaubt es auch so zu wissen: Sie kann den Berghang von ihrer Terrasse aus sehen. Sie ist sich sicher: Früher war da mehr Wasser in den Bächen, die durch die Canyons fließen. "Das Ökosystem leidet, diese Bäche müssten ein erstklassiger Lebensraum für Schlangen, Frösche und Fische sein, aber die sind einfach nicht mehr da." Für Frye ist die Sache klar: "Mitten in einer schweren Dürreperiode entzieht Nestlé den Bergen große Mengen Wasser. Die Rohre sind voll, in den Bächen fließt nichts mehr."

Seit vier Jahren liefert sich die zierliche Rentnerin einen Kampf mit Nestlé - mit Demonstrationen, Briefen an Politiker, in der Lokalzeitung und vor Gericht. Es geht um komplizierte Fragen des überaus komplizierten kalifornischen Wasserrechts. Die Frage etwa, ob Nestlé seinen Anspruch auf den Markennamen "Arrowhead Springs" wirklich nahtlos bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen kann.

Damals, als die Welt noch einfacher war, füllte ein Hotelbesitzer ohne groß zu fragen Wasser in Flaschen und verkaufte es in Los Angeles. Er wollte damit Werbung für sein Haus machen: das Arrowhead-Hotel, Heimat des gesunden Arrowhead-Wassers, mit Blick auf die markante Arrowhead-Gesteinsformation.

Das Hotel wird seit den Sechzigerjahren nicht mehr betrieben, aber wenn man den Feuerwehrmann, der auf das Gebäude aufpasst, freundlich fragt, zeigt er es einem. Man sieht dann die Pracht der Fünfzigerjahre, als die Hollywood-Prominenz hier die Wochenenden verbrachte. Die Party ging zu Ende, als Linienflüge an exotischere Orte verfügbar wurden und Las Vegas plötzlich aufregender erschien.

In der Hotellobby hängen vor einem Spiegel noch fünf Wasserspender aus Messing - auch da konnten die Gäste das gute Wasser trinken. Für Nestlé sind solche Erzählungen wichtig, mit ihnen kann das Unternehmen seine juristischen Ansprüche mit einer schönen Geschichten untermauern. Was kann schon schlecht sein an einer Wassernutzung, die seit mehr als hundert Jahren betrieben wird?

Was Nestlé natürlich nicht dazusagt, ist, dass vor hundert Jahren kein Mensch seinen Durst aus Wasserflaschen stillte. Trinkwasser kam aus dem Hahn oder dem Brunnen. Flaschenwasser konnte man in Apotheken kaufen, es galt als Medizin. Die damals verbrauchten Mengen sind also gar nicht vergleichbar mit den heutigen.

Als Nestlé 1992 Perrier übernahm, bekam der Konzern die Markenrechte an Arrowhead dazu. So begründet der Konzern seinen Status als ältester Inhaber von Wasserrechten. Sollte irgendwann einmal ein Gericht feststellen, dass in der Region zu viel Wasser entnommen wird, bedeutet das nach kalifornischem Recht, dass Nestlé sich als Letztes einschränken müsste. Vorher müssten die Bewohner im Tal ihren Verbrauch reduzieren und theoretisch sogar ganz einstellen. Das zumindest ist Nestlés Position.

Dass diese Position nicht bloß Theorie ist, sondern Nestlé bereit ist, solche Ansprüche auch durchzusetzen, erleben gerade die Einwohner von Vittel. In dem Kurort in den französischen Vogesen wird das Mineralwasser knapp, obwohl in der Region so viel Regen fällt, wie sonst kaum irgendwo in Europa. Das Problem hier: Seit vielen Jahren wird aus den tiefen Gesteinsschichten mehr entnommen, als nachsickern kann. Nestlé besteht auch hier darauf, sein berühmtes Markenwasser weiter aus dem Boden zu holen. Für die Einwohner soll nun Wasser per Pipeline herbeigeschafft werden, das wertvolle Vittel-Wasser ist für Nestlé reserviert.

In Kalifornien muss nun vor einem Gericht geklärt werden, ob die alten Wasserrechte an der Arrowhead-Quelle für Nestlé überhaupt gelten. Die letzte Gerichtsentscheidung dazu liegt weit zurück, sie stammt aus dem Jahr 1930.

Amanda Frye hat ganze Ordner voller Unterlagen, die belegen sollen, dass es eine nahtlose Kette zwischen dem heutigen Wassergeschäft von Nestlé und den Anfängen des Arrowhead-Hotels nicht gibt.

Umweltschützerin Amanda Frye.

(Foto: oh)

Aber sie kann ihre Position auch ganz einfach ausdrücken: "Das Wasser gehört dem Wald", sagt sie. "Dieses Unternehmen aus der Schweiz hat nicht das Recht, es zu verkaufen. Sie stehlen unser Wasser." Sie spricht damit etwas aus, das es für Nestlé schwer macht, mit seinen Argumenten Gehör zu finden. Wasser ist eben kein Lebensmittel wie jedes andere. Der Gedanke, dass eine Firma Wasser quasi kostenlos aus dem Boden holt, verpackt und verkauft, löst bei vielen Unbehagen aus. Denn das Element, auf das jedes Leben angewiesen ist, wird so zum lukrativen Produkt.

Der frühere Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe hat dem Image seiner Firma wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus schweren Schaden zugefügt, als er 2005 sagte, es sei eine extreme Meinung, dass Menschen ein Recht auf Wasser hätten. Vielmehr sei Wasser ein Lebensmittel wie jedes andere und müsse demnach auch einen Marktwert haben. Da ist dann der Gedanke nicht mehr fern, eine Firma könnte auf die Idee kommen, saubere Luft aus abgelegenen Gebirgen in Flaschen zu pressen und zu verkaufen.

Ein Gericht soll nun den Streit um die Besitzrechte klären

Solche Vorhaltungen über die Ausbeutung von Wasservorkommen müssen sich etwa die Betreiber von Golfplätzen viel seltener anhören, dabei sind die für den Wasserhaushalt im knochentrockenen Südkalifornien wohl ein größeres Problem als Wasser in Flaschen. Auch über den enormen Durst der vielen Avocadoplantagen könnte man diskutieren oder über die etwa 15 000 Liter Wasser, die nötig sind, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren. "Global gesehen, ist der Verbrauch für Flaschenwasser nicht besonders bedeutungsvoll", sagt Jason Morrison. "Es gibt da wirklich andere Dinge, die mir größere Sorgen machen." Morrison ist Präsident des Pacific Institute, eine Forschungseinrichtung für verantwortungsvollen Umgang mit Trinkwasser.

Die Umweltschützerin Amanda Frye hält solchen Argumenten entgegen, dass in Flaschen gefülltes Wasser grundsätzlich unsinnig und überflüssig sei, schließlich könne man genau so gut Leitungswasser trinken: "Es ist ein Marketing-Trick! Der einzige Wert, den Nestlé seinen Kunden verkauft, ist die Plastikflasche." Jason Morrison bestreitet das nicht, er spricht etwas diplomatischer von einem "sehr begrenzten Nutzen von abgefülltem Wasser". Und selbst Nestlé-Mann Larry Lawrence räumt ein, Flaschenwasser eigentlich nur zu trinken, weil es unterwegs so praktisch sei.

Aber müsste man solche Fragen nach dem Sinn eines Produkts dann nicht auch in anderen Branchen stellen, etwa der Tabak- oder Alkoholindustrie? Offenbar wünschen sich ja viele Menschen diese Produkte, genau so, wie sie sich in Plastik verpacktes Wasser wollen. Einer der wichtigsten Grundsätze von Jason Morrison und seinem Pacific Institute ist, dass Unternehmen ihren Wasserbedarf nicht auf Kosten anderer lokaler Interessenten decken dürfen. In anderen Worten: Was Nestlé am Arrowhead macht, ist in Ordnung, solange der Konzern nicht Schlangen und Fröschen das Wasser abgräbt.

In einer Untersuchung soll diese Frage nun erstmals geklärt werden. Bis dahin hat ein Gericht Nestlé das Recht zugesprochen, vorerst für weitere drei Jahre Arrowhead-Wasser abzuzapfen.

Sollte Nestlé am Ende tatsächlich die Rechte an der Arrowhead-Quelle verlieren, wäre das vielleicht peinlich, viel ändern würde sich für den Konzern aber wohl nicht. Denn "Arrowhead" ist eine Marke, keine Herkunftsbezeichnung. Anders als das europäische erlaubt das amerikanische Lebensmittelrecht, dass Nestlé einfach Wasser aus einer seiner Hunderten anderen Quellen in die gleichen Flaschen füllt.