Süddeutsche Zeitung

Repair-Cafés und geplanter Verschleiß:Schrauben gegen das System

Das lohnt sich nicht? Das lohnt sich doch. Drucker, Kaffeemaschinen und DVD-Player gehen oft genau dann kaputt, wenn die Garantie abgelaufen ist. Menschen wie Elisa Garrote-Gasch wollen das nicht hinnehmen. Besuch in einem Repair-Café.

Von Benjamin Romberg, Berlin

Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews wäre das nicht passiert. Die Drei-Fragezeichen-Detektive hätten den Rekorder beim Abholen genau unter die Lupe genommen und sofort gemerkt, dass das Kassettenfach kaputt ist. Tristan merkte es erst zu Hause. Der 27-Jährige hatte sich ein Radio mit CD- und Kassettenspieler über Ebay gekauft. 15 Euro, Selbstabholung. Das Radio funktioniert, CDs kann Tristan hören. Aber was nützt ihm das mit seinen vielen Drei-Fragezeichen-Kassetten? Deshalb sitzt Tristan jetzt in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg und hofft auf Hilfe.

Einmal im Monat veranstaltet die Spanierin Elisa Garrote-Gasch hier ein Repair-Café. Die simple Idee stammt aus den Niederlanden: Menschen, die Elektrogeräte reparieren wollen, treffen in gemütlicher Atmosphäre Menschen, die Elektrogeräte reparieren können. Ausgebildete Techniker tüfteln ehrenamtlich gemeinsam mit Laien an alten Radios, DVD-Playern und Mixern. Das Repair-Café ist nicht nur als günstiger Service gedacht. "Die Menschen sollen die Hemmung verlieren", sagt die 36-jährige Elisa. "Sie sollen die Möglichkeit entdecken, Dinge zu reparieren, bevor man sie gleich wegschmeißt."

Im Frühjahr 2013 startete die Künstlerin aus Valencia das Projekt in der Kreuzberger Hinterhof-Garage, die sie als Atelier nutzt. Viel Platz ist nicht. Gedrängt stehen die Tische, an denen die Techniker arbeiten. Eine Couch in der Ecke, ein Tischchen mit Kaffee und Snacks. Dass es mal so voll werden würde, war zunächst nicht abzusehen am Anfang. Als Elisa das Projekt startete, hatte sie das einzige Repair-Café in Berlin, dennoch kamen kaum Leute. Jetzt gibt es sechs Cafés in der Stadt - und bei Elisa geht ohne Anmeldung gar nichts mehr. Warum ist Reparieren Trend?

Die Antwort findet man zwei Kilometer östlich von Elisas Garage, im Museum der Dinge. Die Dinge hier sind vor allem Alltagsgegenstände aus dem 20. Jahrhundert, in Vitrinen ausgestellt. Christian Kreiß sitzt an diesem Abend zwischen alten Toastern, Gießkannen und Kaugummiautomaten. Er blickt in die Regale und sagt: "Viele Produkte aus den 1940er und 50er Jahren waren lange haltbar. Das kann man von den Produkten heute nicht mehr sagen."

Kreiß ist Wirtschaftsprofessor und beschäftigt sich mit geplanter Obsoleszenz. Obwohl der Begriff so sperrig ist, haben viele Menschen inzwischen eine Vorstellung davon, was darunter zu verstehen ist. Das ist auch der Verdienst von Kreiß: Im Frühjahr 2013 veröffentlichte er eine Studie im Auftrag der Grünen, die das Thema in die Medien katapultierte. Kreiß' Fazit: Unternehmen stellen Produkte absichtlich so her, dass sie schneller verschleißen. Sie bauen Schwachstellen ein oder verwenden schlechte Materialien, die die Lebenszeit verkürzen. Kreiß hat sich weiter mit geplantem Verschleiß beschäftigt und nun ein ganzes Buch herausgebracht, das er im Museum der Dinge vorstellt.

Der Professor ist überzeugt, dass die Konzerne mit dieser Strategie nicht nur Kosten sparen. Sie kurbeln so seiner Meinung nach auch ihren Absatz an, weil die Menschen neue Produkte in kürzeren Zyklen kaufen müssen. An der Haltbarkeitsdauer zu schrauben sei eine Möglichkeit für die Konzerne, ihre Rendite zu erhöhen, sagt Kreiß. Eine "verkappte Preiserhöhung". Er hat ausgerechnet: Mehr als 100 Milliarden Euro gingen den Verbrauchern in Deutschland jedes Jahr durch geplanten Verschleiß verloren. 110 Euro pro Person, jeden Monat. Zudem würden Ressourcen verschwendet, jede Menge unnötiger Müll produziert.

"Es macht wirtschaftlich keinen Sinn, Dinge mit langer Lebensdauer zu bauen"

Das klassische Beispiel für Kreiß: der Tintenstrahldrucker, der dank eingebautem Zähler nach einer bestimmten Anzahl von Druckvorgängen den Geist aufgebe. Oder Kaffeemaschinen: eine für die Großkantine, die ewig laufe, und eine für den Privathaushalt, die kurz nach der Garantie den Dienst verweigere - beide vom gleichen Hersteller. Die Ingenieure hätten eine Software, behauptet Kreiß, mit deren Hilfe sie die Teile so zusammensetzen könnten, dass die gewünschte Lebensdauer herauskomme. Und die sei häufig gerade so lange, bis die Garantie abgelaufen sei.

Was sagen Techniker dazu?

Zigarettenpause mit Stefan. "Heute ist der Tag der alten Ost-Radios", sagt der 50-Jährige und setzt sich an einen Tisch im Hof. Er ist selbständig und hilft seit ein paar Monaten in Elisas Repair-Café mit. Radios bringen die Leute häufig mit, auch neuere. Sehr oft mache das gleiche Teil Probleme, sagt Stefan: der Elektrolytkondensator. Er malt mit dem Finger Kurven auf den Tisch und spricht von Frequenzbereichen, für die die Kondensatoren gemacht seien. Es ist klar: Oft sind Kondensatoren gar nicht für die entsprechende Belastung gemacht und gehen schnell kaputt.

"Es macht wirtschaftlich keinen Sinn, Dinge mit langer Lebensdauer zu bauen", sagt Stefan. Ein Mann und eine Frau am Tisch mischen sich ein, die auf Hilfe bei der Reparatur warten. Eine Debatte über das Wirtschaftssystem entwickelt sich, und darüber, wie viel die Menschen eigentlich über Produkte wissen können und wissen wollen. "Da könnte ich stundenlang drüber reden", sagt Stefan und zündet sich noch eine Zigarette an.

Auch Buchautor Christian Kreiß redet über das Wirtschaftssystem. Die Weltkapitalmärkte seien das Problem, das ständige Streben nach Wachstum und Rendite. Er weiß aber auch, dass er mit seiner Kritik vielleicht ein bisschen zu weit oben ansetzt. Deshalb fordert er erst einmal: weniger Werbung, mehr Transparenz, längere Haltbarkeit von Produkten, am besten gesetzlich festgeschrieben. Er appelliert aber auch an den Einzelnen. Die Verbraucher müssten mehr auf Qualität achten, wieder eine Beziehung zum Produkt aufbauen.

Den Ansatz der Repair-Cafés findet Kreiß "sehr ermutigend". Allerdings weiß er auch, wie Hersteller die Reparatur erschweren, manchmal sogar unmöglich machen können. Weil Akkus so verklebt sind, dass es unmöglich ist, sie auszutauschen. Weil es keine Ersatzteile gibt oder nur autorisierte Werkstätten für viel Geld weiterhelfen können. Oder weil sich das Gehäuse eines Geräts schon gar nicht öffnen lässt.

"Die Sachen sollten reparierbar sein", sagt Elisa. "Der Service ist aber oft total teuer oder die Service-Leute sagen: Das lohnt sich nicht."

Viele ältere Menschen melden sich bei Elisa. Für sie ist es noch selbstverständlich, dass man Geräte reparieren kann, oder es zumindest versucht, bevor sie im Müll landen. Aber auch junge Leute kommen in das Café. Viele aus Überzeugung, einige, weil sie wenig Geld haben. "Hier wirft man eine kleine Spende in die Box und alles ist super", sagt Tristan. Er ist gerade mit dem Studium fertig und auf Jobsuche.

Lange tüftelt er mit Techniker Jan an seinem Kassettenspieler. Der ist 34, hat Elektrotechnik studiert und erkennt das Problem sofort. Doch Tristan und er bekommen das Gehäuse nicht auf. Die Schrauben liegen zu tief, Jan hat dafür nicht das passende Gerät. "Die haben nicht daran gedacht, dass jemand das Gerät aufschrauben will", sagt Jan. Tristan soll nächsten Monat noch einmal kommen. Dann, verspricht Jan, hat er einen längeren Schraubenzieher. Bis dahin schweigen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews.

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