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Repair-Cafés und geplanter Verschleiß:"Es macht wirtschaftlich keinen Sinn, Dinge mit langer Lebensdauer zu bauen"

Das klassische Beispiel für Kreiß: der Tintenstrahldrucker, der dank eingebautem Zähler nach einer bestimmten Anzahl von Druckvorgängen den Geist aufgebe. Oder Kaffeemaschinen: eine für die Großkantine, die ewig laufe, und eine für den Privathaushalt, die kurz nach der Garantie den Dienst verweigere - beide vom gleichen Hersteller. Die Ingenieure hätten eine Software, behauptet Kreiß, mit deren Hilfe sie die Teile so zusammensetzen könnten, dass die gewünschte Lebensdauer herauskomme. Und die sei häufig gerade so lange, bis die Garantie abgelaufen sei.

Was sagen Techniker dazu?

Zigarettenpause mit Stefan. "Heute ist der Tag der alten Ost-Radios", sagt der 50-Jährige und setzt sich an einen Tisch im Hof. Er ist selbständig und hilft seit ein paar Monaten in Elisas Repair-Café mit. Radios bringen die Leute häufig mit, auch neuere. Sehr oft mache das gleiche Teil Probleme, sagt Stefan: der Elektrolytkondensator. Er malt mit dem Finger Kurven auf den Tisch und spricht von Frequenzbereichen, für die die Kondensatoren gemacht seien. Es ist klar: Oft sind Kondensatoren gar nicht für die entsprechende Belastung gemacht und gehen schnell kaputt.

"Es macht wirtschaftlich keinen Sinn, Dinge mit langer Lebensdauer zu bauen", sagt Stefan. Ein Mann und eine Frau am Tisch mischen sich ein, die auf Hilfe bei der Reparatur warten. Eine Debatte über das Wirtschaftssystem entwickelt sich, und darüber, wie viel die Menschen eigentlich über Produkte wissen können und wissen wollen. "Da könnte ich stundenlang drüber reden", sagt Stefan und zündet sich noch eine Zigarette an.

Auch Buchautor Christian Kreiß redet über das Wirtschaftssystem. Die Weltkapitalmärkte seien das Problem, das ständige Streben nach Wachstum und Rendite. Er weiß aber auch, dass er mit seiner Kritik vielleicht ein bisschen zu weit oben ansetzt. Deshalb fordert er erst einmal: weniger Werbung, mehr Transparenz, längere Haltbarkeit von Produkten, am besten gesetzlich festgeschrieben. Er appelliert aber auch an den Einzelnen. Die Verbraucher müssten mehr auf Qualität achten, wieder eine Beziehung zum Produkt aufbauen.

Den Ansatz der Repair-Cafés findet Kreiß "sehr ermutigend". Allerdings weiß er auch, wie Hersteller die Reparatur erschweren, manchmal sogar unmöglich machen können. Weil Akkus so verklebt sind, dass es unmöglich ist, sie auszutauschen. Weil es keine Ersatzteile gibt oder nur autorisierte Werkstätten für viel Geld weiterhelfen können. Oder weil sich das Gehäuse eines Geräts schon gar nicht öffnen lässt.

"Die Sachen sollten reparierbar sein", sagt Elisa. "Der Service ist aber oft total teuer oder die Service-Leute sagen: Das lohnt sich nicht."

Viele ältere Menschen melden sich bei Elisa. Für sie ist es noch selbstverständlich, dass man Geräte reparieren kann, oder es zumindest versucht, bevor sie im Müll landen. Aber auch junge Leute kommen in das Café. Viele aus Überzeugung, einige, weil sie wenig Geld haben. "Hier wirft man eine kleine Spende in die Box und alles ist super", sagt Tristan. Er ist gerade mit dem Studium fertig und auf Jobsuche.

Lange tüftelt er mit Techniker Jan an seinem Kassettenspieler. Der ist 34, hat Elektrotechnik studiert und erkennt das Problem sofort. Doch Tristan und er bekommen das Gehäuse nicht auf. Die Schrauben liegen zu tief, Jan hat dafür nicht das passende Gerät. "Die haben nicht daran gedacht, dass jemand das Gerät aufschrauben will", sagt Jan. Tristan soll nächsten Monat noch einmal kommen. Dann, verspricht Jan, hat er einen längeren Schraubenzieher. Bis dahin schweigen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews.