Süddeutsche Zeitung

Rentenvorsorge:Ende des Riester-Booms

Marktsättigung oder Skepsis der Versicherten? Erstmals seit Einführung der staatlich geförderten Privat-Rente geht die Anzahl der Verträge zurück. Viele sind schon stillgelegt oder gekündigt. Jetzt fordert die Finanzbranche Reformen, um das Geschäft wieder anzukurbeln.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Für die Bundesregierung war die Riester-Rente lange Zeit ein Grund zum Jubeln. "Die positiven Zahlen zeigen, dass die Deutschen auch in wirtschaftlich schwieriger Zeit sehr verantwortlich Vorsorge für ihr Alter treffen. Das ist ein gutes Signal." Das sagte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen Anfang 2010 und verkündete, sie hoffe, dass "der Boom beim Riestern weiter anhält".

Doch damit ist jetzt Schluss: Im ersten Quartal 2013 gab es weniger statt mehr staatlich geförderte Riester-Verträge. Die Zahlen gab das Ministerium aber diesmal nicht - wie zuvor die älteren Riester-Bilanzen per Pressemitteilung - bekannt, sondern stellte sie bislang von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt auf die eigene Homepage (hier als PDF).

Die neue Statistik ist brisant: Erstmals seit Einführung der Riester-Rente im Jahr 2002 ist die Anzahl der bestehenden Verträge zurückgegangen, um insgesamt 27.000 auf 15,652 Millionen. Nur die Anzahl der Banksparpläne und der Wohn-Riester-Verträge für Immobiliensparer legte verglichen mit Ende 2012 zusammen um 40.000 zu. Bei den Versicherungen beläuft sich das Minus auf 31.000 Policen, bei den geförderten Fondssparplänen verzeichnet die Statistik 36.000 Verträge weniger.

Die große Boomphase für Riester-Anbieter dürfte damit endgültig vorbei sein: "Es ist eine gewisse Marktsättigung eingetreten", begründet ein Sprecher des Arbeitsministeriums den Trend. Es könnte aber auch eine zunehmende Skepsis der Verbraucher geben, was eine andere, neue Zahl des Hauses von der Leyen zeigt: Mittlerweile ist danach geschätzt fast jeder fünfte (19,5 Prozent) der knapp 15,7 Millionen Verträge ruhend gestellt, es werden also keine Beiträge einbezahlt - und damit auch keine staatlichen Zulagen mehr in Höhe von jährlich 154 Euro (plus bis zu 300 Euro je Kind) bezogen. Ende 2011 hatte dies laut Bundesfinanzministerium nur auf 15 Prozent der Verträge zugetroffen.

Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, hat das Ende des Riester-Booms erwartet: Es sei klar, dass nicht alle der mehr als 30 Millionen Arbeitnehmer und Beamte das Recht, staatlich gefördert vorzusorgen, wirklich nutzten. Für viele Verbraucher sei es zum Beispiel lohnender, einen Baukredit möglichst schnell zu tilgen oder in die eigene Ausbildung zu investieren. Auch habe sich herumgesprochen, dass die Riester-Rente "nicht nur Vorteile bringt, sondern einige Verträge auch sehr teuer sind". Er warnt junge Leute generell davor, eine private Rentenversicherung abzuschließen. "Der Normalfall ist, dass in fünf bis zehn Jahren irgendetwas dazwischenkommt und der Vertrag angepasst oder aufgelöst wird." Das Leben laufe "einfach nicht so planmäßig ab".

Wie viele Riester-Verträge deshalb gekündigt werden, ist nicht bekannt. Für alle 94 Millionen Lebensversicherungen inklusive Riester-Policen lag die Stornoquote nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 2012 bei 3,48 Prozent. Der GDV hält dies für "sehr niedrig". Verbraucherschützer rechnen aber hoch, dass langfristig so jede zweite Lebensversicherung vorzeitig gekündigt wird, was meist mit hohen Einbußen verbunden ist.

Das Neugeschäft läuft schleppend

Sicher ist: Das Neugeschäft läuft schleppend. Bereits 2012 schrumpfte der Absatz von Riester-Verträgen um 36 Prozent. Die neue Statistik kommt für die Branche deshalb nicht überraschend. "Die anhaltende Finanzmarktkrise verunsichert die Menschen", sagt eine GDV-Sprecherin. Die historisch niedrigen Zinsen belasteten die private Altersvorsorge. Hinzu komme die immer wieder geäußerte Kritik, dass sich die Riester-Rente nicht lohne. Dabei rechne sie sich "für die allermeisten so gut wie keine andere Vorsorgeform".

Die Fondsgesellschaft Union Investment, Marktführer bei den RiesterFonds, ist ebenfalls überzeugt, dass "es garantiert keine großen Zuwachsraten mehr geben wird". Ein Sprecher macht jedoch darauf aufmerksam, dass die Zahlen aus dem Hause von der Leyen zumindest teilweise schlechter aussähen, als sie es tatsächlich sind. So wurden Riester-Fonds-Verträge, bei denen bereits Geld an die Kunden ausgezahlt wird, aufgrund eines technischen Fehlers nicht in der Statistik berücksichtigt. Diese Verträge werden im nächsten Quartal wieder mitgezählt, so dass die Zahlen zumindest für die Fondsbranche etwas erfreulicher ausfielen.

Einig sind sich alle, dass weitere Reformen nötig sind: "Damit noch mehr Leute für das Alter sparen, sollte die Politik die Zulagen dynamisieren und den steuerlich geförderten Höchstbetrag von 2100 Euro wie in der betrieblichen Altersversorgung auf vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze festsetzen", sagt Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbandes BVI. Auch die Versicherungslobbyisten vom GDV machen sich dafür stark, die Grundzulage von 154 Euro zu erhöhen. "Das wäre ein starkes Signal pro Riester-Rente", hofft die Sprecherin.

Bislang sorgen nicht zuletzt Geringverdiener eher wenig vor: Von den gut 4,2 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Bruttolohn von weniger als 1500 Euro haben 1,8 Millionen weder eine betriebliche Altersversorgung noch einen Riester-Vertrag. Vielen von ihnen fehlt das Geld fürs Sparen - von der Leyen weist deshalb stets darauf hin, dass Riestern schon ab fünf Euro Eigenbeitrag im Monat möglich ist.

Hinzu kommt ein anderes Hindernis: Ist ein früherer Geringverdiener mit einer gesetzlichen Minirente auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen, werden Auszahlungen aus einer Riester-Rente angerechnet. In solchen Fällen wurde quasi vergebens gespart. Von der Leyen will dies ändern. Sie sagt: Ein Riester-Vertrag müsse sich gerade für Geringverdiener lohnen, "die in Zukunft besonders von Altersarmut bedroht sind".

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SZ vom 15.07.2013/mike
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