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Rentenversicherung:Das lange Warten auf einen Termin

Wegen der Coronavirus-Pandemie setzen immer mehr Firmen in Deutschland auf das Homeoffice für ihre Mitarbeiter. Eine Not

Endlose Telefonschleifen, keine Antwort auf die letzte Mail? Die Rentenversicherung ist damit selbst nicht zufrieden und will die Wartezeiten wieder verkürzen.

(Foto: Petra Nowack/imago images)

Wer persönlich mit einem Berater der Rentenversicherung sprechen will, muss sich oft viele Wochen gedulden.

Sabine Müller, 62, gehört zu den Menschen, die der gesetzlichen Rentenversicherung noch vertrauen. Seit zwei Jahren zahlt die Angestellte zusätzlich zu ihren Pflichtbeiträgen freiwillige Beiträge in die Rentenkasse ein. Die SZ-Leserin, die in Wirklichkeit anders heißt, will Anfang 2021 mit 63 in Rente gehen und bis dahin mit den Zusatzbeiträgen die Abschläge vom Altersgeld, die beim vorzeitigen Ruhestand fällig sind, ausgeglichen haben. Ein feiner Plan, findet sie, wäre da nur nicht der Ärger mit der Rentenversicherung.

Müller geht es um eine kleine und eine große Sache: Die kleine Sache, das ist die Höhe des Betrags für die dritte Rate, den sie kennen muss, um ihre Abschläge auf den Euro genau ausgleichen zu können. Müller, die in einem Dorf in Hessen wohnt, schrieb deshalb an die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Bund in Berlin. Per Post, per Mail, eine Antwort kam nicht. "Ich habe bestimmt 20 mal versucht, einen Sachbearbeiter in Berlin zu erreichen. Es war unmöglich", sagt sie. Die große Sache, das ist ihr Rentenantrag. Für Müller ist dieser "der wichtigste Antrag für meinen letzten Lebensabschnitt". Deshalb wollte sie ihn auch nicht online ausfüllen. "Ich wäre damit überfordert gewesen, obwohl ich nicht auf den Kopf gefallen bin." Doch ein Termin für eine persönliche Beratung war im Frühjahr - wegen Corona - nicht mehr zu bekommen.

Mit der Rentenversicherung zu kommunizieren kann mitunter eine Geduldsprobe werden, auch ohne Pandemie, in deren Hochphase die bundesweit 160 Auskunfts-und Beratungsstellen geschlossen blieben. "Es passiert immer wieder, dass Versicherte drei, vier Monate warten müssen, bis sie einen persönlichen Beratungstermin bekommen. Das ist einfach viel zu lang", sagt Fredy Menke, Personalratsvorsitzender der DRV Westfalen. "Normalerweise sollte in vier Wochen ein Termin zu bekommen sein."

"Gut ausgebildete Mitarbeiter gehen zu anderen Behörden, weil sie dort verbeamtet werden."

Christian Heide, Vorsitzender des Gesamtpersonals der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd, bestätigt: "Wir können unserem Beratungsauftrag nicht so nachkommen, wie wir es sollten und gerne möchten." Und Verena Bentele, Präsidentin des VdK, des größten deutschen Sozialverbands, sagt: "Wir erleben häufig in unseren Rechtsberatungsstellen, dass wichtige Anliegen der Bürger an die Deutsche Rentenversicherung Bund mit extrem langen Wartezeiten verbunden sind. Dies ist vor allem für die existenzbedrohlich, die krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten können und vorzeitig Rente beantragen müssen." Es dauere häufig Monate, bis die dafür notwendigen Gutachten der DRV erstellt seien. "Nicht selten frisst das Warten auf den Rentenbescheid das gesamte Gesparte auf", kritisiert Bentele.

Nun fließen bei der DRV Bund in Berlin alle Fäden der Rentenversicherung zusammen. Wer von dieser Behörde etwas will, muss oft sehr lange warten - und manchmal, das zeigt nicht nur der Fall Sabine Müller, kommt gar keine Antwort. Aber es gibt ja nicht nur die DRV Bund, sondern neben der bundesweiten DRV Knappschaft-Bahn-See noch 14 weitere Regionalträger der deutschen Rentenversicherung, die für mehr als die Hälfte der Versicherten zuständig sind. Und bei diesen können, das bestätigt auch VdK-Präsidentin Bentele, die Wartezeiten für einen persönlichen Termin sehr unterschiedlich sein und zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten schwanken. Sicher aber ist: Sie sind zuletzt länger geworden.

Nach Angaben der DRV Bund warteten die Kunden im vergangenen Jahr im Durchschnitt 30 Werktage auf einen Beratungstermin in einer Auskunfts- und Beratungsstelle. 2017 lag diese Wartezeit noch bei 20 Tagen. Das liegt auch daran, dass das Rentenrecht immer komplizierter wird. Ob Mütterrente, Hinzuverdienstregeln für Flexi-Rentner oder verbesserte Erwerbsminderungsrenten - "die Intensität und die Dauer der Beratungen" habe stark zugenommen, heißt es bei der DRV Bund. Länger zieht sich auch das Bearbeiten der Anträge auf Altersrente hin. 46 Tage dauerte es 2017, bis ein solcher Antrag beschieden war. In den vergangenen eineinhalb Jahren waren es 52 bis 53 Tage, auch wegen einer laut DRV Bund "sehr umfassenden Umstellung des EDV-Systems".

Die Rentenversicherung ist damit selbst nicht zufrieden und will die Wartezeiten wieder verkürzen. Man setzt verstärkt auf neue Service-Angebote im Internet und auf die kostenfreie Rentenhotline (0800 1000 4800), bei der derzeit mehr als 80 Prozent der Anrufer so lange warten, bis sie einen Mitarbeiter am Telefon haben. Den Personalräten reicht das jedoch nicht. Sie argumentieren, dass die Rentenversicherung nach ihrer Organisationsreform einfach zu wenig Personal für die gewachsenen Aufgaben hat.

Derzeit sind bei den 16 Trägern insgesamt 60 000 Mitarbeiter beschäftigt. Vor zehn Jahren waren es noch 61 600. Der Münchner Personalrat Heide sagt: "Es gibt ein Nachwuchsproblem. Wir würden gerne mehr Leute einstellen, können es aber nicht. Vor allem in den großen Städten haben wir das Problem der Abwanderung. Gut ausgebildete Mitarbeiter gehen zu anderen Behörden, weil sie dort verbeamtet, besser bezahlt werden oder dann weniger lang pendeln müssen."

Sein westfälischer Kollege Menke pflichtet bei: "Die Rekrutierung von Nachwuchs ist schwieriger geworden. Wir müssen mehr ausbilden, erst recht, weil bald viele ältere Mitarbeiter selbst in Rente gehen." Er befürchtet, dass sich die Situation nach Einführung der sehr beratungsintensiven Grundrente noch verschlechtern wird. Da nütze "auch das ganze digitale Arbeiten nichts. Viele Versicherte wollen eben von einem Menschen direkt beraten werden, wenn es um etwas so Wichtiges wie um ihre Rente geht", sagt Menke.

Sabine Müller hat inzwischen einen Termin für eine Beratung bekommen. Mit der Beraterin war sie zufrieden. Der Rentenantrag, den man möglichst drei Monate vor dem angestrebten Rentenbeginn stellen soll, ist in Berlin eingegangen. Aber wegen ihrer freiwilligen Einzahlung hat sie immer noch nichts gehört, obwohl eine Sachbearbeiterin in ihrer Heimat im fernen Berlin um Rückruf bat. Darüber ärgert sich Müller immer noch. Sie sagt: "Sich so einfach tot zu stellen - das untergräbt mein Vertrauen in die deutsche Rentenversicherung."

© SZ vom 29.06.2020
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