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Rentenversicherung:Besser als die Glaskugel

Rentner auf einer Parkbank

Wieviel man sich im Alter leisten kann, hängt auch von der Inflation ab und davon, wie sich die Renten entwickeln.

(Foto: dpa)

Die jährliche Renteninformation liefert wichtige Hinweise - ohne Schönfärberei.

Die Deutsche Rentenversicherung beschönigt erst gar nichts: "Da die Renten im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtiger (Versorgungslücke)." Der Satz steht in der "Renteninformation", die mehr als 30 Millionen Versicherte jedes Jahr von der gesetzlichen Rentenversicherung erhalten. Nun mag der Ruhestand für viele, die diesen Brief erhalten, noch in weiter Ferne liegen. Trotzdem sollte man die amtliche Renteninfo nicht gleich ins Altpapier werfen. Immerhin kann man hier schwarz auf weiß sehen, wie viel - oder wie wenig an Rente später einmal zu erwarten ist.

Andrea Habermann, 54, (Name von der Redaktion geändert) zahlt seit 28 Jahren in die Rentenkasse ein. Vor allem in den ersten Jahrzehnten ihres Berufslebens hat sie allerdings teilweise nicht so gut verdient, folglich waren ihre Beiträge auch nicht sehr hoch. Seit einigen Jahren liegt sie mit ihrem Bruttoeinkommen zwar knapp unter der Grenze, bis zu der Beiträge fällig sind (im Westen: 6700 Euro pro Monat, im Osten 6150 Euro). Unterm Strich kommen wegen der vielen Jahre als Geringverdienerin beziehungsweise Teilzeitjobberin aber nur 861 Euro Rente monatlich heraus, so steht es in ihrer Renteninfo vom Dezember vergangenen Jahres. Dieses Altersgeld gibt es aber nur unter zwei Voraussetzungen: Sie geht erst, so wie es regulär vorgesehen ist, mit 67 in den Ruhestand, und sie verdient weiter so wie in den vergangenen fünf Jahren. Außerdem geht die Rentenversicherung bei dieser Modellrechnung zunächst davon aus, dass die Rente nicht mehr steigt.

Tatsächlich war in den vergangenen Jahrzehnten fast in jedem Jahr eine Rentenerhöhung drin (Grafik). Die Rentenversicherung rechnet in ihrer Infopost deshalb mit zwei weiteren Varianten, und zwar mit einem Aufschlag von jährlich einem und einem Plus von jährlich zwei Prozent. Das ist durchaus realistisch: Seit 1991 erhöhten sich die Renten in den alten Bundesländern im Durchschnitt um jährlich 1,78 (in den neuen Bundesländern: sogar um 5,07) Prozent, in den vergangenen zehn Jahren betrug das Plus im Westen jährlich 2,22 und im Osten 3,18 Prozent. Andrea Habermann käme mit 67 bei einem regelmäßigen Aufschlag von einem Prozent auf eine Monatsrente von 980 Euro, bei plus zwei Prozent wären es immerhin 1110 Euro.

Beim Blick in seine Renteninfo sollte man sich jedoch bewusst sein, dass hier mit dem Idealfall gerechnet wird. Wer nicht bis zu seinem regulären Renteneintrittsalter arbeitet und sich etwa schon mit 63 oder 64 aus dem Berufsleben verabschiedet, muss Abschläge von seinem Altersgeld in Kauf nehmen. Außerdem wird angenommen, dass der Versicherte "Beiträge wie im Durchschnitt der letzten fünf Kalenderjahre" weiterzahlt. Das kann zutreffen, es kann aber auch anders kommen: Wer an Gehalt einbüßt oder gar arbeitslos wird, sieht in seiner Renteninfo bald, dass die voraussichtlichen Altersbezüge viel niedriger als zunächst errechnet ausfallen.

Der Verbraucherschützer warnt vor Zahlenspielen, die nur Panik auslösen sollen

Auf einen Blick

Schweden hat es längst, Deutschland noch lange nicht: Bislang gibt es keine Plattform, die den Bürgern einen Überblick über ihre gesamten voraussichtlichen Alterseinkünfte gibt - von der Betriebsrente, Lebensversicherungen über die staatlich geförderte Riester-Rente bis zur gesetzlichen Versorgung, am besten online mit ein paar Klicks. Die Bundesregierung hat sich dies im Koalitionsvertrag vorgenommen, und Experten reden über eine Lösung. Ein digitales Rentenkonto, das alle Säulen der Alterssicherung abdeckt, gilt aber als schwierig umzusetzen, da nicht nur die Deutsche Rentenversicherung (DRV), sondern viele Anbieter wie berufsständische Versorgungswerke, Versicherer oder Pensionskassen Daten zur Verfügung stellen müssten. Die DRV wünscht sich so ein Modell. Dabei müsse "die gemeinsame Vorsorgeinformation mindestens den Standards genügen, die der Gesetzgeber für die Renteninformation der gesetzlichen Rentenversicherung festgelegt hat", heißt es in einer Stellungnahme. Nur so sei "die gemeinsame Vorsorgeinformation für die individuelle Vorsorgeplanung der Versicherten sinnvoll nutzbar". Thomas Öchsner

In der Renteninfo lässt sich außerdem noch ein anderer wichtiger Hinweis finden: "Bei der ergänzenden Altersvorsorge sollten Sie - wie bei Ihrer zu erwartenden Rente - den Kaufkraftverlust beachten." Der Anstieg der Lebenshaltungskosten kann also die Kaufkraft des zu erwartenden Alterseinkommens verringern - ein Hinweis, den Lebensversicherer in ihren jährlichen Mitteilungen an ihre Kunden erst gar nicht machen. Im vergangenen Jahrzehnt war dies recht häufig der Fall: Von 2001 bis 2010 stiegen nach Angaben der Bundesregierung die Preise um durchschnittlich 1,36 Prozent. Im gleichen Zeitraum wurden die gesetzlichen Altersbezüge um 0,82 Prozent pro Jahr erhöht. Werden die Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung berücksichtigt, die die Rentner zu zahlen haben, betrug das Plus lediglich 0,56 Prozent jährlich. In diesem Jahrzehnt sieht es deutlich besser aus: Die Renten stiegen deutlich stärker als die Inflationsrate, die zuletzt bei 1,2 Prozent lag.

Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, sagt: "Leider weiß man nicht, was man sich in Zukunft für seine Rente kaufen kann." Es hänge davon ab, wie sich Inflation und Renten entwickelten.

Er warnt aber vor Milchmädchenrechnungen, die bei den Versicherten nur Panik auslösen sollen. "Es ist nicht seriös, wenn Finanzberater unter Annahme von bestimmten Inflationsraten ihren Kunden vorrechnen, welche riesigen Versorgungslücken sie haben, ohne zu berücksichtigen, dass die Renten ja auch steigen." Tatsächlich würden bei einer zunehmenden Inflation normalerweise Löhne und damit auch die Renten steigen.

© SZ vom 08.10.2019
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