Rentenstatistik 47 statt 45 Jahre

Das Rentenniveau sinkt. Etwas dagegen zu tun, wird teuer.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Weil die Renten nicht mit der Lohnentwicklung mithalten, wird das Rentenniveau in Deutschland sinken. Wirtschaftsnahe Experten fordern nun eine neue Berechnung.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Der nächste Bundestagswahlkampf wird voraussichtlich auch ein Kampf um die Rente. Dabei geht es auch um das Rentenniveau, das das Verhältnis der Rente zum Lohn eines langjährigen Durchschnittsverdieners ausdrückt. Gerechnet wird dabei immer mit einem Standardrentner, der 45 Jahre stets den jeweiligen Durchschnittslohn (derzeit 3022 Euro im Westen) verdient und entsprechend Beiträge gezahlt hat. Dieses Rentenniveau wird sinken, weil die Renten weniger stark steigen als die Löhne. Derzeit liegt es noch bei knapp 48 Prozent des Durchschnittslohns. 2045 könnten es nach Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums nur noch 41,7 Prozent sein. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) fordert deshalb eine neue "Haltelinie". Doch wo soll die liegen? Und wie wird sie finanziert?

Nun mehren sich die Stimmen, die den Standardrentner für die Berechnung des Rentenniveaus länger arbeiten lassen wollen. Wird hier mit 47 anstatt 45 Jahren kalkuliert, wäre das Rentenniveau höher. Der Sozialforscher Jochen Steffen spricht deshalb bereits von einer "rechnerischen Aufhübschung des Rentenniveaus". Er vergleicht dies gar mit der "Schummelsoftware" in der Diesel-Abgasaffäre.

Bis 2030 darf das Rentenniveau nicht unter 43 Prozent fallen. So ist es gesetzlich vorgeschrieben. Diskutiert wird nun über eine Haltelinie über das Jahr 203o hinaus. Egal, wie hoch diese ausfällt, das kostet Geld. Das Rentenniveau auf den Ist-Stand einzufrieren, würde langfristig sogar 40 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Die Beiträge zur Rentenversicherung von derzeit 18,7 Prozent müssten dann bis 2045 auf gut 26 Prozent steigen, um die zusätzlichen Ausgaben finanzieren zu können.

Solche rasant wachsenden Beiträge für Arbeitnehmer und Lohnnebenkosten für Arbeitgeber sind aber politisch unerwünscht. Da könnte der Kunstgriff bei der Berechnung des Rentenniveaus schon helfen: Einer der Vorreiter ist hier die Bundesbank. In ihrem Monatsbericht für August rechnet sie schon mal vor: Würde die Bundesregierung die Phase, in der in die Rentenversicherung und in eine Riester-Rente eingezahlt wird, von 45 auf 47 Jahre verlängern, ließe sich so das Gesamtversorgungsniveau um zwei Prozentpunkte steigern. Mit 45 Jahren zu rechnen, hält die Bundesbank für überholt. Schließlich sei das gesetzliche Rentenalter ja auch um zwei Jahre auf 67 Jahre angehoben worden.

Genauso sieht es das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Mit zwei zusätzlichen Beitragsjahren würde das Rentenniveau 2030 nicht bei 44,6, sondern bei 46,6 Prozent liegen. Dadurch ließen sich "zwei Drittel der drohenden Versorgungslücke schließen", so das IW. Das Institut argumentiert mit der gestiegenen Lebensarbeitszeit. Die Zahl der Versicherungsjahre in der Rentenversicherung sei bei Männern von 2005 bis 2014 um 2,1 Prozent und bei Frauen um 2,9 Jahre gestiegen. "Das lässt für die Zukunft hoffen." Auch die Wirtschaftsweisen liebäugeln mit den 47 Beitragsjahren. Sie sprechen vom "dynamisierten Standardrentner" und stellten in ihrem neuen Jahresgutachten soeben fest: "Ein Teil der Rentenlücke kann also bereits durch eine Verlängerung der Erwerbsphase geschlossen werden." Ähnliche Überlegungen gibt es in der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Dort wird daran erinnert, dass viele junge Bürger ein Jahr früher Abitur machen, auch wegen des Wegfalls des Wehrdiensts früher studieren und folglich so auch auf eine längere Lebensarbeitszeit kommen können.

Derzeit ist der durchschnittliche Arbeitnehmer allerdings von den 45 Beitragsjahren und erst recht von 47 Beitragsjahren noch weit entfernt. Dem neuen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung zufolge kamen Männer Ende 2015 im Durchschnitt auf 41,5 Jahre, in denen sie Rentenansprüche erworben haben. Bei Frauen sind es sogar nur 30,8 Jahre. Die Gewerkschaften halten daher gar nichts davon, an den 45 Beitragsjahren herum zu operieren.

Die IG Metall schlägt sogar vor, die Standardrente nach 43 Versicherungsjahren zu berechnen. Diese stellten den tatsächlichen "Durchschnitt einer normalen Vollzeiterwerbsbiografie" dar, sagt IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. Alexander Gunkel, der die BDA im Bundesvorstand der Deutschen Rentenversicherung vertritt, weist aber darauf hin, dass beim Standardrentner sowohl die Verdienste von Vollzeit- als auch von Teilzeitbeschäftigten berücksichtigt werden.

So oder so, die Diskussion ums Rentenniveau wird weitergehen. Sozialforscher Steffen jedenfalls warnt davor, an den 45 Beitragsjahren zu drehen und längere Versichertenzeiten zugrunde zulegen. "Denn dann könnte das Rentenniveau auch steigen, wenn die Renten schwächer zulegen als die Löhne - ein offensichtlich unsinniges Ergebnis."