AltersvorsorgeZusammen sind wir superreich

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Collage: sted/SZ, Fotos: imago

Altersvorsorgedepot, Kapitaldeckung – 2026 ist das Jahr der Rentenreformen. Was die Politik dabei von Space-X und Spotify lernen könnte.

Essay von Gunnar Herrmann

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Wer für das Alter vorsorgen will, muss Aktien kaufen. Diesem Rat kann sich seit Jahren kaum jemand entziehen. In der vergangenen Woche ist er endlich dorthin vorgedrungen, wo er den meisten Nutzen entfalten kann: in die gesetzliche Rentenversicherung. Die soll, so empfiehlt es die Alterssicherungskommission, künftig auch Geld an der Börse anlegen. Diesmal sieht es so aus, als könnte der Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden – geradezu bahnbrechend in einem Land, dessen Bürger immer als „Aktienmuffel“ geschmäht wurden.

Diese Bezeichnung stimmt eigentlich nicht mehr. Jeder fünfte Deutsche legt mittlerweile Geld in Aktien oder Fonds an, der ETF-Boom der vergangenen Jahre hat Millionen dazu gebracht, regelmäßig ins Depot zu sparen. Im Europavergleich ist die Aktienquote nicht spitze, aber immerhin Mittelfeld. Der größte und hartnäckigste Aktienmuffel des Kontinents ist immer noch der deutsche Staat, mit seiner gesetzlichen Rentenversicherung, die rein über das Umlageverfahren finanziert wird. Das zu ändern, ist überfällig. Hoffentlich wird der Vorstoß nicht wieder zerredet.

Es gab in diesem Land schon zu viele fruchtlose Debatten. Vielleicht ließe sich stattdessen endlich ein vernünftiges Verhältnis finden zwischen Börse und europäischem Sozialstaat. Eine Beziehung, in der Finanzmärkte ganz praktisch als das betrachtet werden, was sie sind: Werkzeuge, mit denen sich Risiko und Rendite verteilen lassen.

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Risiko ist ein Wort, das man in Deutschland im Zusammenhang mit der Rente nicht so gerne hört. Rendite klingt schon besser. Beides gehört an Kapitalmärkten aber zusammen. Es ist als einer der wenigen Grundsätze in der Finanzwissenschaft unstrittig: Je höher die Aussicht auf Rendite, desto größer ist das Risiko. Gewinne durch Zinsen oder steigende Aktienkurse sind eine Belohnung für jene, die etwas wagen. Schließlich würden nur Dummköpfe ihr Vermögen ohne Aussicht auf Belohnung aufs Spiel setzen – dann könnte man das Geld auch unters Kopfkissen legen, oder? Nun, die Kopfkissenlösung ist bekanntermaßen wegen der Inflation auch nicht risikofrei, dafür aber garantiert renditelos. Sie ist, um es nett zu sagen, nicht besonders klug, wenn man langfristig sparen möchte.

Generationen von insbesondere liberalen und konservativen Politikern haben deshalb versucht, die sparfreudigen, aber risikoscheuen Deutschen zum Investieren zu überreden. Gerne mit Blick auf die USA, Sehnsuchtsland aller Aktienfans, wo viel mehr Bürger ihr Geld an die Börse bringen als hierzulande. Die USA allerdings setzen bei der Daseinsvorsorge stark auf Eigeninitiative. Eine gesetzliche Rente in unserem Sinne gibt es nicht. Das ist ein grundlegender Unterschied zu europäischen Sozialstaaten. In den USA müssen die Menschen sich überwiegend selbst um ihre Altersvorsorge kümmern. Das ist aber nicht unbedingt ein Vorteil, auch nicht am Kapitalmarkt.

Üppige Förderung für die Do-it-yourself-Rente

Prinzipiell ist natürlich nichts einzuwenden gegen die Empfehlung, dass Menschen privat vorsorgen und investieren sollen. Wer das tut, macht vieles richtig. Aber ein Rentensystem wie das deutsche lässt sich auf diese Weise nicht sanieren. Auch wenn Anfang des Jahres bei der Präsentation des neuen Altersvorsorgedepots – früher bekannt als Riester-Rente – von manchen Politikern dieser Eindruck vermittelt wurde. Sie wirkten dabei ein bisschen wie Immobilienbesitzer, die ein altehrwürdiges Haus renovieren müssen. Und die dann Baumarktgutscheine an die Mieter verteilen. Die eine oder andere Wohnung kann man so bestimmt aufhübschen, aber es wird bei handwerklich weniger begabten Mietern auch zu Rohrbrüchen und anderen Unfällen kommen. Und viele werden ihre Gutscheine verfallen lassen, weil sie Heimwerker schon immer doof fanden.

Ähnlich wird es wohl beim neuen Altersvorsorgedepot laufen, mit dem der Staat von Januar an eine sehr üppige Förderung für eine Do-it-yourself-Rente verspricht. Wer heute nichts spart, vielleicht weil er nichts übrig hat, hat auch künftig nichts – denn die Förderung gibt es nur mit Eigeninitiative. Wer bereits erfolgreich spart, kann das im neuen System noch erfolgreicher tun. Und wer heute sein Geld ungeschickt mit hohen Gebühren investiert, kann künftig auch noch Fördergeld verschwenden statt nur sein eigenes. „Es fehlt halt die Finanzbildung“, wird auf solche Kritik häufig entgegnet. Aber das ist eigentlich nur eine andere Formulierung für: Wer im Alter arm ist, ist selbst schuld.

Ob eine tiefere Beschäftigung der Bürger mit den Aktienmärkten zu einer Lösung des Rentenproblems führen kann, ist generell fraglich. Erkenntnisse der neueren Verhaltensforschung deuten stark darauf hin, dass auch geübte Anleger sich einfach nicht rational verhalten und Fehler machen. Als Beleg dafür kann man den Hype um den Börsengang der Firma Space-X sehen. Scharen von Privatanlegern investierten in den vergangenen Wochen in diese Weltraumfirma, obwohl sie – wenn man sich die Geschäftszahlen ansieht – stark überbewertet war und noch dazu ein recht vages Geschäftsmodell und eine, vorsichtig ausgedrückt, schillernde Unternehmensführung hat. Mit anderen Worten: Die Anleger gingen voll ins Risiko, bei sehr unklaren Renditeaussichten. Nach einem ersten Höhenflug ging der Kurs dann wieder steil nach unten.

Auch in Deutschland war Space-X in der Woche nach dem Börsengang eines der meistgehandelten Wertpapiere. Und gehandelt haben vermutlich überwiegend Menschen, die finanziell gebildet sind oder es zu sein glauben, weil sie wissen, wie man eine Aktie kauft. Die Lehre aus Space-X: Wer hofft, die Schwarmintelligenz von Privatanlegern könne das Rentensystem retten, sollte besser seine Erwartungen dämpfen.

Einen ähnlichen Schluss legt auch das schwedische Pensionssystem nahe, Vorbild für die Kapitaldeckung der deutschen Rente. In Schweden fließt der Aktienanteil der gesetzlichen Rente in den mittlerweile auch hierzulande berühmten staatlichen AP7-Fonds – es sei denn, der Beitragszahler wählt aktiv ein privatwirtschaftliches Produkt aus einer Liste von mehr als 300 weiteren Fonds aus. So eine Wahlfreiheit wünscht sich auch die hiesige Finanzindustrie. Dabei ist das wohl der schwächste Teil des schwedischen Vorbilds: Untersuchungen zeigen, dass Schweden, die private Produkte für ihre gesetzliche Rente gewählt haben, in mehr als 80 Prozent der Fälle schlechtere Renditen erzielen als jene, die nichts tun und ihre Beiträge automatisch in den AP7-Fonds einzahlen.

Eine kollektive, staatliche Lösung, bei der eine große Rentenkasse das Vermögen der Versicherten professionell verwaltet, kann am Kapitalmarkt eben effizienter agieren als Millionen Laien. So einen Staatsfonds wie in Schweden soll es nun also auch in Deutschland geben. Dass es so lange gedauert hat, liegt unter anderem am Unbehagen, mit dem insbesondere linke Politiker der Vermischung von Rente und Kapitalinvestitionen begegnen. Ihre Sorge um die Risiken ist durchaus ernst zu nehmen. Ist es wirklich richtig, einen Teil der gesetzlich vorgeschriebenen Altersvorsorge am Aktienmarkt der Gefahr von Verlusten auszusetzen? Hätten die deutschen Rentenreformer bei ihren Exkursionen zum AP7-Fonds in Stockholm etwas mehr Zeit gehabt, hätten sie entdecken können: Es kann sogar richtig sein, die Rentengelder in Investments jenseits der Börse mit noch weit höheren Risiken zu stecken.

Die wirklich guten Investments stehen meist nur reichen Menschen offen

Ein Beispiel dafür liefert das schwedische Start-up Spotify, das die meisten Menschen von ihren Handys kennen. Als der Musikdienstleister am 3. April 2018 in New York an die Börse ging, verlief das unspektakulär. Es läutete keine Glocke an der Wall Street. Dafür klingelte es in der schwedischen Pensionskasse, und zwar ziemlich laut. Der AP6-Fonds hatte frühzeitig in das junge Unternehmen investiert und konnte an dem Börsengang Milliarden für die Rentner verdienen. AP6 war ein sogenannter Pufferfonds, von denen es in Schweden mehrere gibt. Pufferfonds gehören, anders als der hierzulande berühmte AP7, nicht zur „Aktienrente“. Sie sichern die „Basisrente“, die den Großteil der gesetzlichen Rente ausmacht, gegen langfristige Schwankungen ab. Kapitaldeckung wird dabei kombiniert mit dem Umlageverfahren, das man von der deutschen Rentenversicherung her kennt.

Einige der Pufferfonds dürfen einen Teil ihrer Vermögen auch in hochriskante Anlagen an den Privatmärkten stecken, also in nicht börsennotierte Unternehmen. Solche Anlagen können sehr lohnend sein. Aber die wirklich guten Investments stehen meist nur reichen Menschen offen. Erstens weil sie von den Beteiligungsfirmen bevorzugt gefragt und oft nur große Anlagesummen akzeptiert werden – wer möchte sich schon mit Tausenden Privatkunden herumschlagen, wenn er seine Investition auch mit ein paar Superreichen finanzieren kann? Zweitens weil man für die hochriskanten Geschäfte einen langen Atem braucht, und den haben Privatanleger oft nicht – irgendwann geht das Auto kaputt oder die Hypothek wird fällig, und dann muss man an sein Geld.

Dass hochriskante, dafür potenziell hochprofitable Investments vor allem für Großanleger verfügbar sind, erklärt unter anderem, warum reiche Menschen ihre Vermögen oft schneller vergrößern als andere. Die gleichen Renditechancen wie Superreiche können Normalbürger nur erzielen, wenn sie sich zusammenschließen und Risiken aufteilen. Das schwedische Rentensystem steckt sein Kapital natürlich auch in sichere Anlagen wie Anleihen und hat durch das Umlageverfahren solide Grundeinnahmen. Wie ein Milliardär ist es abgesichert – und kann sich darum hohe Risiken bei einem Teil der Investitionen leisten. Anders gesagt: Zusammen sind wir auch superreich. Dieser Gedanke passt wunderbar zum kollektiven Ansatz eines europäischen Sozialstaats. Das ist die Lehre aus dem Erfolg der schwedischen Rentenkasse beim Spotify-Börsengang.

Und man erkennt auch einen schönen Nebeneffekt der kapitalgedeckten Rente: Sie ist sicher nicht der einzige Grund dafür, dass die Start-up-Szene in Nordeuropa als besonders erfolgreich gilt und Schweden manchmal als „Land der Einhörner“ verklärt wird. Aber wenn Pensionskassen ihr Geld in Unternehmen investieren, hilft das der Wirtschaft insgesamt. Schweden hat etwas weniger Einwohner als Baden-Württemberg. Was würde es wohl für Deutschland und Europa bedeuten, wenn die Deutsche Rentenversicherung, der alte Aktienmuffel, einen Teil der Beiträge von fast 60 Millionen Versicherten in eine solide Kapitaldeckung investiert? Der nun vorgeschlagene Aktienanteil ist eine gute Idee, das Altersvorsorgedepot eine nette Ergänzung. Aber die Reformen von 2026 sollten nur ein erster Schritt sein.

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