Süddeutsche Zeitung

Altersvorsorge:Große Rentenlücke trifft Millionen Deutsche

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Von Alexander Hagelüken, München

Auf Millionen Deutsche kommen im Alter große Einschränkungen zu. Die Hälfte der 55- bis 64-jährigen Arbeitnehmer wird nicht genug Rente erhalten, um ihren aktuellen Konsum inklusive Wohnen zu finanzieren. Ihnen fehlen im Schnitt 700 Euro im Monat, so eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Ergebnisse könnten die aktuelle Kontroverse in der Bundesregierung verschärfen, bei der die SPD verhindern will, dass das Rentenniveau bis 2040 weiter sinkt.

Die Studie zeigt, wie vielen Deutschen im Ruhestand Geld fehlen wird. Überdurchschnittlich oft wird es Singles, Un- und Angelernte, Selbständige ohne Mitarbeiter und generell Frauen treffen. Ohne politische Veränderungen sinkt das Rentenniveau von heute 48 innerhalb der nächsten 25 Jahre auf 42 Prozent. Das bedeutet nicht, dass die ausgezahlten Renten schrumpfen, sie dürften weiter steigen. Das Rentenniveau sagt aus, wie hoch die Altersbezüge eines langjährigen Durchschnittsverdieners im Vergleich zum Durchschnittslohn sind - also wie Senioren am steigenden Wohlstand teilhaben.

Die SPD will ein niedrigeres Rentenniveau dauerhaft verhindern, was deutlich höhere Rentenbeiträge und Steuern bedeuten würde. Nach manchen Berechnungen müsste der Beitrag, den Arbeitnehmer in die Rentenkasse zahlen, von heute unter 19 auf fast 30 Prozent steigen. Die Union zeigt sich skeptisch. Eine Alternative zu deutlich höheren Beiträgen und Steuern wäre, das Ruhestandsalter zu erhöhen. Das lehnen SPD und Union bisher strikt ab.

Die DIW-Forscher sprechen sich dafür aus, die Höhe der Altersbezüge zu stabilisieren. "Die Akzeptanz für das Alterssystem wird leiden, wenn das Rentenniveau weiter sinkt und ein Mindestlöhner keine höheren Altersbezüge bekommt als jemand, der gar nicht gearbeitet hat", warnt Markus Grabka, einer der Autoren der Studie, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde.

Die Forscher legen die Schwächen der privaten Altersvorsorge bloß, die nach politischem Willen Rentenkürzungen wettmachen soll. Rechnet man private Versicherungen inklusive Riester- und Rürup-Verträge ein, haben statt 50 immer noch 48 Prozent der 55- bis 64-Jährigen eine Versorgungslücke.

Erst wenn die Ruheständler ihr gesamtes Vermögen heranziehen, verändert sich das Bild. Besitz ist aber in der Bundesrepublik nach anderen Studien weit ungleicher verteilt als in den meisten anderen Industriestaaten. Die zehn Prozent Bestverdiener nahe dem Ruhestand besitzen im Schnitt mehr als 400 000 Euro, die ärmere Hälfte höchstens 100 000 Euro. Selbst wenn er sein Vermögen ausgibt, kann jeder Vierte den aktuellen Lebensstandard im Alter nicht mal fünf Jahre bestreiten.

Die Autoren rechnen sowohl Ansprüche aus gesetzlicher als auch aus betrieblicher Rente ein. Unter denen, die nur eine gesetzliche Rente bekommen, können sogar fast zwei Drittel ihren Lebensstandard nicht weiter bezahlen. Viele Geringverdiener oder prekär Beschäftigte werden im Ruhestand keine Betriebsrente bekommen. Bei Beamten haben nur 13 Prozent eine Versorgungslücke. "Das Niveau der Pensionen ist überdurchschnittlich", erläutert die Forscherin Anita Tiefensee.

Die Wissenschaftler wollen nicht nur das Rentenniveau stabilisieren. Sie raten auch dazu, Geringverdienern höhere Altersbezüge zu geben. Gutverdiener sollen auf ihr ganzes Gehalt Beiträge zahlen statt wie bisher nur bis zu einer Grenze von knapp 7000 Euro. Die Bundesregierung plant eine höhere Grundrente für langjährig Beschäftigte mit wenig Einkommen.

Die Autoren fordern außerdem wie zahlreiche Verbraucherschützer Reformen der privaten Vorsorge. Insgesamt haben derzeit etwa 35 Millionen Arbeitnehmer Anspruch auf staatliche Zuschüsse etwa für Riester-Verträge. Laut anderen Studien spart aber nur jeder fünfte genug an, um im Alter den Lebensstandard zu halten. Hohe Gebühren der Versicherer und niedrige Zinsen führen zu geringen Renditen.

Kommen Rentner mit weniger Geld aus? Nein, sagen die DIW-Forscher

Dorothea Mohn von der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert daher günstige Standardprodukte. Außerdem wirbt sie für staatlich kontrollierte Vorsorgefonds nach schwedischem Vorbild. "Die Deutschen könnten damit eine doppelt so hohe private Rente erzielen wie bei vielen bisherigen Riester-Produkten", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Auch andere Untersuchungen ermittelten bereits Versorgungslücken der Deutschen. So rechnet Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg vor, 50- bis 64-Jährige erhielten im Schnitt knapp zwei Drittel des letzten Bruttoeinkommens als Rente - 20- bis 35-Jährige dagegen weniger als 40 Prozent.

Die DIW-Studie zeigt nun erstmals anhand des tatsächlichen Lebensstandards, wie viel Geld im Alter fehlen wird. Die Forscher weisen die gängige Sichtweise zurück, wonach man im Ruhestand mit weniger auskommt, weil etwa Ausgaben für das Pendeln zur Arbeit wegfallen. Sie argumentieren, dass Ältere mehr für Krankheit und Pflege ausgeben müssen.

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SZ vom 12.09.2018
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