Eine journalistische Offenlegung als Erstes: Der Autor dieser Zeilen ist Jahrgang 1979, mithin kein Boomer. Mit diesem Wort bezeichnet man in Deutschland jene Menschen, die zwischen 1946 und 1964 geboren sind. Es ist inzwischen en vogue, diese Generation für alle möglichen Fehlentwicklungen im Land verantwortlich zu machen, zum Beispiel für den angeblich desolaten Zustand des Rentensystems.
Zuletzt hat sich der Ökonom Marcel Fratzscher in der Disziplin des Boomer-Bashings versucht. Diese müssten endlich „Verantwortung für ihr Handeln übernehmen“, sagt der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kurz DIW. Er schlägt einen „Boomer-Soli“ vor: Die reichsten 20 bis 30 Prozent der älteren Generation sollten verzichten, etwa, indem ihre Renten langsamer steigen. Das würde dann den Jüngeren zugutekommen, die weniger Beiträge zahlen müssen.
Fratzscher ist Jahrgang 1971, zählt sich aber ideell zur Boomer-Generation, wie er im SZ-Interview sagt. Seine Forderung ist also auch ein Stück Selbstanklage, aber das macht sie nicht sinnvoller. Denn der Ökonom fällt hier auf einen politischen Trick herein, der nicht nur die jetzige Rentendebatte prägt, sondern auch jene Anfang der 2000er-Jahre, als die Riester-Rente erfunden wurde, die heute von der Mehrheit der Experten als gigantischer Flop betrachtet wird.
Das Rentenniveau ist in Deutschland ohnehin sehr niedrig
Argumentiert wird heute wie damals so: Die Älteren leben auf Kosten der Jüngeren, verweigern sich Reformen, genießen ihre üppige Rente und touren mit dem Wohnmobil durch Länder, in denen man auch im Dezember T-Shirt tragen kann. Um wieder Generationengerechtigkeit walten zu lassen und die Zukunft des Systems zu sichern, seien Einschnitte unvermeidlich. „Wir werden Leistungen des Staates kürzen“, sagte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003 im Bundestag. Und ähnlich klingt heute Friedrich Merz, der sagt, der Sozialstaat sei in seiner heutigen Form „nicht mehr finanzierbar“.
Aber: Die Boomer, die Rentner, die ältere Generation gibt es nicht. Das zu glauben, ist der erste Irrtum. Man kann nicht vom Geburtsjahr auf den ökonomischen Status schließen. Ein Ingenieur, der 40 Jahre in der Autoindustrie gearbeitet und sein Haus abbezahlt hat, kann in der Rente etwas abgeben. Die alleinerziehende geschiedene Mutter, die jahrzehntelang in Minijobs zugebracht und von ihrem Ex-Mann nie Unterhalt gesehen hat, kann das eher nicht. Die Rede von der Generationengerechtigkeit deckt andere Ungerechtigkeiten zu, die man politisch angehen müsste, etwa indem man große Vermögen oder Erbschaften stärker besteuert.
Irrtum Nummer zwei: Die Renten in Deutschland sind zu großzügig. Verglichen mit Österreich oder den Niederlanden ist das Rentenniveau hierzulande niedrig – zu niedrig, um im Alter den Lebensstandard zu sichern. Etwa 1350 Euro netto monatlich bekamen Männer im Jahr 2023 an Rente ausgezahlt, bei Frauen waren es sogar nur 900 Euro. Ja, das sind Durchschnittswerte, viele Ältere haben Eigentum oder Ersparnisse und sind nicht automatisch arm, wenn sie eine Mini-Rente beziehen. Dennoch gilt: Wer bei dieser Leistungshöhe weiter kürzen will, befeuert die Abstiegsangst der Mittelschicht, und es sollte sich herumgesprochen haben, dass diese Angst zumindest einer der Gründe für das Erstarken der Rechtspopulisten ist.
Irrtum Nummer drei: Es gibt keine guten Reformideen für das Rentensystem. Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausbauen, mehr Frauen in Vollzeitstellen bringen und so höhere Beitragszahlungen generieren, das wäre eine. Eine Aktienrente etablieren, die mehr ist als nur Kosmetik, das wäre eine andere. Das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln, wie es oft vorgeschlagen wird, geht auch, aber vielleicht ist es politisch leichter durchzusetzen, Menschen künftig an ihrem 67. Geburtstag nicht mehr automatisch in Rente zu schicken, sondern nur, wenn sie das explizit so wünschen.
Denjenigen schließlich, die sich auf die Boomer eingeschossen haben, sei außerdem noch gesagt: Kürzungen, die jetzt beschlossen werden, treffen ohnehin nicht diese, sondern die nachfolgenden Generationen X, Y und Z.

