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Rente:Absturz in die Armut

Jeden Euro einzeln umdrehen - das ist für viele Senioren Alltag. Zwar ist der Anteil bedürftiger Rentner noch vergleichsweise gering, zeigt die aktuelle Statistik. Er wird aber absehbar steigen, sagen Experten.

(Foto: Catherina Hess)

Immer mehr alte Menschen sind auf Hilfe vom Staat angewiesen. Das sagt ganz offiziell das Statistische Bundesamt. Deshalb schlagen Sozialverbände Alarm.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Armut im Alter ist in Deutschland "kein Massenphänomen". Das sagte der Präsident der Deutschen Rentenversicherung, Axel Reimann, in einem SZ-Interview. Aber er ist überzeugt, dass die Zahl derjenigen, die von ihrer Rente oder anderen Einkünften im Ruhestand nicht leben können, steigen wird. Für besonders gefährdet hält Reimann Solo-Selbständige ohne ausreichende Altersvorsorge, Langzeitarbeitslose ohne eigene Rentenbeiträge und "die Millionen Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich", die in Zukunft mit ihren Beiträgen notgedrungen nur geringe Rentenansprüche erwerben könnten.

Doch schon jetzt steigt die Zahl der armen Alten Jahr für Jahr. Dieser Negativ-Trend wird nun erneut durch Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigt. Danach bezogen im Dezember 2015 536 000 Menschen mit mindestens 65 Jahren die staatliche Grundsicherung im Alter, sozusagen das Hartz IV für Senioren. Das sind etwa 24 000 oder 4,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2003 hat sich damit die Zahl der Empfänger mehr als verdoppelt, wobei deutlich mehr Frauen als Männer auf die Hilfe angewiesen sind. Die Grundsicherung, mit der der Lebensunterhalt, die Miete und der Krankenversicherungsbeitrag bezahlt wird, beläuft sich derzeit auf 773 Euro monatlich. Je nach Wohnkosten gibt es große Unterschiede. In Regionen wie Brandenburg oder Sachsen-Anhalt liegt die Grundsicherung bei unter 700 Euro, in teuren Gegenden wie München oder Düsseldorf bei gut 900 Euro.

Noch ist die Zahl der Armen unter allen Rentnern aber gering. 2014 hatte sich die Quote der von Grundsicherung abhängigen Menschen ab 65 Jahren von 2,8 auf 3,0 Prozent erhöht. Für 2015 liegen dafür laut der Wiesbadener Behörde noch keine Zahlen vor. Dass dieser Wert stetig zugelegt hat, dürfte nicht nur auf eine Zunahme der Altersarmut zurückzuführen sein. Das Bundesarbeitsministerium wies bereits in der Vergangenheit darauf hin, dass in den kommenden Jahren die Anzahl der 65-Jährigen und Älteren an der Gesamtbevölkerung steigen wird - und damit auch die Anzahl derjenigen, die Anspruch auf die Grundsicherung im Alter haben.

Viele Menschen beantragen offenbar nicht einmal die Grundsicherung - aus Scham

Diese spezielle staatliche Hilfe gibt es aber nicht nur für Menschen im Rentenalter. Auch Menschen mit einer Erwerbsminderungsrente können davon profitieren. Sie sind meist deutlich jünger und wegen einer Krankheit oder einer Behinderung gar nicht mehr oder nur eingeschränkt arbeitsfähig. Die Rente der knapp 1,8 Millionen Erwerbsminderungsrentner in Deutschland belief sich 2014 im Durchschnitt auf gerade einmal 719 Euro, folglich sind sie besonders stark von Armut bedroht.

Dies belegen auch die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: So waren Ende 2015 bereits 502 000 erwerbsgeminderte Menschen auf diese Form der Grundsicherung angewiesen. Zehn Jahre zuvor waren es noch gut 200 000 weniger.

Insgesamt beziehen damit 1,038 Millionen Personen ab 18 Jahren die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Bundesregierung geht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt und kalkuliert seit Jahren mit höheren Kosten - auch wegen steigender Mieten.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sprach von alarmierenden Zahlen. "Immer mehr Menschen stürzen im Rentenalter direkt in Armut", sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Dachverbands. Er forderte, das Rentenniveau wieder zu stabilisieren: "Ein System, das es zulässt, dass alte Menschen massenhaft zum Sozialamt geschickt werden und wegen zu niedriger Leistungen schließlich bei Lebensmitteltafeln auftauchen, ist eines Sozialstaates nicht würdig." Ähnlich äußerte sich der Chef der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler: "Klar ist, dass das sinkende Rentenniveau einerseits und die Lücken in den Erwerbsbiografien der heute Beschäftigten andererseits zu einem weiteren Anstieg von Altersarmut führen werden."

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher erinnerte daran, dass die Zahlen tatsächlich viel höher sein dürften, da viele die Grundsicherung "aus Scham nicht beantragen, obwohl sie ein Anrecht darauf hätten". Mascher verlangte, die Sätze für die Hilfeleistung zu überprüfen: "Sie orientieren sich am Bedarf eines 30-jährigen, gesunden Mannes und widersprechen der Lebenswirklichkeit von durch Krankheit erwerbsgeminderten oder älteren Menschen."

© SZ vom 20.04.2016
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