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Renault:War was?

Bei der Präsentation der Jahresbilanz ignoriert der neue Renault-Chef Thierry Bolloré den Skandal um seinen Vorgänger Carlos Ghosn, so gut er nur kann.

Von Leo Klimm, Paris

Als Thierry Bolloré darauf zu sprechen kommt, was für Renault die wichtigen Ereignisse des Jahres 2018 waren, sagt er: "Wir waren mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Einige davon hatten wir erwartet. Andere nicht." Dann zählt Bolloré - ein reservierter Monsieur mit Halbglatze und etwas zu weitem Anzug, der seit Januar infolge eines überaus unvorhersehbaren Ereignisses Vorstandschef des Pariser Autoherstellers ist - einige der unerwarteten Probleme auf. Der Einbruch der türkischen Lira gehöre dazu. Oder der des argentinischen Automarkts.

Pardon, war da nicht noch etwas? War 2018 für Renault nicht auch davon gezeichnet, dass Carlos Ghosn, der den Konzern als Chef 14 Jahre lang geprägt hat, plötzlich wegen des Verdachts auf massive Finanzbetrügereien in einem japanischen Gefängnis landete - wo er immer noch in U-Haft sitzt? In der Präsentation der Renault-Jahresbilanz durch Ghosns langjährigen Vertrauten Bolloré jedenfalls kommt der einstige Mentor am Donnerstag nicht vor.

Ganz zum Schluss erzählt er dann doch, wie er den tiefen Fall seines Ziehvaters erlebt hat

Man muss Bolloré schon explizit auf den gefallenen Autoboss ansprechen, damit der neue Konzernlenker sich einen knappen Kommentar abringt: Seine Art, Ghosns Leistung für Renault zu würdigen, bestehe darin, die Unternehmensstrategie fortzusetzen und das Bündnis mit dem japanischen Schwesterkonzern Nissan unumkehrbar zu machen, sagt Bolloré. Weniger diplomatisch ausgedrückt bedeutet das: Der Erhalt der Allianz mit Nissan, die durch den Ghosn-Skandal in eine tiefe Krise gestürzt wurde, ist wichtiger als der Ex-Chef, der seine Unschuld beteuert, weshalb Renault zunächst noch monatelang treu zu ihm stand.

Während Ghosn als Nissan-Chef Bezüge in Höhe von etwa 70 Millionen Euro vor der Börsenaufsicht verschleiert haben soll, verdächtigt man ihn bei Renault bisher nur finanzieller Unregelmäßigkeiten im Umfang von 50 000 Euro. Um sich dennoch maximal zu distanzieren, streicht ihm der französische Hersteller nun plötzlich Ansprüche im Wert von bis zu 30 Millionen Euro. Das ist rechtlich möglich, weil sich der gefallene Manager zuletzt nachweislich nicht im Unternehmen befand. Wie sollte er das auch.

Ghosn ist passé, höchste Priorität hat sein Erbe - also das Bündnis mit Nissan sowie mit dem zweiten japanischen Partner, Mitsubishi. Die Zahlen zeigen, warum: Allein 2018 sparte Renault dank dieser Allianz etwa im Einkauf und in der Produktion 2,4 Milliarden Euro. Die sogenannten Synergieeffekte sind in Zeiten, in denen Autokonzerne Milliarden für sauberere Antriebe und in neue Technologien investieren müssen, sowohl für die Franzosen als auch für die Japaner überlebenswichtig. Eine weiter gehende Verbindung bis hin zur Fusion lehnt Nissan allerdings ab. In bizarren Interviews, die Ghosn aus dem Gefängnis heraus gibt, behauptet der frühere Starmanager sogar, er sei das Opfer einer Verschwörung, mit der seine eigenen Mitarbeiter bei Nissan die Verschmelzung verhindern wollten. Sicher ist: Das japanische Nissan-Management stört sich schon lang am Ungleichgewicht, das im Verhältnis zu Renault herrscht. Obwohl das Unternehmen mit Sitz in Yokohama deutlich mehr Autos verkauft als der Pariser Partner, hält es nur 15 Prozent der Renault-Anteile; die Franzosen besitzen stolze 43 Prozent an Nissan.

Bolloré bemüht sich am Donnerstag, die Spannungen abzubauen. "Die Allianz ist eines unserer wertvollsten Güter", sagt er. Für seine Verhältnisse wird der Manager geradezu schwärmerisch, als er davon erzählt, wie die Unternehmen etwa in Produktionsprozessen voneinander lernen. Seine Diskussionen mit den Kollegen von Nissan konzentrierten sich "vor allem auf das Operative", beteuert er. Auf Fragen zum Kern der französisch-japanischen Malaise, dem Ungleichgewicht zwischen den Konzernen, gibt Bolloré dagegen ausweichende Antworten. Es sei "zu früh, um darüber zu reden." Ganz ähnlich äußert sich der neue Renault-Präsident Jean-Dominique Senard am Donnerstag bei einem Besuch in Japan. Senard hält sich auch zu der Frage bedeckt, ob er den Vorsitz des Nissan-Verwaltungsrats beansprucht. Einer wie Ghosn hätte daran nie einen Zweifel gelassen. Aber der Skandal um ihn hat eben alles noch schwieriger gemacht in dem fragilen Auto-Konglomerat. Dass Nissan jetzt auch noch weniger Geld bei Renault abliefert, macht die Sache nicht leichter.

Der sinkende Ergebnisbeitrag der Japaner ist nämlich der Hauptgrund dafür, dass Bolloré am Donnerstag für 2018 einen Nettogewinn verkünden muss, der mit 3,3 Milliarden Euro um 37 Prozent niedriger ist als im Vorjahr. Die Renault-Rendite lässt auch nach, der Konzernumsatz sinkt um 2,3 Prozent auf 57 Milliarden Euro. Für 2019 zeigt sich Bolloré entsprechend vorsichtig. Es werde "ein Jahr maßvollen Wachstums". Unsichere Zeiten brechen an - und das hat mit Ghosn nichts zu tun.

Erst ganz zum Schluss seine Auftritts lässt sich Bolloré doch darauf ein, kurz davon zu erzählen, wie er den Fall seines Ziehvaters erlebt hat. "Im Unternehmen herrschte Bestürzung", sagt er. "Aber wir sind nicht auf Gefühle fokussiert. Was zählt, ist die Kontinuität des Konzerns."

Und aller Distanzierung zum Trotz ist es ja nicht so, dass Renault vollständig mit Ghosn gebrochen hätte: Seinen Posten als Verwaltungsrat hat er noch immer inne. Auch, wenn er sich bis auf Weiteres nachweislich nicht im Unternehmen befindet.

© SZ vom 15.02.2019

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