Was den Job einer Wirtschaftsministerin manchmal lästig mache, hat Katherina Reiche (CDU) mal gesagt, seien die Marktreaktionen. Jedes Wort zu viel könne die Märkte im Nu ausschlagen lassen. Da sage Reiche im Zweifel lieber ein Wort weniger. Es sei denn, sie will die Märkte beruhigen.
Etwa rund um das Thema Kerosin. Vorige Woche hatte die Internationale Energieagentur vor Engpässen gewarnt, die sich binnen sechs Wochen in mehreren Ländern Europas auftun könnten. Schließlich seien bislang drei Viertel des nötigen Öls vom Persischen Golf gekommen. Wer daraufhin nüchtern in den Kalender blickte, landete im Juni, kurz vor Beginn der Sommerferien. Das kann schon mal die Vorfreude trüben.
Doch Reiche warnt vor Alarmismus und lässt zur Entwarnung keine Gelegenheit aus. „Derzeit ist die Kerosinversorgung am Standort Deutschland gesichert“, sagt die Energieministerin jedem, der es hören will. „Aber natürlich beobachten wir nachdrücklich die weltweiten Marktentwicklungen und eventuelle künftige Auswirkungen auf Deutschland und Europa.“ Im Übrigen gebe es noch genügend Reserven, die Raffinerien anzapfen könnten, wenn sich Engpässe auftun. „Wir sind in der Lage, bei eventuell auftretenden Problemen nachzusteuern“, sagt Reiche. So wie der Energiekonzern OMV, der am Montag 56 000 Tonnen aus der österreichischen Ölreserve erwarb, wie das Wirtschaftsministerium in Wien mitteilte. Auch Deutschland hatte Teile seiner Reserven dem Markt geöffnet, darunter auch Kerosin. Übermäßig nachgefragt worden sei das nicht, sagt Reiche. Zumal der Stoff, der bei rund 200 Grad Celsius gewonnen wird, auch in deutschen Raffinerien hergestellt werde.
Derzeit hat der Erdölbevorratungsverband, der die staatliche Reserve verwaltet, nach Zahlen des Ministeriums rund eine Million Tonnen an Kerosin gelagert. „Rechnerisch sind selbst bei eventuellen kommenden Knappheiten etwa fünf Monate überbrückbar“, sagt Reiche. Das reicht auch über die Sommerferien in Bayern und Baden-Württemberg hinweg. Physisch dürfte das Problem also erst einmal im Rahmen bleiben. Wäre da nicht der Preis.
„Deutschland steht derzeit nicht vor einem akuten Kerosin-Blackout, aber vor einer ernsthaften Stressprobe“, sagt etwa Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zwar sei die Versorgung stabil, doch die geopolitische Lage treibe die Preise. Und Engpässe beim Kerosin in anderen Ländern Europas werden an den Preisen für den Rohstoff kaum spurlos vorbeigehen. „Reisende müssen sich derzeit eher auf höhere Preise als auf flächendeckende Ausfälle von Flügen einstellen.“
Ungeachtet aller Beschwichtigungen lud das Wirtschaftsministerium die Branche am Montag zum Gespräch. „Wenn die Kerosinversorgung unter Druck gerät, trifft das den Wirtschaftsstandort Deutschland unmittelbar“, warnte danach Joachim Lang, Chef des Luftfahrtverbands BDL. Nötig sei nun ein „koordiniertes Krisenpaket“ auf Ebene der EU und Deutschlands. Die Nato müsse befristet Durchleitungen durch ihr Pipeline-System CEPS ermöglichen; Vorgaben für das Kerosin sollten vorübergehend gelockert werden, damit Flugzeuge auch den amerikanischen Standard Jet 1 tanken können. Und schließlich müssten auch strategische Reserven freigegeben werden, um die Märkte zu entspannen. Wehe nur, diese Reserven sind irgendwann aufgebraucht.

