Regierungsberater Fuest über die Schuldenkrise:"Griechenlands Wirtschaft muss schrumpfen"

Lesezeit: 4 min

Das Euro-Referendum in Griechenland ist vom Tisch. Finanzwissenschaftler Clemens Fuest empfiehlt einer neuen "Regierung der Einheit" in Athen aber dennoch, das Volk zu befragen. Der Berater der Bundesregierung erklärt, warum er einen Kollaps der Eurozone nicht für wahrscheinlich, harte Einschnitte bei den Löhnen in Griechenland aber für unumgänglich hält.

Harald Freiberger

Er zählt zu den Wirtschaftswissenschaftlern, die das Ohr von Finanzminister Wolfgang Schäuble haben: Clemens Fuest, 43, der derzeit an der Universität von Oxford lehrt, ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung; von 2007 bis 2010 war er dessen Vorsitzender. Gesetze wie die Schuldenbremse gehen auf seinen Rat zurück. Mit der SZ sprach er über das griechische Drama.

Tourists walk in front of the Parthenon temple at the archaeological site of the Acropolis hill in Athens

Parthenon-Tempel in Athen. Die griechische Bevölkerung steht vor herben einschnitten ins Sozialsystem - auch unter einer neuen Regierung.

(Foto: REUTERS)

SZ: Herr Fuest, seitdem Griechenlands Präsident Papandreou am Montag ein Referendum angekündigt hat, herrscht an den Finanzmärkten wieder Panik. Schreckensszenarien wie eine Pleite Griechenlands und ein Zusammenbruch des Euro werden immer konkreter. Sind Sie darüber schockiert?

Clemens Fuest: Nein, ich habe schon erwartet, dass es in Griechenland nicht weitergehen konnte wie bisher. Der schwere Weg, der dem Land bevorsteht, lässt sich nicht gehen mit einer Mehrheit von drei Stimmen im Parlament und einer Opposition, die sich gegen den Sparkurs ausspricht.

SZ: Jetzt macht Papandreou einen Rückzieher: Das Referendum ist abgesagt, stattdessen geht er auf die Opposition zu und will eine "Regierung der nationalen Einheit" bilden. Ist das der richtige Weg?

Fuest: Die Folgen eines Referendums wurden in meinen Augen zu sehr dramatisiert. Die Risiken bestanden vor der Ankündigung genauso. Im besten Fall könnte ein Referendum sogar eine befreiende Wirkung haben.

SZ: Wie sieht dieser beste Fall aus?

Fuest: Ein Referendum zusätzlich zu einer Regierung der nationalen Einheit hätte den Vorteil, dass man sich die Unterstützung des Volkes sichern könnte - auch wenn dies das Risiko in sich birgt, dass das Volk den Sparkurs ablehnt. Es muss der Regierung gelingen, der Bevölkerung zu erklären, dass an verschärftem Sparen kein Weg vorbeiführt.

SZ: Aber die Erfahrung des letzten Jahres zeigt, dass die Verschuldung noch stärker steigt, je mehr gespart wird, weil es die Konjunktur abwürgt. Welchen Ausweg gibt es aus diesem Teufelskreis?

Fuest: Die griechische Wirtschaft muss schrumpfen, weil sie nicht in einer vorübergehenden Krise steckt, sondern in einer strukturellen. Der Wohlstand ist nicht so groß, wie man glaubte. Am besten spart man an Stellen, wo es mögliches künftiges Wachstum nicht behindert. Das sind, so hart das für die Bevölkerung ist, staatliche Ausgaben wie Pensionen und Sozialleistungen. Die verkrusteten Wirtschaftsstrukturen müssen aufgebrochen werden, es kann nicht sein, dass sich Taxischeine und Lkw-Lizenzen über Generationen vererben. Nur mehr Wettbewerb schafft langfristig mehr Wachstum. Die Löhne müssen sinken, damit zum Beispiel der griechische Tourismus konkurrenzfähig wird. Gleichzeitig braucht die griechische Wirtschaft aber auch sinnvolle Investitionen in Bereiche wie Infrastruktur, Rechtssicherheit und die Effizienz der Verwaltung, eine Art Marshall-Plan.

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