Süddeutsche Zeitung

Erneuerung gebrauchter Produkte:So gut wie neu

  • Unternehmen spezialisieren sich auf die Runderneuerung von gebrauchten technischen Produkten wie Smartphones.
  • Verbraucher erhoffen sich davon Preisvorteile und weniger Elektroschrott.
  • Händler und Hersteller haben daran wenig Interesse, da sie neu hergestellte Produkte verkaufen wollen.

Von Max Hägler und Michael Kläsgen

Gäbe es mehr Werke wie dieses hier im Silicon Valley von Ostdeutschland, dann würde der Berg von Elektroschrott nicht ganz so rasant wachsen, wie er es leider tut. Im Gewerbegebiet Markendorf in Frankfurt an der Oder checken 120 Mitarbeiter des Onlinehändlers "As good as new" gebrauchte Smartphones, Tablets und Notebooks in knapp 40 standardisierten Schritten. Sie löschen vorhandene Daten mit einer zertifizierten Software, wechseln Akkus und Home-Buttons, ersetzen zersplitterte Displays, säubern die Geräte und prüfen, ob sie einwandfrei funktionieren. Dann verkauft das Unternehmen sie auf der eigenen Website oder dem Online-Marktplatz Refurbed.de. Was sonst Elektroschrott geworden wäre, erhält ein zweites und mitunter sogar drittes Leben.

Refurbed ist der englische Begriff für runderneuert, generalüberholt oder eben: so gut wie neu, as good as new. Dahinter steckt keine neue Idee. Im Grunde ist sie sogar sehr alt. Es geht darum, die Dinge so lange zu nutzen, wie sie gute Dienste erweisen. Aber obwohl gerade technische Produkte immer komplexer werden und jeder das Bild von Altcomputern im städtischen Sperrmüll-Container vor Augen hat: Der Trend zum Neumachen gebrauchter Dinge nimmt zu. Bei Handys, bei Autoteilen, bei Haushaltsgeräten, bei Druckerpatronen.

Ob Server oder Fabrikanlagen, immer mehr Technik wird heutzutage wieder verwendet. Ganz zentral in der Forschung: Was passiert mit den Elektroautos und insbesondere deren Batterien, wenn sie ein paar Jahre gefahren wurden. "Die Weiternutzung von Technik nimmt überall zu", sagt Sebastian Schötz, der am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung in Bayreuth an der Optimierung von Aufarbeitung im Fabrikmaßstab forscht. Unter den Partnern: Autohersteller, Autozulieferer aber auch Hersteller von "weißer Ware" wie etwa Waschmaschinen. "Konsumenten erkennen immer öfter, dass aufgearbeitete Technik ökologische Vorteile hat, aber auch ihnen selbst Geld spart." Oder bringt: Asgoodasnew zahle im Schnitt 300 Euro für ein Handy, sagt Geschäftsführer Daniel Boldin.

Das schlechteste aus ökonomischer und ökologischer Sicht für benutzte technische Geräte: Natürlich der Sperrmüll-Container, dessen Inhalt mitunter in Entwicklungsländern landet. Das Recycling erhält immerhin einige Werte. Teils werden Geräte dazu auseinandergeschraubt und die Teile anderswo verbaut. Teils werden die Geräte geschreddert und dann Rohstoffe wie Gold, Palladium, aber auch Seltene Erden wie Kobalt oder Lithium herausgelöst. Der Rest wird eingeschmolzen - ein Prozess, der viel Energie verbraucht. Das Aufarbeiten, das Refurbishment, ist umweltschonender als das Recycling, haben Fraunhofer-Techniker berechnet.

Die Runderneuerung eines einzigen Smartphones spart laut Fraunhofer 14 Kilo beim Rohstoffabbau ein und 58 Kilo Treibhausgasemissionen. Verlängert sich nun die Nutzungszeit eines Handys um nur um ein Jahr, fand die Umweltorganisation Green Alliance heraus, reduziert sich der ökologische Fußabdruck, also die Belastung für die Umwelt, um 31 Prozent.

Das Aufarbeiten entspricht dem Zeitgeist. Teilen, sharen, nutzen anstatt zu besitzen - das sind die Schlagworte einer gesättigten, aber in Teilen zunehmend ökologisch aufgeklärten Gesellschaft. Dabei steigt die Herausforderung, denn immer schneller drehen sich die Produktzyklen: Smartphones werden durchschnittlich nur noch zwei bis drei Jahre genutzt, ehe sie durch neuere Geräte ersetzt werden. Bei Konsumgütern kommen die Aufbereiter deshalb gar nicht hinterher: Eine Viertelmillion Tonnen Elektronikgeräte werden pro Jahr in Verkehr gebracht, aber lediglich einige tausend Tonnen Altgeräte hernach für eine Wiederverwendung "vorbereitet". Trotz des bewiesenen ökologischen Nutzens und der positiven Grundhaltung in der Bevölkerung ist Refurbishment kein Selbstläufer.

Hersteller haben wenig Interesse an Refurbishment

Dabei spielt nicht nur die Ökologie eine Rolle, sondern auch das Geschäft. Die Fraunhofer-Experten betont zwar, dass sich Geld mit dem Aufarbeiten verdienen lässt. Aber es liegt nicht im Interesse der Hersteller und Händler, die Lebensdauer von Handys oder Computern zu verlängern. Kilian Kaminski, 28, der Gründer der Handelsplattform Refurbed, kennt das genau. Er war früher Manager beim Onlinekonzern Amazon in München und dort zuständig für den Bereich Refurbishment. "Weil Amazon mit Neuware mehr Geld verdient, haben sie den Bereich nicht wachsen lassen", sagt Kaminski.

Er machte sich schließlich selbständig und gründete vor zwei Jahren mit einem österreichischen Partner in Wien die Firma Refurbed. Er sagt, dass Geschäft wachse monatlich um zehn bis zwanzig Prozent. Aber von einer kleinen Basis: Die Firma hat in den vergangenen knapp zwei Jahren 30 000 Geräte verkauft. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes zählt Kaminski und seinen Kollegen angesichts des Potenzials zu den 30 spannendsten Gründern unter 30 Jahren in Europa. Asgoodasnew, einer der Pioniere im Onlinegeschäft mit gebrauchten IT-Geräten, macht bereits einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich.

Belastbare Zahlen darüber, wie viele Geräte generalüberholt wiederverkauft werden, gibt es wenige. Der gewerbliche Markt ist riesig, in ganz Europa beschäftigen sich über einhunderttausend Menschen mit dem Aufarbeiten von Eisenbahnen, Baumaschinen oder Fabrikanlagen.Bei den Konsumentenprodukten ist das anders: auf der Homepage des Mobilfunkbetreibers Telefonica/O2 ist ein Video zu sehen, in dem es heißt, es würden jährlich 10 000 Smartphones wiederverwendet. Darüber kann Asgoodasnew-Geschäftsführer Boldin nur lachen. Seines Wissens werden pro Jahr etwa 1,2 Millionen Geräte an- und wieder verkauft, bei 28 Millionen neuen Handys pro Jahr.

Vertrauen ist dabei die Grundlage des Geschäfts. Gründer Kaminski verweist auf eine repräsentative Umfrage des Vergleichsportals Verivox. Demnach können sich zwar gut zwei Drittel der Befragten "grundsätzlich" vorstellen, ein erneuertes Smartphone zu kaufen, um die Umwelt zu schonen. Aber 40 Prozent befürchten, dass die Qualität nicht so gut sein könnte wie bei einem neuen Gerät.

Damit die Verbraucher Vertrauen fassen können, müsste der Gesetzgeber klar die Mindeststandards für das Wiederaufbereiten elektronischer Geräte definieren, sagt Kaminski. "Doch die Bundesregierung tut einfach nichts", kritisiert Philipp Sommer, zuständig für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe . Unternehmen wie Asgoodasnew, Backmarket oder Futurephones-Shop versuchen, das Problem zu lösen, indem sie Garantien von mitunter zwei Jahren bieten. Seriöse Umweltlabel wie der "Blaue Engel" in Deutschland oder das EPEAT-Zeichen können Konsumenten die Suche erleichtern. Diese Siegel erhalten nicht nur Öko-Anbieter wie Fairphone aus den Niederlanden oder Shiftphones aus Deutschland, sondern auch Geräte etablierter Konzerne.

In Deutschland bietet etwa die Deutsche Telekom mit Congstar gebrauchte Mobiltelefone online an, der US-Konzern Apple vertreibt gebrauchte iPhones über den Dienstleister Brightstar; oftmals ist der Preisvorteil für die Kunden dabei aber gering. Die Konzerne fürchten, sie könnten ihren eigenen Markt ruinieren und steuern deswegen gegen das Aufarbeiten der kleineren Konkurrenten an, sagt Sommer: "Wir erleben einen Negativtrend. Die Hersteller verkleben die Akkus und Displays so in die Geräte, dass sie sich kaum ersetzen lassen. Und auch die Software treibt die Verbraucher zum Kauf neuer Geräte."

Die Updates beanspruchten oft mehr Akkuleistung. "Smartphones, die eigentlich noch wunderbar funktionieren könnten", beklagt Sommer, "stürzen dadurch immer wieder ab." Es ist eine Art Katz-und-Maus-Spiel. Die Hersteller von Konsumprodukten erschweren die Aufarbeitung, die Refurbisher suchen nach neuen Auswegen, die Hürden zu umgehen. Beim Fraunhofer-Institut sieht man diese Herausforderungen: Die Geräte würden immer komplexer, so dass immer professionellere Aufbereiter daran arbeiten. Dabei helfe die Digitalisierung auch, die das physische Instandsetzen schwierig macht: Über die Chips lasse sich immer öfter auslesen, wie sehr etwas in Benutzung war - und wo sich ein wertvolles Gebrauchtgerät gerade befindet.

"Das Geschäftsmodell des Sharings hilft bei der langen Verwendung von Geräten sehr", sagt Fraunhofer-Forscher Schötz. Was beim Handy noch schwer umzusetzen ist, beginne etwa bei der Weißware: Bald sollen Waschmaschinen per Waschgang bezahlt werden, nach einer gewissen Zeit werden sie eingesammelt und völlig neu aufbereitet.

Und auch bei Elektroautos wird geforscht. Die Batterien seien viel zu wertvoll, um sie nach einem Fahrzeugleben zu zerlegen und zu recyclen, sagt Peter Kössler, Audi-Vorstand für Produktion. "Wir testen darum schon jetzt Re-Use-Konzepte für Batterien", was heißt: Daraus sollen Stromspeicher werden, um etwa Solar- und Windstrom zu puffern. Und bei Audi und im Fraunhofer-Institut geht man noch weiter: Das Ziel ist die komplette Aufarbeitung des Tausende Euro teuren Akkus. Damit der dann wieder eingebaut werden kann und so für ungestörte Fahrt sorgen, wie neu eben.

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Quelle:
SZ vom 13.04.2019
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