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Reden wir über Geld:"Ich kann keine Grenze ziehen zwischen mir und den Schafen"

Schafe

Eine Schafherde grast im Morgennebel.

(Foto: dpa)

Sven de Vries ist einer der letzten Wanderschäfer Deutschlands. Er erzählt, warum er Freundschaften zu seinen Tieren entwickelt und wie er von 1200 Euro im Monat lebt.

Von Harald Freiberger und Veronika Wulf

Sven de Vries sitzt auf einem Klappstuhl vor seinem Schafstall im schwäbischen Arnach, 20 Kilometer südwestlich von Memmingen. Manchmal blökt es aus dem Stall, manchmal aus seiner Hosentasche. Der 36-Jährige ist einer der letzten Wanderschäfer in Deutschland, er hat sich das Blöken auch als Klingelton aufs Smartphone spielen lassen. Die große Kältewelle ist zwar gerade vorüber, aber noch immer pfeift der Wind kühl über die flache Gegend. De Vries trägt einen Schafwoll-Pullover, den er schon ziemlich runtergerockt hat: Auf Bauchhöhe befinden sich mehrere Löcher.

Kann er sich sich keinen neuen Pullover leisten? "Doch, aber ich muss schon ein bisschen sparen. Das ist mein Arbeitspulli, ich habe auch welche ohne Löcher." Es folgt ein bemerkenswerter Einblick in seine Welt, in einen der ältesten Berufe der Menschheit. Schäfer zogen schon vor Tausenden Jahren mit ihren Herden über die Weiden, der Beruf hat eine mythische Dimension.

Doch er nährt diejenigen kaum mehr, die ihn praktizieren. De Vries erzählt, dass er etwa 180.000 Euro im Jahr einnimmt. Ein Drittel davon kommt aus dem Verkauf des Fleisches der rund 600 Lämmer, die er jedes Jahr aufzieht. Zwei Drittel sind Subventionen des Agrarministeriums für die Landschaftspflege, die er leistet: Im Sommer zieht er mit der Herde über die Schwäbische Alb. "Ohne Schafe würde es diese Naturbiotope nicht geben", sagt er.

"Ich mache mich kaputt"

180 000 Euro klingen nicht nach wenig, doch es fallen auch hohe Kosten an: Im Winter hatte er einen Schäfer aus Südtirol angestellt, dem er 1800 Euro brutto, 1200 Euro netto, zahlte - genau so viel wie sich selbst. Er arbeitet 70 Stunden in der Woche, ohne freien Tag, im vergangenen Jahr hatte er auch keinen Urlaub, ergibt einen Stundenlohn von 6,10 Euro. "Es ist wirklich ein Witz, was wir kriegen", sagt er. "In jedem Hilfsarbeiterjob verdient man mehr."

De Vries engagiert sich für seinen Beruf. Gerade hat er eine Kampagne gestartet, mit der er eine Weidetierprämie fordert. Das ist eine EU-Zahlung, die unrentable Tierhaltung erhalten soll. 110.000 Unterschriften hat er schon. 22 Länder der EU zahlten das ihren Schäfern, nicht aber Deutschland. "Wenn sich die Bundesregierung dagegen entscheidet, dann kann sie mich wirklich komplett am Arsch lecken", sagt er.

Es gibt also noch Hoffnung. Denn eigentlich kann sich de Vries ein Leben ohne Schafe nicht vorstellen, er liebt seinen Beruf - und die Tiere. "Ich bewundere ihre Ruhe und Genügsamkeit", sagt er. Sie lebten ihr Leben vor sich hin und seien dabei so zufrieden. Mit manchen Schafen entwickle sich eine Freundschaft. "Dann hat ein Schaf ein bisschen weniger Angst vor mir, ist neugierig, wird gestreichelt."

© SZ.de/been

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