Reden wir über Geld "Ich bin Rollstuhlfahrer und will Stand-up machen"

Darf man Witze über Menschen mit Behinderung machen? "Definitiv", sagt Comedian Tan Caglar - wenn man es gut macht.

(Foto: dpa)

Darf man Witze über Menschen mit Behinderung machen? "Definitiv", sagt der Comedian Tan Caglar. Er sitzt im Rollstuhl - und definiert Stand-up-Comedy gerade neu.

Von Harald Freiberger und Veronika Wulf

Das sind die Situationen, die Tan Caglar nerven: Wenn er irgendwo ankommt und nicht reinkommt, so wie es beim vereinbarten Interviewtermin im Münchner Wirtshaus am Schlachthof passiert. Er muss erst anrufen und fragen, welche Tür barrierefrei ist. Caglar, 38, sitzt im Rollstuhl. Der Comedian ist gerade mit seinem ersten Soloprogramm durch Deutschland getourt. Am Abend auf der Bühne lässt er sich ankündigen als der Mann, der auch im Brandfall den Aufzug benutzen darf, der bei "Reise nach Jerusalem" immer gewinnt und der Standup-Comedy neu definiert.

Caglar leidet an Spina bifida, einer Rückenmarkserkrankung, die sich schleichend verschlechtert. Seit er Anfang 20 ist, ist er auf den Rollstuhl angewiesen. "Ich bin in ein ganz tiefes Loch gefallen, habe Depressionen gehabt", erzählt er. "Zwei Jahre lang war es richtig schlimm." Er zog sich zurück, wollte niemanden mehr sehen.

Heraus fand er über den Sport. Schon als er noch laufen konnte, spielte er Basketball. In der Reha empfahl ihm jemand Rollstuhlbasketball. Zunächst war Caglar skeptisch und sagte: "Jo, danke fürs Angebot, aber auf fünf Behinderte, die sich gegenseitig einen Ball an den Kopf werfen, hab ich keinen Bock." Doch dann sah er bei den Paralympics 2009, wie dynamisch der Sport ist. Er meldete sich bei einem Verein an, drei Jahre später hatte er einen Profivertrag, noch heute spielt er in der Bundesliga. So bestreitet Caglar seinen Lebensunterhalt. Rollstuhlbasketball-Profis verdienen 2000 bis 3000 Euro brutto im Monat, dazu finanziert der Verein die Wohnung, das Auto und den Rollstuhl, der bis zu 10 000 Euro kostet.

"Wir werden ja sowieso schon mit Samthandschuhen angefasst"

Auch zur Comedy kam Caglar über den Sport: Er hält seit einigen Jahren Vorträge über Rollstuhlbasketball für Menschen, die keine Behinderung haben, "so eine Art Teambuildingmaßnahme". Dabei stellte er fest, dass die humorvollen Momente immer am besten ankamen. Irgendwann rief er bei einer Comedy-Agentur an und sagte: "Hallo, hier ist Tan Caglar aus Hildesheim, ich bin Rollstuhlfahrer und will Standup machen." Beide lachten los, danach entstand das erste Programm. Zu seinen Auftritten in ganz Deutschland kamen zwischen 40 und 240 Besucher, "für die erste Tour nicht schlecht". Noch sei es ein Nebenverdienst, aber "wenn man fleißig ist und gut, kann man vielleicht auch mal ausschließlich von der Comedy leben".

Die Frage, die sich natürlich stellt: Darf man über Menschen mit Behinderung Witze machen? "Definitiv", sagt Caglar, man müsse es aber gut machen, das sei die Kunst daran. "Wir werden ja sowieso schon mit Samthandschuhen angefasst. Wenn man uns dann auch noch bei den Witzen herausnimmt, wäre das ja noch schlimmer."

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