Recycling Milliarden mit Müll

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Recycling-Projekte

Urin für den Handy-Akku

Heute gekauft, morgen aussortiert: Knappe Ressourcen zwingen uns, den Müll zu nutzen. Wie das aussehen kann, zeigen verschiedene Konzepte, die aus Schleppnetzen feine Socken zaubern - und was Pipi im Smartphone zu suchen hat.

Strom aus Salatblättern und Kaffeesatz als Nährboden: Das Geschäft mit dem Weggeworfenen boomt. Weil Rohstoffe knapp sind, werden zwei Drittel des Mülls recycelt. Das reicht aber noch lange nicht.

Von Silvia Liebrich

Ein ganz normaler Tag in einer deutschen Großstadt im Jahr 2033: Ein Angestellter setzt sich morgens auf sein E-Bike und rollt auf der Radschnellstraße in Richtung Büro. Seine Mittagspause nutzt er, um im nächsten Hochhaus einzukaufen. Dort bekommt er frisches Gemüse, das auf dem Hausdach und an den Fassaden heranwächst. Das Abendessen für die Familie bereitet er auf einem Solarherd zu. Vor dem Schlafen bringt er noch rasch den Abfall zum Müllschlucker. Der Müll wird in einer Multifunktionsfabrik nicht nur komplett recycelt, sondern auch zur Stromgewinnung genutzt. So, oder zumindest so ähnlich, stellen sich Visionäre das Leben in den Städten der Zukunft vor.

Steigende Preise für Energie und knapper werdende Rohstoffe setzen Wirtschaft und Politik unter Zugzwang. Das gilt besonders für Länder wie Deutschland, die kaum über eigene Ressourcen verfügen. Der Siemens-Konzern beispielsweise feilt bereits seit Jahren an grünen Strategien. Im vergangenen Jahr hat er in London sein erstes Zentrum für nachhaltige Stadtentwicklung eröffnet, "The Crystal" ist eines der größten seiner Art weltweit. Das Unternehmen präsentiert seinen Kunden dort neue Technologien, die unter anderem dabei helfen sollen, Energie möglichst sparsam und effizient zu nutzen. Bei Siemens setzt man große Hoffnungen auf dieses Geschäftsfeld. Mit der "grünen" Sparte erwirtschaftet das Münchner Unternehmen inzwischen einen Umsatz von 33 Milliarden Euro jährlich und sie wächst schneller als andere Konzernbereiche.

Was heute abwegig scheint kann morgen der Durchbruch sein

Immer mehr Firmen erkennen, dass sie neue Strategien entwickeln müssen, um mit weniger Rohstoffeinsatz mehr zu erreichen. Das große Ziel sind geschlossene Warenkreisläufe, in denen nichts weggeworfen und alles wiederverwertet wird - für den Konsum von morgen. Neue Energiekonzepte sind gefragt. Ein Kühlschrank darf in zwanzig Jahren nur einen Bruchteil der Strommenge verbrauchen, die ein Gerät heute benötigt. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Naturwissenschaftler und Co-Chef des Club of Rome sieht genau darin den Schlüssel zum Erfolg: "Wir schaffen mehr Wohlstand mit den gegebenen bekannten Ressourcen, wenn wir lernen, diese dramatisch besser zu nutzen", sagte er in einem Interview mit der Wirtschaftswoche.

Ein Umdenken ist dringend notwendig. Wie eine neue Studie aus Australien zeigt, benötigen Industrieländer wie Deutschland sogar deutlich mehr Rohstoffe, als offizielle Statistiken vermuten lassen. Die Abhängigkeit von Rohstoffimporten ist also noch größer, als bisher angenommen. Trotzdem steigt der Verbrauch weiter. Was nicht mehr gebraucht wird, landet im Abfall. Müll ist die hässliche Kehrseite der Konsumgesellschaft. Deutsche Haushalte produzieren knapp 40 Millionen Tonnen im Jahr, also fast 500 Kilogramm pro Kopf - ein buntes Sammelsurium an Sperrmüll, Altpapier, Glas, Lebensmittelverpackungen, Restmüll und ausrangierten Geräten aller Art.

Wertlos sind diese Hinterlassenschaften bei weitem nicht. Das Geschäft mit dem Weggeworfenen boomt. Fast 70 Prozent des Abfalls werden inzwischen recycelt - bei Glas und Papier sind es laut dem Bundesamt für Statistik sogar fast 100 Prozent. Das bedeutet aber auch, dass ein Drittel des Mülls nicht verwertet wird, darunter wertvolle Metalle wie Seltene Erden. Sie werden nicht wiedergewonnen, weil es sich wirtschaftlich nicht lohnt oder die Technologie dazu fehlt.

Das muss sich ändern, mit Hilfe von neuen Technologien und Ideen. Produkte müssen so konstruiert und hergestellt werden, dass die darin verbauten Rohstoffe komplett zurückgewonnen werden können. Stoffe, die bislang unbeachtet im Abfall landen, gilt es zu nutzen. Zum Beispiel Kaffee: Die Bohnen taugen nicht nur zum Kaffeekochen. Was am Ende davon als Kaffeesatz übrig bleibt, gibt Stoff für Jacken und Hosen her. Das Verfahren hat eine Firma in Taiwan entwickelt. Hersteller von Funktionsbekleidung schätzen das Material, weil es schnell trocknet und vor UV-Licht schützt. Auch die Pflanzenreste des Kaffeestrauchs, die in den Plantagen anfallen, sind zu schade für den Kompost. Sie taugen etwa als Nährboden für essbare Pilze. So lässt sich Mehrwert schöpfen, der nicht nur den Umsatz steigert, sondern auch Arbeitsplätze sichert.

Beispiele wie dieses gibt es viele, doch längst nicht genug. Was heute noch abwegig klingen mag, kann morgen schon den großen Durchbruch bringen, wie zum Beispiel Verfahren, mit dem Forscher künstliche Zähne aus Urin züchten oder Strom gewinnen wollen. Auch der Plastikmüll, der riesige Teppiche in den Ozeanen bildet und unzähligen Meeresbewohner das Leben kostet, lässt sich verwerten, etwa für Strumpfhosen und Pullover.

Grüne Technologien sind eine Wachstumsbranche - auch in Deutschland. Unternehmen im Bereich Umwelttechnik und Ressourceneffizienz haben 2011 einen Umsatz von 300 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das hat das Bundesumweltministerium ausgerechnet. Der Zuwachs der Branche liegt demnach bei zwölf Prozent pro Jahr. Bis 2025 rechnet das Ministerium mit einem Marktvolumen in Deutschland von knapp 700 Milliarden Euro. Ein Drittel davon soll allein auf umweltfreundliche Energien und Energiespeichertechnik entfallen. Der weltweite Umsatz soll sich bis dahin verdoppeln, auf mehr als vier Billionen Euro, so die Prognose des Umweltministeriums.