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Supermarktkette Real:Ein beschämender Deal

Real-Betriebsrat sieht 10 000 Arbeitsplätze in Gefahr

Durch den geplanten Verkauf der Supermarktkette Real ist nach Einschätzung des Betriebsrates fast jede dritte Stelle gefährdet.

(Foto: dpa)

Vielen Mitarbeitern des Supermarkts Real droht die Arbeitslosigkeit - das hätte vermieden werden können. Die Beschäftigten haben etwas Besseres verdient.

Nun also die Filialen von Real. Von ihnen werden die meisten bald verschwinden. Manche werden geschlossen, andere in Edeka, Kaufland, Rewe oder Globus umbenannt. Real wird voraussichtlich Ende Januar an Investoren verkauft, kaum drei Jahre, nachdem die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann von den Großen der Branche übernommen worden ist. In Deutschland geht zwar kein Supermarktsterben um, die Einkaufsmöglichkeiten werden eher mehr als weniger, in Stadtzentren öffnen sogar neue, kleinere Lebensmittelläden. Die Betreiber sind aber immer die gleichen: Die großen Händler werden immer größer, die kleineren geschluckt.

So geht das seit Jahrzehnten, Real entstand selber aus dem Aufkauf regionaler Händler. Der Konzentrationsprozess ist oft beschrieben worden, das Kartellamt beobachtet ihn genau. Den Verbraucher in Deutschland rührt das kaum. Er hat Glück. Hierzulande sind zwei der größten Lebensmitteldiscounter der Welt - Aldi und Lidl - beheimatet, es herrscht deswegen ein ständiger Preiskampf, obwohl nur wenige Wettbewerber den Markt dominieren. Ihre Größe macht sie für Verbraucher sogar attraktiv. Je größer sie sind, desto eher können sie Preisvorteile, die sie über ihre Marktmacht bei Herstellern und Produzenten erzielen, an die Verbraucher weitergeben und kleinere Konkurrenten vom Markt drängen. Bei welchem Händler die Verbraucher gern einkaufen, hängt in Deutschland maßgeblich vom günstigen Preis ab.

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Wer in diesem Wettbewerb bestehen will, muss sich in den Kampf stürzen, um zu überleben, sich spezialisieren oder komplett zurückziehen. Kaiser's Tengelmann ist der Rückzug mit Ach und Krach gelungen. Dem Gesamtunternehmen entstand kein Schaden, fast alle Mitarbeiter wurden übernommen. Bei Real aber wird das anders laufen, das steht fest, ehe der Verkauf besiegelt ist. Für die Mitarbeiter wird es bitter. Ein Szenario wie vor Jahren bei Schlecker mit zigtausend Entlassenen ist nicht ausgeschlossen. Wenn der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klockhaus von 10 000 Arbeitslosen spricht, ist das nicht das Horrorszenario eines Arbeitnehmerfunktionärs, es könnte bald Realität sein. Zu verhandeln gibt es zwischen Arbeitnehmervertretern und Management nichts mehr. Es geht nur noch um den Kaufpreis.

Miese Löhne sind auch ein Resultat des Billigwahns

Für die insgesamt 34 000 Beschäftigten sieht es denkbar schlecht aus. Wer bleiben darf, wird auf einen Teil seines Lohns verzichten müssen. Dabei wird ohnehin in kaum einer Branche so schlecht bezahlt wie im Einzelhandel. Real hielt lange Zeit an Tariflöhnen fest, wurde dadurch aber immer weniger wettbewerbsfähig. Denn eine Vielzahl der von selbstständigen Kaufleuten geführten Edeka- und Rewe-Supermärkten, den Hauptkonkurrenten, bezahlen ihren Mitarbeitern mitunter weit weniger Lohn.*

Hier schließt sich der Kreis. Der Preiskampf bei Lebensmitteln schlägt sich in schlechter Bezahlung nieder. Das eine bedingt das andere. Wer beim Einkauf nur das Billigste kauft, muss wissen, damit zu miesen Löhnen beizutragen. Tarifgehälter sind dort kaum möglich, wo der Preisdruck überhandnimmt. Die Beschäftigten von Real haben das spät erkannt. Sie haben, wer will es ihnen verdenken, lange um ihre angemessenen Löhne gekämpft und spät Zugeständnisse gemacht. Jetzt bangen viele um ihre Zukunft und wissen nicht, ob sie in ein paar Monaten noch ihre Rechnungen begleichen können.

Das macht den anstehenden Verkauf von Real zu einer Tragödie. Zu dem Desaster hätte es nicht kommen müssen, wenn der Mutterkonzern Metro früher verkauft oder mehr investiert hätte. Wenn die Konkurrenz keine Dumpinglöhne zahlen würde. Und wenn es kein Kaiser's Tengelmann gegeben hätte. Damals mussten auf Geheiß der Regierung alle Arbeitsplätze erhalten werden. Das will von den Handelskonzernen keiner noch einmal aufgebürdet bekommen. Deswegen deichseln sie den Verkauf nun so, dass sie auf der sicheren Seite sind: Verkauft wird in einem ersten Schritt an Immobilieninvestoren, erst danach an sie. Das geht voll zulasten der Beschäftigten. In einem Land, in dem die großen Handelskonzerne Milliarden verdienen, ist das beschämend.

* Anmerkung der Redaktion: Die Originalfassung wurde angepasst, um den unzutreffenden Eindruck zu vermeiden, auch die Rewe Markt GmbH und "Regiebetriebe" im Vollsortiment, also Märkte, die die Rewe Markt GmbH vollständig selbst betreibt, würden unter Tarif bezahlen. Richtig ist nach Unternehmensangaben jedoch, dass die Rewe Markt GmbH und die Regiebetriebe nach Tarif und teils sogar übertariflich zahlen.

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