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Razzia bei Kölner Friseuren:Waschen, schneiden, Hungerlohn

Haare schneiden zu Dumpinglöhnen: In Köln schuften Friseure für 1,50 Euro in der Stunde. Jetzt müssen die Inhaber mit empfindlichen Strafen rechnen.

Tobias Dorfer

Die Aktion war nicht angekündigt und dauerte vier Tage. Ermittler des Hauptzollamtes Köln durchstreiften seit Beginn der Woche in mehreren Teams 150 Friseursalons der Rhein-Metropole sowie den umliegenden Landkreisen, sie nahmen Daten auf, stellten Fragen, verhörten Mitarbeiter und Chefs - und stießen auf tiefe Abgründe.

Friseur, Foto: dpa

Haareschneiden für 1,50 Euro in der Stunde - diese Missstände entdeckten die Fahnder des Kölner Hauptzollamts.

(Foto: Foto: dpa)

Mitunter schuften Friseure in Nordrhein-Westfalen für Hungerlöhne. Ausgelernte Fachkräfte, so das Ergebnis der Razzia, werden mit einem Stundenlohn von weniger als fünf Euro abgespeist - die Fahnder fanden sogar Menschen, die für 1,50 Euro in der Stunde arbeiten. Etliche Salons führen für ihre Angestellten nicht einmal Sozialabgaben ab. Hauptsache, die Personalkosten sind niedrig.

Auch unter den Mitarbeitern selbst fanden die Zollbeamten schwarze Schafe. In einigen Fällen kassierten diese illegal Sozialleistungen und arbeiteten gleichzeitig schwarz im Friseursalon. Jetzt wertet das Zollamt die Daten aus - bestätigen sich die Vorwürfe, werden die Ergebnisse der Razzia ein Fall für den Staatsanwalt. Den Betroffenen drohen Bußgelder und Strafverfahren.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Branche wegen widriger Arbeitsbedingungen ins Gerede kommt. Im Dezember 2008 stieß das Hauptzollamt München auf zahlreiche Verstöße bei Betrieben in der bayerischen Landeshauptstadt. Ein Friseur zahlte seinen Mitarbeitern damals nur 5,25 Euro in der Stunde, obwohl die tariflich festgelegte Lohnuntergrenze in Bayern bei 7,04 Euro liegt.

Widrige Arbeitsbedingungen

Wie kaum eine andere Branche lebt das Friseurhandwerk vom schönen Schein. Trendige Frisuren, leuchtende Farben, strahlende Models - dieses Bild wird auf Werbeplakaten gerne vermittelt. In der Öffentlichkeit prägen Branchen-Stars wie Udo Walz oder Gerhard Meir das Bild - Luxus-Coiffeure, die nicht nur Promis verschönern, sondern aus jeder noch so grauen Maus eine strahlende Schönheit zu zaubern imstande sind.

Im Schatten der glamourösen Haar-Zauberer stehen die Schmuddelkinder der Branche. Billig-Salons, die häufig in den Nebenstraßen der Stadtzentren oder im Bahnhofsmilieu beheimatet sind. Vor allem bei solchen Discountern, die einen Haarschnitt schon für weniger als zehn Euro anbieten, seien die Kölner Ermittler auf widrige Arbeitsbedingungen gestoßen, sagte ein Sprecher des Hauptzollamtes zu sueddeutsche.de. Im Vorfeld der Razzia haben die Beamten die Salons bereits inkognito durchstreift und verdächtige Details notiert.

Den Preis für diese Discount-Angebote zahlen die Angestellten. Hoher Druck und Mehrarbeit seien hier an der Tagesordnung, kritisiert Ute Kittel, die zuständige Fachgruppenleiterin der Gewerkschaft Verdi. Viele Friseure seien schlecht über ihre Rechte informiert oder würden aus Angst um ihren Job nicht gegen die widrigen Arbeitsbedingungen protestieren. Ein weiterer Verdacht der Gewerkschafterin: Manche Mitarbeiter hätten möglicherweise gar kein Interesse daran, dass ihre Misere publik wird. Etwa weil sie gar keine Arbeitserlaubnis oder Aufenthaltsgenehmigung hätten. Dass jedoch ausgebildete Friseure, wie in Köln, mit einem Stundenlohn von 1,50 Euro regelrecht ausgebeutet werden "übertrifft alles, was wir uns bislang vorstellen konnten", sagt Kittel.

"Kleine Gruppe von schwarzen Schafen"

Auch die Branche ist alarmiert. Die Ergebnisse der Kölner Fahnder seien "erschreckend", sagt Harald Esser, der Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. "Wir machen doch keine Tarifverträge, dass sie sofort wieder umgangen werden."

Derartige Tarifverträge für Friseure gibt es nur in Bayern, Niedersachsen, Baden-Württemberg - und in Nordrhein-Westfalen. Dort müsse ein gelernter Friseur mindestens 7,60 Euro pro Stunde verdienen, sagt Verdi-Expertin Kittel. Alles, was darunter liegt, fällt in die Rubrik Dumpinglohn. Friseur Esser legt jedoch Wert darauf, dass es sich nur "um eine ganz kleine Gruppe von schwarzen Schafen" handeln würde. Auch Gewerkschafterin Kittel möchte nicht die gesamte Branche in Sippenhaft nehmen.

Dafür drängt die Verdi-Expertin die Kunden dazu, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und Salons mit widrigen Arbeitsbedingungen zu meiden. Wie diese Betriebe zu identifizieren sind, sagt Friseurmeister Esser: "Bei einem Salon, wo ein Haarschnitt fünf Euro kostet, werden keine Tariflöhne gezahlt."

© sueddeutsche.de/pak

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