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Raumfahrt:Straße zum Mond

Die Ministerratskonferenz der Raumfahrtagentur Esa entscheidet in dieser Woche über europäische Missionen der nächsten Jahre. Deutsche Weltraumfirmen hoffen nun auf Mittel, um ihre Projekte realisieren zu können. Ein Schwerpunkt ist der Erdtrabant.

Die europäische Trägerrakete Ariane fliegt neuerdings auch in Richtung Mond. Zumindest in einem Imagevideo der Ariane-Group, in dem eine Mondfähre des Berliner Start-ups PTS auf dem Erdtrabanten landet. Ariane-Group kooperiert seit einem halben Jahr mit den Gründern, arbeitet an einer Esa-Studie, in der es um Ressourcen auf dem Erdtrabanten geht und hofft nun auf eine europäische Mission zum Mond. "Die Ariane 6 kann bis zu 8,5 Tonnen Nutzlast in den Mondorbit befördern", sagt Deutschlandchef Pierre Godart. "Es gibt sehr viele Mondprojekte weltweit, da wollen wir uns beteiligen."

Der Mond dürfte am Mittwoch und Donnerstag ein Thema bei der Ministerratskonferenz der Weltraumagentur Esa in Sevilla werden, die alle drei Jahre das Budget der gut 20 Mitgliedsstaaten verteilt. Es geht um etwa 15 Milliarden Euro, die in den kommenden drei Jahren ausgegeben werden, darunter fast drei Milliarden Euro aus Deutschland. In Sevilla entscheidet sich auch, wie präsent Deutschland künftig im Weltraum sein wird.

Airbus baut in Bremen das Versorgungsmodul ESM - es handelt sich dabei um den unteren Teil der US-Kapsel Orion, die in den Zwanzigerjahren wieder Astronauten zum Mond bringen soll. Illustration: Airbus

Ein "Signal des Aufbruchs" erhofft sich Matthias Wachter vom Industrieverband BDI. "Europa und Deutschland müssen im Zukunftsmarkt Weltraum ambitionierter werden." Neben Routinethemen wie Erdbeobachtung, Exploration und Raumstation ISS befassen sich die Länder dort auch verstärkt mit Weltraumsicherheit. Dabei geht es unter anderem um Weltraummüll und Asteroidenabwehr. Gute Chancen also auch für die Mission Hera: Wissenschaftler wollen erforschen, wie sich Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde auf eine neue Bahn lenken lassen. Sollte die Mission kommen, hätte das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB gute Aussichten, die Sonde dafür zu bauen, da OHB für die Esa bereits eine Studie dazu angefertigt hat. "Die Bedrohung durch Asteroiden wird von der Öffentlichkeit immer noch deutlich unterschätzt", sagt OHB-Chef Marco Fuchs. Es sei wichtig, "eine Technologie zur Verfügung zu stellen, die eine wirksame Abwehr einer solchen Bedrohung darstellt", sagt er. "Ob das Budget für Hera genehmigt wird, erfahren wir Ende der Woche."

"Viele Start-ups und Mittelständler haben die Kompetenz, um da mitzumachen."

Bei der Exploration steht derzeit aber der Mond im Mittelpunkt - nicht zuletzt wegen einer deutsch-französischen Initiative von Mitte Oktober, eine gemeinsame robotische Mondmission zu starten. Davon könnte nicht nur die Ariane-Group profitieren, sondern auch der Airbus-Konzern, der an Ariane beteiligt ist und selbst Mondambitionen hat. Dazu gehört auch, sich an einer eigenen größeren Mondfähre zu beteiligen. "Wir können Dinge tun, die Europa befähigen, in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre robotisch eigenständig zum Mond zu fliegen", sagt Airbus-Manager Oliver Juckenhöfel. "Wir hätten dann mit der Ariane 6 einen geschlossenen Logistikkreislauf, um Waren auf die Mondoberfläche zu bringen, was auch von den Amerikanern genutzt werden könnte." Seine Logik ist, dass sich Tauschmöglichkeiten mit den Amerikanern ergeben könnten, "um vielleicht auch einen europäischen Astronauten auf den Mond zu schicken". Er sieht dabei auch Chancen für kleinere deutsche Firmen: "Viele Start-ups und Mittelständler haben die Kompetenz, um da mitzumachen", sagt er.

Die Orion-Kapsel, an der auch Airbus beteiligt ist, könnte im Jahre 2021 erstmals starten. Illustration: Airbus

Genau dort setzt auch die Bundesregierung an, was die Esa-Mittel betrifft. "Der erste Schwerpunkt, den wir hier setzen, ist nicht der Mond, der Mars oder was auch immer, sondern der Mittelstand", sagte deren Koordinator für Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek, im Bundestag. Auch Walther Pelzer, DLR-Vorstand für Raumfahrtmanagement, der die deutschen Positionen für die Ministerratskonferenz mit vorbereitet, sieht das so. Gerade der Mittelstand und Start-ups müssten angesichts der zunehmenden globalen Kommerzialisierung der Raumfahrt noch besser unterstützt und eingebunden werden, sagt er.

Juckenhöfel hofft, dass das europäische Mondprojekt auch in diesem Sinne bald realisiert werden kann - und nicht erst Ende des nächsten Jahrzehnts, wenn schon jeder auf dem Mond gewesen ist. "Wir würden deshalb gerne mit einer vernünftigen Summe einsteigen, um den Anschluss nicht zu verlieren", sagt er. "Meine Hoffnung ist, dass Deutschland in die Entwicklung eines robotischen Lunarlanders investiert." Im Hinblick auf die vom Esa-Chef propagierte Mondbasis sieht er darin eine gewisse Logik. "Diese Logistikkette ist eine Grundvoraussetzung für das Moonvillage. Das ist wie eine Straße, um dann einen Markt zu öffnen, auf dem Firmen ihr kommerzielles Geschäft betreiben können."

Das Lunar Gateway soll im Mondorbit als Zwischenstation für Astronauten dienen, die dort dann in in eine Fähre zur Mondoberfläche umsteigen. Auch bei diesen Komponenten könnten deutsche Firmen mitbauen. Illustration: Airbus

Auch sonst ist Airbus gerade auf den Mond abonniert. In Bremen wird das Versorgungsmodul des Nasa-Raumschiffes Orion für die Artemis-Mondflüge der Nasa gebaut. Auch dies ein Ergebnis der erwähnten Tauschmöglichkeiten: Die Esa muss dafür mit Gegenleistungen zahlen, dass sie die ISS nutzt und Astronauten wie Alexander Gerst dort einquartiert. Dazu gehört der Bau des Europäischen Service Moduls (ESM), das die Lebenserhaltungssysteme für die Astronauten in der Orion bereitstellt. Das erste ESM steht bereits fertig am Startplatz in Cape Canaveral/Florida, Nummer zwei befindet sich im Bau.

"Ariane ist ein Symbol dafür, wie Europa gut funktioniert."

Die Ministerratskonferenz entscheidet über das Geld für die nächsten Module. "Wir wollen jetzt bei diesem Mond-Raumschiff in die Serienproduktion gehen, die uns dann über das ganze nächste Jahrzehnt tragen wird", sagt Juckenhöfel. Dies dürfte jedoch Formsache sein, da die Amerikaner sonst ihre für 2024 geplante erste astronautische Mondlandung seit 55 Jahren verschieben müssten. "Europa würde sich nicht diese Blöße geben", glaubt der Manager. Die Landung am Südpol des Mondes ist also auch eine sichere Mondlandung für Airbus. Darüber hinaus wollen die Bremer bei der Gateway-Station im Mondorbit mitmischen, einer Zwischenstation für die Mond-Expeditionen. Auch das Gateway braucht ein Versorgungsmodul - da haben sich die Airbus-Ingenieure einen Ruf erarbeitet. "Wir haben gute Chancen, auch beim Gateway dabei sein zu können", sagt Juckenhöfel. Dies hänge aber von der Esa - und dem deutschen Budget - ab.

Die europäische Trägerrakete Ariane wird ebenfalls Thema in Sevilla sein. Es geht darum, die neue Ariane 6 weiterzuentwickeln. Im Gespräch sind ein wiederverwendbares Triebwerk namens Prometheus und eine leichtere Kohlefaser-Oberstufe. "Damit könnten wir bis zu zwei Tonnen mehr Nutzlast in den Orbit bringen", sagt Ariane-Manager Godart. Dies würde den Kilopreis senken. Nachdem Kritiker sagen, dass die Ariane 6 schon vor ihrem Erststart 2020 nicht wettbewerbsfähig sei, wäre dies sinnvoll. Der Bundestag hat die Regierung dazu aufgefordert, diesen Zugang zum All sicherzustellen. Die weitere Entwicklung solle wegen der "unklaren Marktentwicklung" aber genau geprüft werden. "Wenn sich Deutschland nicht an der Weiterentwicklung der Ariane beteiligen würde, dann kann es sein, dass Arbeitsanteile nach Frankreich abwandern", fürchtet OHB-Chef Fuchs. OHB-Tochter MT Aerospace baut in Augsburg Ariane-Tanks. Godart wiederum glaubt nicht, dass deutsche Firmen Aufträge verlieren könnten: "Ariane ist ein Symbol dafür, wie Europa gut funktioniert", sagt er.

Die Trägerrakete Ariane 6 startet voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2020 das erste Mal ins All. Nun geht es darum, sie weiter zu entwickeln. Illustration: Ariane-Group