Raumfahrt:Mehr Kleinsatelliten sollen aus Deutschland kommen

Mynaric AG, Unternehmen aus Gilching, das sich mit Laserkommunikation beschäftigt
und vor kurzem an die Börse gegangen ist.
Symbolbilder, wie das System funktioniert

Die Firma Mynaric will in Oberpfaffenhofen Tausende Laserterminals bauen, die in Konstellationen mit vielen solcher Kommunikationssatelliten integriert werden sollen. Illustration: Mynaric/oh

Für Vernetzung und autonomes Fahren sind immer mehr Kleinsatelliten nötig. BDI und VDI wollen Fabriken dafür schaffen, der Bund signalisiert Unterstützung.

Von Dieter Sürig

Mynaric AG, Unternehmen aus Gilching, das sich mit Laserkommunikation beschäftigt
und vor kurzem an die Börse gegangen ist.
Symbolbilder, wie das System funktioniert

Die Firma Mynaric will in Oberpfaffenhofen Tausende Laserterminals bauen, die in Konstellationen mit vielen solcher Kommunikationssatelliten integriert werden sollen. Illustration: Mynaric/oh

Die Zeiten, als es im Satellitenbau um kleine Stückzahlen für Wetterbeobachtung oder Telekommunikation ging, sind längst vorbei. Space-X und Oneweb fertigen Tausende Internetsatelliten mit jeweils 150 bis 260 Kilogramm Gewicht. Der Bremer Raumfahrtkonzern OHB schraubt seit 2010 noch schwerere Satelliten in Serie: 34 Stück für das Navigationssystem Galileo - jeweils 730 Kilo. Nach Auffassung des Industrieverbandes BDI und des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) werden aber kleinere Satelliten immer wichtiger: Für Kommunikation, autonomes Fahren, Logistik oder auch Klimaforschung. Beide wünschen sich nun eine "gesamtindustrielle Initiative der Bundesregierung für Klein- und Kleinstsatelliten", um die Chancen für Start-ups und Mittelstand zu wahren. Unterstützung kommt aus dem Bundeswirtschaftsministerium: "Wir möchten Akteure aus Politik, Forschung und Industrie zusammenbringen, um gemeinsam in Deutschland ein Ökosystem Kleinsatelliten aufzubauen", heißt es in einer Stellungnahme.

Analysten von Fortune Business Insights rechnen es vor: Der Markt kleiner Satelliten mit bis zu 500 Kilogramm Gewicht werde bis 2028 weltweit von rund vier Milliarden Dollar auf ein Volumen von 10,75 Milliarden Dollar steigen. Treibende Faktoren dafür seien neue schnelle Datennetze für Anwendungen nach dem 5G-Standard, aber auch das Internet der Dinge, um weltweit Fabriken zu vernetzen. Dafür sind Satellitenkonstellationen nötig. Neben Breitbandsatelliten, wie sie auch EU-Kommissar Thierry Breton vorantreibt, zählen Projekte wie das von Ororatech dazu: Das Münchner Start-up will bis 2026 etwa 100 Kleinsatelliten im Orbit platzieren, die weltweit Waldbrände schneller erkennen sollen.

BDI und VDI erwarten, dass bis 2030 weltweit etwa 15 000 Satelliten starten werden - 90 Prozent davon leichter als 500 Kilo. "Kleinsatelliten sind damit einer der wesentlichen Motoren des dynamischen Zukunftsmarktes Weltraum", skizzieren die Verbände in einem Papier. Nachdem das Bundeswirtschaftsministerium mittels eines mit 25 Millionen Euro dotierten Wettbewerbs deutsche Raketen-Start-ups fördert, möchten die Verbände eine ähnliche Unterstützung für Kleinsatelliten.

Etwa 60 Prozent aller Kleinsatelliten würden in den USA gefertigt, nur drei Prozent in Deutschland. "Angesichts der staatlichen Unterstützung in anderen Ländern ist zu befürchten, dass Deutschland weiter zurückfällt", meinen die Verbände. Mitautor für den VDI ist Professor Klaus Schilling vom Würzburger Zentrum für Telematik, der Formationstechnologien für Satelliten entwickelt hat. Der VDI hatte schon 2019 gefordert, Kleinsatelliten zu fördern. "Es hat uns Sorgen gemacht, dass sich in dieser Hinsicht in Europa so wenig bewegt", sagt Schilling, "wir fürchten, dass wir, ähnlich wie bei GPS, abgehängt werden". Er findet es zum Beispiel "faszinierend, dass der chinesische Autokonzern Geely eine eigene Satellitenfabrik baut".

Chancen für eine integrierte Wertschöpfungskette

BDI und VDI fordern Aufträge und Technologiewettbewerbe, um eine kommerzielle Kleinsatellitenfertigung vom Fließband aufzubauen. Ihnen schwebt eine staatliche Förderung von 50 Millionen Euro vor - verteilt auf fünf Jahre. "Deutschland ist in der Herstellung großer und komplexer Satelliten sehr stark", sagt BDI-Raumfahrtexperte Matthias Wachter. "Wir müssen deshalb jetzt in die industrielle Fertigung kleiner Satelliten einsteigen." Der Zeitpunkt sei ideal. "In Kombination mit den deutschen Microlaunchern und einer Startplattform in der Nordsee würde sich damit die seltene Chance ergeben, eine integrierte Wertschöpfungskette neu aufzubauen." Auch in Hinsicht auf die geplante Konstellation europäischer Internetsatelliten bringe sich Deutschland in eine gute Ausgangsposition. Eine Kleinsatelliten-Initiative sollte deshalb in den neuen Koalitionsvertrag aufgenommen werden. Die Gefahr einer weiteren Vermüllung des Orbits sieht Wachter nicht. "Selbstverständlich denken kommerzielle Unternehmen die Entsorgung ausgedienter Satelliten mittlerweile von vornherein mit, weil Investoren Nachhaltigkeit voraussetzen."

Das Bundeswirtschaftsministerium bereitet derweil eine Strategie "Ökosystem Kleinsatelliten" vor, "um den Standort Deutschland in diesem zukunftsstarken Themenbereich zu stärken". Gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) ist auch ein Kleinsatellitenwettbewerb für Unternehmen geplant. Walther Pelzer, Leiter der Raumfahrtagentur im DLR, begrüßt deshalb die Initiative der Industrie, sieht jedoch kein Budget. "Aufgrund der aktuell geförderten Missionen und Projekte im deutschen Raumfahrtprogramm ist eine Finanzierung einer neuen Initiative, wie sie der BDI beschreibt, leider nicht möglich." Ein Wettbewerb sei aber "ein ideales Instrument", um Hersteller "für den wachsenden Markt der Kleinsatelliten vorzubereiten".

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