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Branchenreport:Von München ins All

Deutscher Wettlauf um kleine Trägerrakete

Das computergenerierte Bild zeigt eine Spectrum-Rakete des Raketenbauers Isar Aerospace. Das Start-up hat 2019 und 2020 insgesamt 90 Millionen Euro von Investoren eingesammelt.

(Foto: picture alliance/dpa/Isar Aerospace)

Bundesweit gibt es mittlerweile 125 Start-ups, die mit Raumfahrt Geld verdienen wollen - die meisten davon im Süden. Und die Verflechtungen mit anderen Industrien werden größer.

Von Dieter Sürig

Im richtigen Leben verdienen sie ihr Geld als Risikomanagerinnen: Maria Jahnke bei einem großen Musikverlag, Nina Stary bei einem Mineralölkonzern. Wenn sie nun in ihrer Freizeit den ersten Report über deutsche New-Space-Firmen erstellt haben, dann messen sie im Grunde auch für diese Branche Chancen und Risiken aus - für Gründer, Unternehmer und Investoren gleichermaßen. "Das ist noch ein sehr junger Markt, und wir haben festgestellt, dass es da eine starke Intransparenz und Informationslücken gibt", sagt Maria Jahnke. "Das ist für die Start-ups nicht förderlich, um potenzielle Kunden und Investoren zu finden."

Gemeinsam mit Nina Stary hat sie im Oktober 2020 in Berlin das Analyseunternehmen Capitol Momentum gegründet, um hier Abhilfe zu schaffen. "Wir dachten, es wäre ein spannendes Projekt, diese aufstrebende Industrie erstmalig zu kartografieren", sagt Jahnke. "Wir haben viel recherchiert und einen Marktbericht über die deutsche New Space-Industrie bisher nicht gefunden", ergänzt Stary, die bereits mehrere Jahre bei dem Beratungsunternehmen KPMG gearbeitet hat. Beide kennen sich vom Wirtschaftsstudium in Leipzig, Stary engagiert sich auch für die Internet-Plattform New Space Vision, die die junge Branche bündeln und fördern will.

Ein halbes Jahr lang haben die beiden Analystinnen Branchen-Quellen durchforstet, Firmen befragt, im Handelsregister recherchiert, 125 Gründerunternehmen identifiziert, die bundesweit im Raumfahrtbereich arbeiten, und sich 92 genauer angeschaut. Demnach haben 65 Firmen 2018 geschätzt knapp 900 Millionen Euro Umsatz erzielt und somit etwas weniger als das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB. Der Umsatz entspreche etwa 30 Prozent der deutschen Raumfahrtbranche. Die Hälfte der 92 Start-ups gehört zum so genannten Upstream-Bereich: Das sind Firmen, die Kleinraketen, Satelliten und Komponenten bauen, aber auch Ingenieurdienstleistungen und Software für Raumfahrtmissionen entwickeln. Beispiele sind Isar Aerospace, Berlin Space Technologies und Morpheus Space. 38 Prozent der Start-ups widmen sich eher der Analyse von Satellitendaten, etwa der Erdbeobachtung, Stichwort "Big Data" - das ist der Downstream-Bereich. Dazu zählt auch Drift + Noise, die aus Satellitendaten die aktuelle Vereisung der Meere dokumentiert. Gruppe 3 sind Firmen, die Beratungsdienste anbieten.

"New Space wird für das Industrieland Deutschland immer wichtiger."

Bemerkenswert sind insbesondere zwei Dinge: Dem Report zufolge liegen die Hotspots der New-Space-Branche in den Großräumen München (32 Firmen) und Berlin (15), gefolgt vom Rhein-Main-Gebiet (13). Außerdem hat der Report ermittelt, dass es zunehmend Verflechtungen mit anderen Branchen gibt. 76 Prozent der Start-ups haben etwa Kunden in Landwirtschaft, Logistik, Ölindustrie und Pharmabranche. Yuri schickt zum Beispiel Experimente für Glaxo Smith Kline auf die Raumstation ISS, Live-Eo kooperiert mit der Deutschen Bahn, und mehrere Start-ups sehen große Chancen bei Autokonzernen wie Volkswagen. "New Space wird für das Industrieland Deutschland immer wichtiger", sagt Matthias Wachter vom Industrieverband BDI, der die Studie finanziert hat. Die Branche schaffe die "Voraussetzungen für Zukunftstechnologien wie Smart Farming, autonomes Fahren, Industrie 4.0 sowie für neue datengetriebene Geschäftsmodelle".

Umso interessanter wird New Space für Investoren. So hätten Wagniskapitalfirmen 2020 fast 310 Millionen Euro in Start-ups gesteckt, zu denen die Analystinnen auch die Flugtaxifirma Lilium zählen. Allein 75 Millionen Euro hat dabei Isar Aerospace eingesammelt. Für die Berlinerinnen ist die Studie kein einmaliges Projekt. "Wir führen die Datenbank permanent weiter und wollen auch kleinere Analysen anbieten", sagt Nina Stary.

© SZ/slb
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