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Raumfahrt:Wettlauf ins All

Deutscher Wettlauf um kleine Trägerrakete

Die Kleinrakete Small Launcher 1 des Start-ups Hyimpulse - hier noch als Computer-Simulation. Die Gründer aus Baden-Württemberg wollen damit kommerzielle Flüge anbieten.

(Foto: Hyimpulse/dpa)

Das Start-up Hyimpulse will seine Kleinrakete 2023 ins All schießen und dann kommerzielle Flüge anbieten. Ein Vorläufer soll aber schon in diesem Sommer starten - vor den deutschen Mitbewerbern.

Von Dieter Sürig, München

Es ist ein Kopf-an Kopf-Rennen, das sich die drei deutschen Raketen-Start-ups da liefern: Isar Aerospace hat im Herbst seine Fabrik im Südosten Münchens eröffnet, die Rocket Factory Augsburg richtet sich ebenfalls gerade neu ein - und Hyimpulse aus der Nähe von Heilbronn will bereits im Spätsommer einen ersten Testflug absolvieren. Langfristig sind 30 bis 50 Starts im Jahr geplant, wie das Team bei einer virtuellen Pressekonferenz ankündigte.

Die Gründer haben ihr Standard-Triebwerk, das mit Flüssigsauerstoff und Kerzenwachs befeuert wird und 75 Kilonewton Leistung hat, bereits im September auf dem Raketen-Testgelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen gezündet. Bald nutzen sie auch einen Prüfstand des Shetland Space Centres auf Unst, der nördlichsten Insel Großbritanniens. "Dort werden wir den Start der ersten Höhenforschungsrakete vorbereiten", sagt Hyimpulse-Chef Mario Kobald der SZ. Die Rakete soll im September von Unst oder vom schwedischen Startplatz Esrange aus starten und voraussichtlich 250 Kilogramm Nutzlast mit wissenschaftlichen Experimenten auf eine suborbitale Flugbahn von 60 Kilometern Höhe bringen. Ein weiterer Start der Rakete SR 75 auf mehr als 100 Kilometern solle folgen.

Während die beiden Mitbewerber spätestens 2022 ins All wollen, plant Hyimpulse für Mitte 2023 bereits den ersten Orbitalflug seiner dreistufigen Kleinrakete Small Launcher 1 (SL1), die von 16 Hybridmotoren zweier Typen angetrieben wird, "wir wollen keine unrealistischen Pläne machen", sagt Co-Chef Christian Schmierer. Dieser Flug führt in einen niedrigen Erdorbit von 400 bis 600 Kilometern Höhe und transportiert bis zu 500 Kilogramm Nutzlast eines Kunden ins All, "reguläre kommerzielle Flüge möchten wir dann ab 2024 anbieten" - 2025 bereits sechs Starts.

Von 2030 an plant Hyimpulse 30 Starts pro Jahr

Das junge Team besteht derzeit aus etwa 50 Mitarbeitern und produziert in einer 1000-Quadratmeter-Halle in Neuenstadt am Kocher bereits Tanks und Triebwerke sowie Paraffinblöcke für die Tests. Es will von 2025 an zunächst etwa zehn Raketen im Jahr bauen, allein dafür sind 120 Standard-Triebwerke für die erste und zweite Stufe nötig. Von 2030 an sind gut 30 Starts jährlich geplant, später 50. "Das geht dann in Richtung Kleinserienfertigung, wodurch wir auch die Kosten und den Preis pro Kilogramm auf 16 000 Euro senken können", sagt Kobald. Ein Start würde dann acht Millionen Euro kosten. Für 2030 ist sogar ein Kilopreis von 7000 Euro geplant. Zum Vergleich: Space-X wirbt bei seinen Rideshare-Flügen mit 5000 Dollar pro Kilo.

"Wir befinden uns an der Schwelle, an der aus der Manufaktur eine Industrie wird", sagt Thomas Jarzombek, Raumfahrtbeauftragter der Bundesregierung. Start-ups wie Hyimpulse seien die europäische Antwort auf Space-X, während vor zehn Jahren noch die europäische Trägerrakete Ariane die Benchmark gewesen sei. Die Gründer wollen ihren Kunden auch ausdrücklich eine Alternative zu Mitfluggelegenheiten bieten, wie sie Space-X im Programm hat. Erst kürzlich hat der Flug Transporter 1 insgesamt 143 Kleinsatelliten mehrerer Kunden in die Erdumlaufbahn gebracht. "Es ist schwierig, wenn die eigene Nutzlast nur eine von vielen ist, dann hat der Kunde nicht viel Einfluss auf den Prozess und kommt monatelang nicht an seinen Satelliten", sagt Schmierer. Bei Hyimpulse könne der Kunde noch bis kurz vor dem Start am Satelliten arbeiten, da es bei dieser Hybrid-Technologie keine Explosionsgefahr gebe.

Abgesehen davon will Hyimpulse kürzere Wartezeiten bieten. "Wir hoffen, die Vorlaufzeit 2025 bis auf einen Monat reduzieren zu können", sagt Kobald, "wir schaffen einen Linienflugverkehr im Weltraumtransport". 2020 habe es bei Satellitenstarts eine durchschnittliche Wartezeit von sechs bis acht Monaten gegeben. Hyimpulse erwartet Kunden des Telekommunikations- und Agrarbereichs, aber auch Kartenanbieter, Versicherungen oder Wetterdienste. Und der Markt boome: Bis 2025 soll sich das Volumen bei Satellitenstarts laut Hyimpulse im Vergleich mit 2019 fast verdreifachen - auf 6,8 Milliarden Euro.

Endmontieren will Hyimpulse die Rakete in der Nähe des Startplatzes, der bisherige Produktionsstandort aber beibehalten werden. Was den Startplatz selbst betrifft, so planen die Gründer erst einmal mit mehreren landbasierten Einrichtungen. "Eine Seeplattform ist auf jeden Fall eine interessante Option, hat aber ein paar technische Herausforderungen", sagt Schmierer zum viel diskutierten Startplatz in der Nordsee.

Die nächste Finanzierungsrunde soll 25 Millionen Euro bringen

Die Finanzierung des 2018 gegründeten Start-ups sei gesichert, sie liege mittlerweile im zweistelligen Millionenbereich. Dazu gehören auch EU-Zuschüsse von 2,5 Millionen Euro. Hauptinvestor ist die Schwarz Holding aus Ottobrunn bei München, Inhaberin des Testdienstleistungs-Unternehmens IABG. "Bis zum Orbitalstart suchen wir weitere Geldgeber", sagt Schmierer, es gebe bereits Interessenten. "Wegen unserer günstigen Hybridtriebwerkstechnologie brauchen wir in der nächste Finanzierungsrunde lediglich 25 Millionen Euro", sagt er. Später sollen es aber bis zu 100 Millionen Euro werden.

Langfristig will Hyimpulse die erste Stufe, die teure Turbopumpen und Tanks enthält, wieder verwenden, um die Rakete günstiger zu machen, aber auch mittels 3D-Druck und einer intelligenten Fabrik Kosten senken. Die Gründer blicken zudem über die Kleinrakete hinaus. "Es ist denkbar, mit unserem Antrieb Raketen von der Größe der Ariane, Sojus oder Vega zu bauen", sagt Schmierer. Kobald sieht jedoch noch keine Priorität, zumal es ja Probleme gebe, die Ariane auszulasten.

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