Raumfahrt:Raketen sollen bald von der Nordsee aus starten

Schwimmende Startrampe für Kleinraketen in der Nordsee. Credit: Harren & Partner/oh

Die German Offshore Spaceport Alliance (Gosa) plant einen schwimmenden Raketenstartplatz in der Nordsee. Illustration: Harren & Partner

(Foto: Illustration: Harren & Partner)

Deutsche Firmen wollen von einem Schiff aus kleine Raketen ins All schießen und schließen erste Kooperationsverträge. Dabei ist der Startplatz umstritten.

Von Dieter Sürig

Irgendwo im Nordwesten der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone in der Nordsee, Hunderte Kilometer von Bremerhaven entfernt: In einem Spezialschiff öffnet sich ein etwa 30 Meter langer Container. Langsam taucht eine kleine Trägerrakete samt Startgerüst aus dem Behälter auf und positioniert sich vertikal nach oben. Bis diese Vision der German Offshore Spaceport Alliance (Gosa) in Bremen für eine schwimmende Raketen-Startplattform Realität wird, sollen noch etwa zwei Jahre vergehen. Dann könnten kommerzielle Anbieter dort Satelliten in den niedrigen Erdorbit starten, etwa für Erdbeobachtung, Klimaforschung oder Breitband-Internet.

Drei Wochen vor der Bundestagswahl haben die Gosa und der Industrieverband BDI nun öffentlichkeitswirksam erste Kooperationsverträge mit vier Raketen-Start-ups unterzeichnet. Dass neben der Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse auch T-Minus aus den Niederlanden und Skyrora aus Großbritannien dabei sind, soll die europäische Komponente unterstreichen. "Die Startplattform stärkt damit das gesamte New-Space-Ökosystem in Deutschland und Europa nachhaltig", sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Der BDI hatte die Idee eines deutschen Startplatzes erstmals 2019 vorgestellt.

New Space sei der "Schlüssel für neue Technologien, für globale Vernetzung und datenbasierte Geschäftsmodelle", Stichwort sei etwa autonomes Fahren. "Deutschland hat jetzt die einmalige Chance, eine New-Space-Wertschöpfungskette ... aus kleinen Satelliten, kleinen Trägerraketen und einer Startplattform in der Nordsee neu aufzubauen", so Russwurm. "Wir wollen natürlich, dass der Weltraumbahnhof in der Nordsee kommt", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und kündigte eine Machbarkeitsstudie an. Er hält auch die Kooperation mit ausländischen Start-ups für sinnvoll. "Wir machen einen Schritt gemeinsam mit unseren Nachbarn in Europa."

Das Konsortium Gosa, mit dem das Raumfahrtunternehmen OHB, die Firmen Tractebel Doc Offshore, BLG Logistics und Media-Mobil, die Reederei Harren & Partner sowie der Versicherer Lampe & Schwartze den Bau eines Raketenstartplatzes auf den Weg bringen wollen, befindet sich mitten in der Planung. "Wir wissen noch nicht im Detail, welche Genehmigungen wir genau brauchen, das prüfen wir gerade", sagt die Gosa-Sprecherin. Und die Liste, die abgearbeitet werden muss, ist lang: Neben Umwelt- und Naturschutzthemen geht es auch darum, Luftraum und Seebereich um das Startschiff zu sichern.

Raketen fahren per Bahn zur Nordsee

Was die Betreiber schon ziemlich genau skizzieren können, ist der Ablauf eines Raketenstarts. So kommen Raketenteile und Satelliten per Bahn nach Bremerhaven, wo Raketenhersteller und Kunden sie in einem Hangar mit Reinraum zusammenbauen. Ingenieure und Techniker verstauen die fertige Rakete dann liegend in einen Container und verladen ihn auf dem Schiff. An der Startposition auf See schließen sich bis zu sieben Tage für die Vorbereitungen an. Wenn die Crew dann auf das Begleitschiff wechselt, kann die Betankung der Rakete beginnen, Sicherungsschiffe kümmern sich um den Schiffsverkehr. Nach dem Start fischt ein Bergungsschiff die ausgebrannte Raketenstufe aus dem Meer.

Nach Angaben der Gosa sind mit einer Startplattform bis zu 25 Starts pro Jahr möglich. "Wir rechnen damit, dass wir bis zum ersten Start 2023 maximal 27 Millionen Euro investieren müssen", so die Sprecherin. Die Initiatoren hoffen dabei auch auf finanzielle Unterstützung aus Berlin. Müsste alles privat finanziert werden, würden Starts teurer. "Das wäre für uns gegenüber anderen europäischen Startplätzen ein Wettbewerbsnachteil", sagt sie, zumal diese auch mit Steuermitteln aufgebaut würden.

Ein deutscher Raketenstartplatz ist umstritten, zumal in Schweden (Esrange) und Norwegen (Andøya) Startplätze für Forschungsraketen ausgebaut werden und weitere wie in Schottland in Planung sind. Zu den Kritikern gehört Daniel Metzler, Gründer des Kleinraketenbauers Isar Aerospace. Es sprächen "zu viele Argumente gegen eine Startplattform in der deutschen Nordsee, sowohl strukturelle und operative als auch wirtschaftliche", sagt er, da diese "sehr kostenintensiv" wäre. "Zudem ist es wirtschaftlich doch wenig sinnvoll, eine eigene deutsche Startplattform zu haben, wenn der europäische Bedarf bereits mit Norwegen und Französisch-Guyana abgedeckt werden kann." Das Unternehmen selbst will beide Startplätze nutzen. Nicht zuletzt fehle noch ein Raumfahrtgesetz, Haftungsfragen seien ungeklärt. Potenzielle Nutzer wie der Satellitenbetreiber Planet Labs freuen sich hingegen auf den Startplatz. Damit werde Deutschland über ein komplettes Space-Ökosystem verfügen und viel Interesse auf sich ziehen, sagte Direktor Martin Polak.

Schwimmende Startrampe für Kleinraketen in der Nordsee. Credit: Harren & Partner/oh

Die Kleinrakete soll mit dem Satelliten liegend transportiert und vor dem Start aufgerichtet werden. Illustration: Harren & Partner/oh

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