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Raumfahrt:Die volle Strahlung

Die Nasa wird das Bartolomeo-Forschungsmodul im März mit einem Dragon-Raumfrachter zur Internationalen Raumstation ISS in 400 Kilometern Höhe transportieren. Illustration: Airbus

Airbus will mit einer Forschungsplattform Geld auf der ISS verdienen und hat bereits die ersten Kunden.

Firmen und Wissenschaftler können für ihre Forschung künftig einen leichteren Zugang zum Weltraum erhalten. Möglich macht dies die Versuchsplattform Bartolomeo, die der Airbus-Konzern in Bremen fertig gestellt hat. Benannt nach dem jüngeren Bruder von Christoph Kolumbus, soll Bartolomeo im Frühjahr an der Außenhülle des europäischen ISS-Raumlabors Columbus montiert werden.

Für Airbus beginnt damit ein einzigartiges Experiment, weil Bartolomeo die größte kommerzielle Plattform auf der ISS sein wird und der Konzern damit Geld verdienen möchte. "Die nächsten Jahre werden zeigen, wie geschäftlich erfolgreich wir mit Bartolomeo sein können", sagt Projektleiter Per Steimle. Airbus-Ingenieure haben die 40 Millionen Euro teure Plattform seit Mitte 2017 in Kooperation mit der Raumfahrtagentur Esa entwickelt: Etwa zwei mal 2,5 Meter groß und knapp 500 Kilogramm schwer, bietet das Modul insgesamt zwölf Experimentierplätze mit jeweils einem Kubikmeter Volumen Platz.

Airbus möchte diese Plätze an Institutionen und Unternehmen vermieten, die dort Grundlagenforschung betreiben wollen. Dabei können Versuchsanordnungen mit jeweils 100 bis 450 Kilogramm Gewicht platziert werden. Für jeden Nutzlastplatz muss der Kunde etwa 3,5 Millionen Euro im Jahr berappen, es sind aber auch kleinere Versuchsanordnungen auf einem Sammelnutzplatz möglich, was dann etwa 300 000 Euro kostet. Der Start ins All ist dabei jeweils im Preis inbegriffen, ebenso der Datentransfer zur Erde. Eine vergleichbare Plattform auf einem Satelliten würde nach Airbus-Angaben alleine 20 Millionen Euro kosten, hinzu käme noch der Start mit etwa 30 Millionen Euro.

Steimle rechnet zunächst mit 60 Prozent Auslastung. Allerdings hat er auch jährliche Kosten von fünf Millionen Euro, die für den Betrieb eines kleinen Kontrollzentrums in Bremen und Kosten auf der Raumstation anfallen. Die Industrie sieht einen steigenden Bedarf nach Möglichkeiten, im All zu forschen. "Bartolomeo kann dazu beitragen, einen schnelleren und einfacheren Zugang von Unternehmen zum Zukunftsmarkt Weltraum zu ermöglichen", sagt Raumfahrtexperte Matthias Wachter vom Industrieverband BDI. "Solche Projekte unterstützen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Raumfahrt."

ISS-Astronauten haben in 20 Jahren gut 2000 Experimente gemacht. Seit 2008 gibt es auch im Columbus-Labor Versuchsracks, die laut Airbus zu etwa 60 Prozent genutzt werden. Wofür ist die neue Plattform also überhaupt nötig? "Bartolomeo bietet Zugang zum Weltraum außerhalb der ISS und damit auch den ungestörten Blick auf die Erde", sagt Steimle. Die Kunden brauchen für ihre Projekte also eine höhere Strahlung als in der geschützten ISS oder bessere Bedingungen bei der Erdbeobachtung. "Dabei kann man dort aufgrund der verhältnismäßig niedrigen Bahnhöhe eine viel größere Auflösung erzielen als vom Satelliten aus", sagt Steimle. Dies sei für Messungen von Spurengas- oder CO₂-Konzentrationen wichtig - gerade in Hinblick auf den Klimawandel.

Erster Kunde für Bartolomeo ist die Esa: Dabei geht es um Messungen der Plasmadichte in der Ionosphäre mit der Uni Oslo, die sonst nicht möglich sind. Weitere Kunden wollen Spurengase und die Wärmebilanz in der Atmosphäre messen. Nachfrage erhofft sich Steimle durch Ausschreibungen der EU-Kommission und der Vereinten Nationen. Er sieht auch Raumfahrt-Zulieferer als Kunden, die ihre Komponenten im All testen müssen. "Unser Konzept ist offen für alle, jeder hat die gleichen Bedingungen". Die Kunden haben dann via Internet selbst Zugriff auf ihre Projekte.

"Die Bartolomeo-Plattform ist ein exzellentes Beispiel für das Bestreben, nun auch einen kommerziellen Zugang zur Erforschung des Weltraums auf der ISS anzubieten", sagt Esa-Generaldirektor Jan Wörner der SZ. Airbus-Manager Steimle kann sich auch eine Forschungsplattform auf dem Mond vorstellen. Und Wörner, der von einem "Moon Village" träumt, zieht mit: "Die Erkenntnisse, die aus der kommerziellen Partnerschaft zwischen Esa und Airbus gewonnen werden, sind richtungsweisend für zukünftige Esa-Infrastruktur und Forschungsprogramme im erdnahen Orbit und auf dem Mond".

© SZ vom 24.01.2020
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