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Raumfahrt:Braucht Deutschland einen Raketen-Startplatz?

Eine Falcon 9 Rakete der Firma SpaceX hebt vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral, Florida, USA, ab.

(Foto: AP)
  • Eine Studie der Rocket Factory Augsburg (RFA), die zur OHB-Gruppe gehört, diskutiert potenzielle Raketenstartplätze in der Nordsee.
  • Das vorläufige Fazit von Walther Pelzer, DLR-Vorstand Raumfahrtmanagement: "Die Herausforderungen für die Standorte liegen in den Genehmigungsverfahren und den Kosten für Sicherheitsmaßnahmen."

Als der Präsident des Industrieverbandes BDI, Dieter Kempf, im Oktober forderte, einen "privaten Weltraumhafen" für Kleinraketen zu bauen, da klang dies nach einer fixen Idee, um bei einem Weltraumkongress des Verbandes Schlagzeilen zu machen. Dies jedoch verneint der BDI. Angesichts der deutschen Start-ups Isar Aerospace, Rocket Factory und Hyimpulse, die Kleinraketen entwickeln, habe man "eins und eins zusammengezählt", sagt BDI-Raumfahrtexperte Matthias Wachter. "Das Interesse der Industrie ist da - auch von Firmen, die kleine Konstellationen aufbauen wollen", versichert er.

Die Idee wurde aber vielerorts belächelt - zumal es Startplätze nahe Kiruna in Nordschweden und Andøya in Norwegen gibt. Weitere sind in Schottland, auf den Shetlandinseln und auf den Azoren geplant. Also viel Lärm um nichts?

Nach einem Vierteljahr, in dem auch schon Nordholz und Rostock-Laage als Standorte ins Spiel kamen, zeigt sich, dass die Idee aber wohl mehr war als ein Strohfeuer. OHB-Chef Marco Fuchs diskutiert nun eine neue Variante. "Bei näherer Betrachtung ist ein Startplatz auf dem Festland keine besonders gute Idee, weil dann auch besiedeltes Gebiet überflogen werden müsste", sagt er. Die Startplätze in Nordeuropa schließt er aus, weil sie nicht direkt am Meer liegen und/oder sich nicht (mehr) in der EU befinden. Er favorisiert deshalb einen Startplatz in der Nordsee, die FAZ hatte zuerst darüber berichtet.

Grundlage für seine Überlegungen ist eine Studie der Rocket Factory Augsburg (RFA), die zur OHB-Gruppe gehört. Sie diskutiert potenzielle Startplätze, die geeignet sind, polare und sonnensynchrone Bahnen im Erdorbit zu erreichen: Variante eins befindet sich nördlich der Insel Borkum; Variante zwei am Rande der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), in der Deutschland gewisse souveräne Rechte hat. Variante eins hat den Nachteil, dass eine Rakete in Richtung Polarbahn über norwegisches Festland fliegen müsste. Bei einem Ausweichmanöver würde die Nutzlast um 25 Prozent schrumpfen. Abgesehen davon: "Ein Standort in der Nordsee hätte logistische Vorteile, und die Startkosten würden reduziert", sagt Fuchs. Er sieht solch ein Projekt auch nicht als Konkurrenz zu den Azoren, wo RFA sich gerne selbst am Aufbau eines Startplatzes beteiligen würde, "zumal wir nicht nur einen Startplatz brauchen".

Die Startrampe könnte auf einer Plattform stehen, etwa auf einer ehemaligen Bohrinsel, oder auf einem Schiff. Für beide Modelle gibt es Beispiele. "Eine fest verankerte Plattform wäre billiger, ein mobiler Startplatz böte mehr Möglichkeiten", sagt Fuchs. Ein Investor müsste wohl einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag hinlegen, Steuergelder sollten außen vor bleiben. "Wir möchten einen rein privatwirtschaftlichen Startplatz" - ohne Subventionen. OHB komme als Eigner aber nicht infrage. Denkbar seien ein Betreiber von Öl-oder Windkraft-Plattformen oder auch eine Reederei. Fuchs glaubt, dass sich ein Investment lohnen würde: "Es gibt sehr viele Microlauncher-Projekte, das ist ein wichtiger Markt, der da kommt."

Matthias Wachter vom BDI hält die Idee für bestechend: "Ein Startplatz in der Nordsee hätte erhebliche Vorteile, weil Sie kein Land überfliegen müssen." Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) prüft das Projekt für das Bundeswirtschaftsministerium und erwartet aber einen großen genehmigungsrechtlichen Aufwand, wie Walther Pelzer, DLR-Vorstand Raumfahrtmanagement sagt. Für Variante eins werde es wohl wegen der Naturschutzgebiete schwierig: "Um dort eine Genehmigung hinzubekommen, braucht man schon viel Fantasie".

In Variante zwei könnten das hohe Schiffsaufkommen, der Flugverkehr, Windverhältnisse, aber auch Umweltfragen für Raketenstarts problematisch werden. "Während eines Starts müssen der Luft- und Seeraum gesperrt werden - wer das machen und bezahlen soll, ist bisher in keiner der uns bekannten Ideen betrachtet worden." Sein vorläufiges Fazit: "Die Herausforderungen für die Standorte liegen in den Genehmigungsverfahren und den Kosten für Sicherheitsmaßnahmen." Thomas Jarzombek, Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung, schwebt eine andere Möglichkeit vor: "Alternativ wäre es denkbar, dass die Rakete wie bei Virgin Orbit als 'Airlaunch' von einem Flugzeug aus startet". Von den Anbietern, die bis 2022 starten wollen, verfolge aber keiner dieses Konzept. Er will den Launchermarkt anschieben, der Bund hat dafür 27,5 Millionen Euro lockergemacht, "wir wollen damit einen Wettbewerb initiieren".

Wenig begeistert über einen eigenen Startplatz ist ausgerechnet ein Teil der potenziellen Nutzer. So bringe eine Seeplattform "komplexe operative Anforderungen mit sich", sagt Daniel Metzler von Isar Aerospace. "Das Handling der Rakete ist aufwendig und teuer, der Flugverkehr über die Nordsee schränkt die Startzeitfenster ein", sagt er. "Der Mehraufwand rechtfertigt sich nicht gegenüber einem Festland-Startplatz im EU-Ausland." Auch Hyimpulse-Chef Mario Kobald ist dagegen: "Es gibt Startplätze in Europa, die auch für deutsche Flüge verwendet werden." Ein Startplatz auf See sei "keine effektive technische und ökonomische Lösung". Letztlich solle sich die deutsche Raumfahrt darauf konzentrieren, "mit den begrenzten finanziellen Mitteln den Mini-Launcher zu entwickeln", fordert er.

© SZ vom 30.01.2020/mxh
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